Erlesene Mutterschaft XLIV

„Nachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren Kinderrücken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daß sie nun dem Verheißenen Land der Erwachsenen nähergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie müßte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (…).

Das arme Kind kauerte eine Stunde im Badezimmer, auf den kalten Kacheln der Wanne, hörte nebenan die Mutter im Wäscheschrank kramen und Schubladen rücken, horchte auf das Klirren von Kristallfläschchen und die Seufzer einer alternden Frau, und jetzt endlich ahnte es, daß es mehr als den Augenblick peinlicher Verlegenheit ein gewisses Lächeln fürchtete, ein Aufblitzen von Triumph in den Matronenaugen … Sie haben mich, dachte Frankziska, von panischer Angst erfaßt. Sie fühlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang jeden Morgen den tückischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiße Spülwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Übelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren Säften, ihrem Blut ernährte, und in einem Kreißsaal zu brüllen – und sie starrte, betäubt von der Vorstellung eines barbarischen Prozesses, auf ihren kleinen olivfarbenen Bauch, der ihr schon gewölbter erschien als gestern, sie stöhnte. Ein Gefäß, dachte sie, ich bin ein Gefäß geworden.“

Brigitte Reimann | Franziska Linkerhand

Alle bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XLIII

2 Kommentare zu “Erlesene Mutterschaft XLIV

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