Erlesene Mutterschaft XXXVIII

„Damals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhängen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhängt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wünscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich ähneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hätte es gerne genauso gehalten, aber ich fürchte, es gibt bei mir nichts zu verknüpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fünfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede über Musik wie andere über Essen.

‚Scheiße, Mama‘, brüllt Helli.

Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem Bürgersteig, und Helli schreit mich an:

‚Was machst du denn? Wir hätten tot sein können.‘

Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben müssen.“

Sieh mich an | Mareike Krügel

Weitere bisher dokumentierten Textausschnitte: Erlesene Mutterschaft I-XXXVII

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s