Manche Freitage sind abwartend

Ich sitze auf der schmalen grauen Holzbank. Den Oberkörper etwas zur Seite geneigt, um einer störrischen Daunenjacke, die schräg neben mir hängt und sich in meine Richtung plustert, auszuweichen. Beantworte Arbeitsmails. In der Luft, alter Schweiß und Käsebrot. Mir gegenüber lehnt eine ältere Frau vertieft in ein Buch an der Wand. „Die Farbe von“, dann verdecken ihre Finger den Titel. Vor der Türe diskutiert eine andere Frau mit einem Kind. Ich verstehe ihre Sprache nicht und so klingen die schärfer intonierten Worte, die sie in fast rhythmischen Abständen an die halb geflüsterten Sätze hängt, wie das Klackern vom Wind gelöster Fensterbalken.

Immer wieder finde ich mich an solchen Orten, in denen ich mich aus der Zeit gefallen fühle. Ich sitze die Minuten und Stunden ab, während das Kind im Kindergarten eingewöhnt wird, schwimmen lernt, auf dem Klettergerüst turnt oder tanzt.

Diese Warte-Orte von Eltern empfinde ich nicht immer, aber doch meistens als unangenehmes Vakuum. Als Nicht-Raum im Sinne Marc Augés: „Sobald Individuen zusammenkommen, bringen sie Soziales hervor und erzeugen Orte. (…) Der Nicht-Ort ist das Gegenteil der Utopie; er existiert, und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft.“ Flughäfen, Supermärkte, Hotelketten und Flüchtlingslager sind solche typischen monokausal genutzten Nicht-Orte, an denen man nicht heimisch ist. Diese Orte haben keine gemeinsame Geschichte und bilden keine individuelle Identität aus – sie sind Zeichen kollektiven Identitätsverlustes und Vereinsamung. Charakterisiert werden Nicht-Orte nach Augé von einer kommunikativen Verwahrlosung.

Die Nicht-Orte der Elternschaft

Ich muss in dem Zusammenhang an das Stereotyp der „Soccer Mom“ denken – es zeichnet das Bild der (weißen Mittelklasse-) Mutter, die sehr viel Zeit damit verbringt, ihre Kinder zu diversen Freizeitaktivitäten zu kutschieren (unabhängig davon, dass es gerade in den USA, wo der Begriff geprägt wurde, angeblich ungleich mehr Väter als in Deutschland oder Österreich gibt, die diese Aufgabe wahrnehmen). Sachen zusammenpacken, Kinder einsammeln, losfahren. Das Stereotyp evoziert stressig-unangenehme Hektik und konzentrierte Aktivität.

Auch abseits dieser Imagination wird – zumindest in meiner Wahrnehmung – die von außen aufgezwungene Zeit des Wartens ausgeblendet. Dieses Warten in Räumen, die in vielen Fällen nicht dafür konzipiert sind, dass sich Menschen länger darin aufhalten. Obwohl doch völlig klar ist, dass genau das der Fall sein wird. Umkleidekabinen. Gänge. Vorräume. Kassenhallen. Die Wartezeit ist zu kurz, um wirklich Großes damit anfangen zu können, aber gleichzeitig zu lang, um lediglich eine wohltuende Pause oder Zäsur im Alltag zu sein.

Wintergedanken. Vielleicht. Ohne Schneeregen ist wieder mehr Spazieren.

Sky-Pony | Waiting Room

Anderes Freitagsnachdenken.

2 Kommentare zu “Manche Freitage sind abwartend

  1. Spannend, für mich ist es genau andersrum. Ich mag diese winzigen Spalten im durch und durch bestimmten Alltag. Sonst ist alles sorgfältig nach Zwecken bestimmt, und in diesen Wartemomenten bewegt man sich unter dem Radar dieser Bestimmungen. Ich finde gerade dieses Wilde und Undurchdachte irgendwie tröstlich, oder anregend. Vielleicht weil ich dadurch angeregt werde, es mir selbst nett zu machen, aktiv zu werden. Oder weil man dadurch die Möglichkeit hat, hinter die Kulissen zu blicken. Im Schwimmbad zum Beispiel bin ich auf die Empore gegangen und habe mir die Porträtfotos der sehr maskulin wirkenden DDR-Schwimmermädchen angeschaut, die versteckt im letzten Gang hingen. Das sind traurige Fotos, sie wurden versteckt vor der Öffentlichkeit, aber irgendjemand hat entschieden, sie doch nicht im Schrank verschwinden zu lassen. Beim Warten auf dem Gang in der Schule habe ich ganz viele andere Kinder kennengelernt, die genau so wie ich warteten, nur eben auf ihre Eltern. Sie hatten ganz viel zu erzählen. Und die ausgestopften Tiere, die in den Vitrinen zwischen Leben und Tod auf ihre Beerdigung warten. Es sind auch Momente ohne Hast und ohne Peilen-Müssen. Manchen Räumen merkt man plötzlich an, wie müde sie sind. Und es liegt diese Spannung in der Luft, wann die Veranstaltung zuende ist, das Kind angedüst kommt und das Leben wieder laut weitergeht. – Es könnte aber auch ganz böse als Unsichtbarmachung von wartenden Eltern verstanden werden.

    • „in diesen Wartemomenten bewegt man sich unter dem Radar dieser Bestimmungen“ … das, alles ist so wunderschön geschrieben ❤ ich mag alle arten von nicht-orten normalerweise auch – genau deswegen. aber diese speziellen nicht und nicht. wenn ich mich mal wieder verloren fühle, werde ich mich deiner zeilen erinnern und nach dem wilden und undurchdachten suchen. danke dir dafür!

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