Postpartum Poems 1-3

Gundi, 58, Nurhausfrau (und Mutter)

Schafft den Spagat zwischen Müssen und Sollen
schon jahrelang. Nicht mehr. Getrieben
von den Begehrlichkeiten des Hauses
und den Langeweilen der Anderen auf der Hut.
Dauerwelle. Herbstlaub. Kastanie. Stolzes Grau.
Immerselbes Parfum. Weinerlich. Geschickte Hände.

Und dieser erstaunliche Stolz auf deine Kinder. Zwei.
Berühren das Herz. Von Zeit zu Zeit
mit ihren sporadischen Besuchen in dem Haus,
in dem du ihnen Heimat warst. Erwachsene heute
tätscheln deine Wangen. Sie liebkosen das geduldige Gemüt,

„Keine Butterkeks heute, Mutti. Nimm noch eine Sachertorte“,

lachen sie überzeugend mit ungelogener Süße
die rheumatischen Beschwerden zur Balkontür hinaus.

Die Erinnerung daran bleibt das Messer
im Rücken der Stille.

Giulia, 32, Lektorin (und Mutter)

Engagiert sich im eigenen Grätzl für mehr
Fahradabstellplätze und die Kinder der 2A Darwingasse.
Einnehmendes Aussehen. Ernährt sich
seit drei, vier Jahren vegetarisch. (Meistens.)
French Nails. Pink. Klarlack. Hellblau.
Sommersprossen. Kopfrechnerin. Krimisüchtig.

Und immer den Namen des verlorenen
Kindes in dem goldenen Herz am Hals baumeln.
Ein Bild der toten Großmutter, hebt sie abwehrend
die Schultern, wenn wir fragen. Nur das andere,
das am Leben gebliebene Kind weiß Bescheid. Eifersüchtig

„Ich weiß, du liebst uns beide, Mama. Kuschel mich ganz fest“,

streicht es manchmal über den Anhänger, wenn
du ihn am Badewannenrand vergessen hast.

Es hätte so viel lieber im wahren Leben
und nicht in bloßen Gedanken rivalisiert.

Sabine, 39, Pflegerin (und Mutter)

Ärgert sich jeden Morgen genau
einen Blick in den Spiegel lang über
ihre dunklen Augenringe, aber diese
Pigmentcreme (18,90 €!) deckt wirklich
tadellos. Wie von der jungen Apothekerin versprochen.
Schöne Zehen. Erfolglose Millionenshow-Kandidatin.

An freien Sonnentagen fährt sie mit ihrer Freundin
unermüdlich auf den Kahlenberg. Sich die Füße vertreten,
hat das die Mutter genannt. Der Sohnemann hängt,
neuerdings, lieber am Computer. Auch gut. Besser? Sie freut
sich auf die monotonen Dialoge. Hoch über der dreckigen Stadt

„Erzähl‘ mir von deiner Woche, Sabi. Routine beruhigt mich“

mit ihren kranken Alten. Samt ihren grantigen Blicken und
dem beißenden Gestank im heruntergekommenen Altbau.

Aber Mutters siebensüße Stimme echot jeden Rückweg
ein bisschen leiser von der Fassade der Seniorenresidenz.


postpartum ist immer.
(davor: Gesprächsfetzen. postpartum)

Ein Kommentar zu “Postpartum Poems 1-3

  1. Postpartum Poems 4-6 – aufZehenspitzen

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