… und wenn es der Mutter schlecht geht?

Ich will auf die aktuelle Debatte rund um Attachment Parenting nicht eingehen [1]. Eigentlich. Alles, was ich dazu sagen würde, steht in diesem Twitter-Thread wunderbar zusammengefasst (… und ich bin vehement dafür, dass Eltern, die bindungsorientiert erziehen bzw. erziehen wollen, alle Unterstützung dafür erhalten, die notwendig ist):

@xnxnxmA

Hier geht’s zum Thread: @xnxnxmA

 

Ich will weiterdenken. Der Eltern-Erziehungsdiskurs ist zum Glück an vielen Ecken und Enden weggedriftet von „Hauptsache, dem Kind geht’s gut“ – auch wenn das strukturelle Setting noch immer recht konservativ-toxisch und misogyn ausgerichtet ist (Stichwort Schwangerschaft, Stichwort Hebammen, Stichwort Kinderbetreuung). Die Ersatz-Philosophie „Geht’s der Mutter gut, geht’s dem Kind gut“ ist aber meiner Meinung nach genauso schädlich. Oder – sie kann es für bestimmte Personen sein.

Denn: Was ist, wenn es der MutterTM eben nicht gut geht?

Welche Antwort geben Konzepte, die neuerdings als feministisch verkauft werden, diesen Müttern und Eltern? Ich verstehe die Intention dahinter und es ist ein tolles (fast revolutionäres feministisches) Umdenken damit verknüpft. Gleichzeitig spüre ich an mir selber, wie problematisch die Idee dahinter dennoch sein kann (dazu passend: „Meine Mutter war eine starke Frau“): Ich habe Migräne, phasenweise chronisch (Geburtsschmerz, my ass). Und wenn ich also tageweise unter Schmerzen meinen Alltag (nicht) bestreite, plagt mich zusätzlich das Gefühl, dass es meinem Kind deswegen extra schlecht geht. Not helpful. Ich denke, dass „gut gehen“ eine problematische Lebensbeschreibung oder ein mindestens schwieriges übergeordnetes Lebensziel ist. Es trifft schlichtweg auf die Mehrheit nicht zu – nicht in dem Ausmaß, das die Formel suggeriert.

Noch einmal umdenken

Vielleicht sollten wir also über dieses „gut“ reden? Und darüber, dass Kinder auch ein gut begleitetes und sicheres und stärkendes Aufwachsen erleben können, wenn es den Eltern nicht (immer) gut geht. Oder darüber, was es dafür bräuchte. Und zwar nicht als Annäherung an Attachment Parenting [2] oder irgendein anderes Erziehungs- und Lebenskonzept, das utopisch und aufgrund fehlender Voraussetzungen oder Ressourcen nicht (nie!) erreichbar ist, sondern als ein grundsätzliches und neuerliches Umdenken, das gleichzeitig wertschätzende und wertvolle Hilfestellung für möglichst viele Eltern in der Praxis gibt. Eine Möglichkeit sehe ich darin, nicht einen Soll-Zustand als Ausgangspunkt zu nehmen, sondern den individuellen Ist-Zustand im Kontext seiner strukturellen Einbettung.

 

Nachtrag: Nora Imlau hat einen umfassenden und interessanten Text über die Genese der Begrifflichkeit, seine Aneignung im deutschsprachigen Raum, William und Martha Sears und ganz wichtige offene Fragen (an jene, die zu AP in der Öffentlichkeit beraten) geschrieben: Die schwierigen Wurzeln des „Attachment Parenting“

 


[1] Mehr dazu hier: Auf welcher Seite erziehst du? (von Ursula Stark Urrestarazu) bzw. eine Zusammenfassung samt schönen Kommentar dazu gibt es hier: Attachment Parenting: Bedürfnisorientierte Erziehung als Messlatte für Eltern? (von Henriette Zwick)

[2] Wie konnte es eigentlich passieren, dass William Sears und Feminismus in einem Atemzug genannt werden? Im angloamerikanischen Raum gab’s 2012 eine Debatte zu dem Konzept und den (wissenschaftlichen) Missverständnissen dahinter: The Man Who Remade Motherhood (by Kate Pickert)

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