Befüllt die Rabenmutter nicht mit Sinn!

Bei uns gibt’s heute wieder einmal nur Nudeln mit Gulaschsaft, ganz ‚bad mum‘!“ oder „Auf einen Absacker mit Freundinnen – so viel Rabenmutter muss sein.“ Das ironische Augenzwinkern der Sprechenden entlockt mir eher ein Augenzucken. Denn, ja, mir geht dieses Bad-Mom-Getue auf die Nerven. So, jetzt steht der Satz erst einmal da. Ich schiebe diesen Beitrag schon längere Zeit vor mich her, weil es mir schwer fällt, meine Gedanken zu präzisieren und sie jede Menge Raum für Missverständnisse aufreißen. In Wirklichkeit geht mir das Bad-Mom-Getue nicht einfach auf die Nerven, ich halte es für kontraproduktiv im Sinne einer feministisch verstandenen Begriffsaneignung; und nicht nur deswegen, weil Väter-Verantwortung wieder einmal ausgeklammert wird. Denn so sehr ich die Idee dahinter verstehe und selber bestimmt hundertmal ähnlich agiere, misslingt die Reklamierung des Rabenmutter-Begriffs meiner Meinung eben genau durch dessen Konkretisierung bitter – und zwar auf Kosten von Müttern, die nicht in der Position sind, damit hausieren zu gehen.

Es ist en vogue geworden, mit dem Rabenmutter-Begriff zu schäkern. Spätestens seit der tendenziell schief gelaufenen und dadurch verpassten #regrettingmotherhood-Debatte im deutschsprachigen Raum kokettieren Elternratgeber*innen und Best-Practice-Modelle mit dem Stereotyp der (eben nur vermeintlich) schlechten Mutter. Heuer wurde dieses auch noch wenig amüsant verfilmt (“Bad Moms” Is Even Less Funny Than You Could Possibly Imagine).

Radikale (reaktionäre oder esoterisch-alternative) Positionen in Bezug auf Kinderbetreuungspflichten von Müttern tun mir persönlich nicht weh. Jeder das ihre, denke ich. Wenn eine sagt, nur vollgestillte Kinder sind bestens versorgt – geschenkt. Oder wenn ein anderer behauptet, der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung schadet Kindern unter drei Jahren – LOL nope. Über die kann ich leichten Schrittes hinwegsteigen. Es sind die vorgeblich verständnisvollen Meinungen jener, die großzügig Selbstbestimmung, Bedürfnisorientiertheit und Aller-Wohl mitdenken und dabei trotzdem scharfe Bewertungsmaßstäbe setzen. Dann nämlich, wenn sie klare Grenzen des „Erlaubten“ ziehen. Denn sie sagen nicht einfach: „Natürlich schadet Fernsehen nicht.“ PUNKT. Sondern: Natürlich schadet Fernsehen nicht, im Gegenteil, wir sind doch eine medialisierte Welt, eine halbe Stunde am Tag kann jedes Kindergartenkind gut verarbeiten.“ Oder nicht nur: „Wieso sollen stillende Mütter nicht auch ausgehen können?„, sondern „Natürlich können stillende Mütter auch ausgehen, ob sie das schon das erste Mal nach drei Monaten oder eben erst nach einem Jahr tun, macht weder eine Rabenmutter noch eine Glucke aus ihnen.“ Und in der „Bad-Mom-Variante“ klingt das dann eben Social-Media-konform wie eingangs (fiktiv) zitiert. Natürlich kommen dann oft extra „Rabenmutter“-Gefühle hoch, wenn einer die selbstironischen Lacher indirekt erklären, was gerade noch geht – à la „Argh! Heute hab ich die Kinder eine Stunde Computerspielen lassen, damit ich durchatmen kann. Rabenmutter, ich!“ – und man selbst ganz andere Maßstäbe setzt.

Ich will mich und mein Handeln nicht einordnen lassen auf einem Kontinuum von gerade noch OK und perfekt (das immer gleichzeitig ein schlecht oder falsch miterzeugt). Gleichzeitig vestehe ich das Bedürfnis, den überzogenen Erwartungen an Mütter auf diese Art und Weise spöttisch zu begegnen. Allein, ich fürchte, wir reproduzieren sie durch die ständige Betonung, was erlaubt und grenzwertig ist, ebenso wie durch ihre kontinuierliche Konkretisierung.

Das Hauptproblem, das ich dabei sehe: Aus diesem sehr engmaschigen Kontinuum des Erlaubten fallen sehr viele Familien heraus, bei denen es über individuelle Befindlichkeiten weit hinausgeht. An dieser Stelle wird es unschön, elitär und produziert Klassismen: Nudeln mit Gulaschsaft (oder Ketchup) sind nämlich nicht zwangsläufig ein Zeichen für „Ich hatte eben keine Lust zu kochen„, sondern können auch Lebensrealität in ökonomisch armen Familien sein. Und sein Kind einen ganzen Nachmittag lang am Tablet Filme schauen lassen, kann der Bewältigungsversuch von Kinderbetreuung angesichts einer schweren chronischen Krankheit sein. Undundund.

Wie können wir (politisch wirksam) über tatsächlich problematische oder grenzwertige Lebenssituationen sprechen, wenn wir ihre Existenz ständig verniedlichen und ironisieren?

Die unperfekte Familie, zu der ein bisschen Chaos und Rabenmutter-Dasein dazugehören, ist das neue Ideal. Das macht es wie schon der #regrettingmotherhood-Diskurs (auf einer anderen Ebene, aber genauso wirksam) fast unmöglich oder zumindest sehr schwierig, sich über tatsächliche Familienrealitäten auszutauschen. Die Grenzen des so genannten Erlaubten und Pädagogisch-Wertvollen sind nur vorgeblich gelockert worden. Sie sind nach wie vor eng und fordern finanzielle, zeitliche und andere Ressourcen ein, die in vielen Familien ein rares Gut sind. Diese Diskrepanz muss abseits von Rabenmütter-Geplänkel sichtbar werden können – und zwar nicht, indem sich die einen von dem leidigen Etikett befreien und es indirekt den anderen aufdrücken.

Denn, nein, Nudeln mit Ketchup haben nichts mit Rabenmutterschaft zu tun – sie können ein Zeichen von (unproblematischer) Faulheit sein oder aber eines von Armut. Und Armut mit Rabenmutterschaft zu verknüpfen ist mehr als zynisch.

5 Kommentare zu “Befüllt die Rabenmutter nicht mit Sinn!

  1. DANKE! Ich lese seit Einsetzen des Kindeswunsches (feministische) Mütterblogs, weil neben dem Wunsch von Anfang an auch eine Scheißangst hochkam wegen des Risikos, das so ein Kind darstellt. Für meine Selbstbestimmung, die Gleichberechtigung in meiner Beziehung, mein weitees berufliches Fortkommen und das alles eben immer vor dem Hintergrund des Armutsrisikos. Ich bin so aufgewachsen, mit Nudeln und Ketchup zum Mittagessen und Schwarzbrot ohne alles mit Milch zum Abendbrot; mit großer Angst Zettel nach Hause zu bringen, auf denen irgendwas von Elterneigenanteil zu lesen war; mit geerbten Klamotten.
    Jetzt, da ich schwanger bin, kann ich die Erfahrung so vieler Bloggerinnen, dass Schwangerschaft offenbar alle Welt zu Ratschlägen, Bewertungen und ungefragten Bauchstreicheleien einlädt, so gar nicht nachempfinden und Dein Post hat mir endlich eine Erklärung geliefert: Die Begrenzungen meiner Kindheit waren vor allem Ökonomische. Wie etwas zu sein hat, konnte hinausgehend über den knappen finanziellen Rahmen, gar nicht groß diskutiert werden und spielt deshalb auch jetzt in der Art und Weise, wie meine Familie die Schwangerschaft aufnimmt, keine Rolle. Der Kommentar meiner Oma dazu, dass wir anfangs tragen und daher keinen Kinderwagen anschaffen wollen, war: „Schon mal eine Anschaffung gespart. Sehr gut, mein Kind!“ Vielleicht bin ich dieser Hinsicht bürgerlich aufgewachsenen Müttern und ihren äußeren Zwängen gegenüber privilegiert (Yay! Endlich mal!), für die ich, wenn ich darüber lese, oft nur ein müdes Lächeln übrig habe, mir dann aber, aufgrund der Masse an Texten zu solchen Themen, klar machen muss, dass da offenbar ein echter Leidensdruck dahinter steht.
    Und wenn ich von Rabenmüttern, die Nudeln mit Ketchup gemacht haben, lese, denke ich tatsächlich: Ey, sei verdammt nochmal dankbar, dass Du die Wahl hast!
    Deshalb Dank an Dich, dass Du hier zur Perspektiverweiterung einlädtst (und überhaupt für Deinen tollen Blog, mit dem Du das wieder und wieder tust)!

    • danke dir! für deinen kommentar mit dem blick in deine kindheit. es ist schön, dass er als erweiterung zu dem text hier steht ❤ und danke natürlich für die netten worte zum blog! alles gute!

  2. Hallo,
    ich lese die „ich Rabenmutter!“-Bemerkungen auch als Zeichen dafür, was man eigentlich von sich selbst als Mutter erwartet. Natürlich wirkt das dann auch auf andere, aber es könnte auch heißen „Ich erwarte von mir selbst besseres Essen für meine Kinder herzustellen, als ich es heute in der Lage war zu tun“. Ich denke, das kann auch ein erster Schritt sein, zu überprüfen, ob die eigenen Erwartungen an sich selbst immer so sinnvoll sind. Oft kommt als Feedback ja auch, dass viele Mütter es genauso tun – mit oder ohne Wahlfreiheit – und das kann ja dazu führen, dass man beim nächsten Mal Nudeln mit Ketchup nicht mehr „ich Rabenmutter!“ dazu denkt oder schreibt, sondern „ist halt so“.
    Das nur als Ergänzung, ansonsten teile ich deinen Eindruck voll und ganz.

    • ja, voll. ich denke auch, dass es eine art bewältigungsstrategie mit eigenen und anderen erwartungen ist. humor und ironie eignen sich dazu super und sind mit selber im alltag auch meist näher als gejammer (feminist killjoy und so). gerade in social media werden diese kommentare jedoch oft selbstläufer, weil das direkte gegenüber abhanden gekommen ist. damit kann der sinn einen dreh bekommen. und so wirken worte eben weiter und fallen auf uns zurück. ich wollte auch darüber nachdenken, warum die aneignung des begriffes „rabenmutter“ irgendwie für mich nicht funktioniert (weil es das ja bei vielen anderen begriffen tut). danke für deine ergänzung! lg

  3. Natürlich soll die Rabenmutter nicht mit Sinn gefüllt werden, doch ich denke, das Problem sind gar nicht die bloggenden Mütter, sondern eher all die Expertenmeinungen, die genau wissen, wie Kindererziehung geht, und alles abseits dieser Methoden fügt dem Kind wahnsinnigen Schaden zu. Es sind die Hebammen- und Stillberaterinnenartikel, die meinen, ein Kind müsse so und so oft für so und so viele Jahre angelegt werden; es sind die Kinderpsychologen, die meinen, man müsse genauso und nicht anders auf ein Kind reagieren, wenn es sich so und so verhält, sonst nehme das Kind wahnsinnigen Schaden; es sind die Ernährungsberater, die meinen, so und so müsse ein Kind gefüttert werden, sonst würde es sich nicht richtig entwickeln … HILFE! Ich weiß als Neumama schon gar nicht mehr, wie ich überhaupt aufwachsen konnte – meine Mama hat das alles sicher nicht gemacht! Und vor allem weiß ich als Neumama nicht einmal ansatzweise, wie ich all diese „Standards“ erfüllen soll! Und je mehr Artikel ich lese in Richtung „du sollst aber…“ desto schlechter wird mein Gewissen und desto öfter denke ich „oje, mein armes Kind, ich mache alles falsch!“. Das denke ich manchmal mit emotionaler Verzweiflung, manchmal aber auch mit einer gewissen Selbstironie, die besagen soll „Ich kann dem allen nicht gerecht werden – aber ist das wirklich wichtig, solange ich auf die Bedürfnisse meines Kindes eingehe? Und das kann ich eben nur, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse nicht vollkommen außen vor lasse!“ Muttersein/Vatersein ist in der heutigen Zeit Fluch und Segen zugleich: uns steht das gesamte Wissen des Internets zur Verfügung VS uns steht das gesamte Wissen des Internets zur Verfügung. Wenn ich mich nicht irre, sind wir die erste Generation (oder die zweite?) Mütter/Väter, die mit diesem medialen Wahnsinn zurecht kommen müssen/dürfen/können und uns so vielen Geboten ausgesetzt sehen – offen für alle Welt einlesbar und somit auch für alle nachprüfbar, was man alles falsch oder richtig macht.

    Und dann gibt es Mütter/Väter/Eltern, die gewisse Erziehungskonzepte hochhalten, als wäre es eine Religion und sich scheinbar dankbar auf jeden Fehltritt anderer stürzen. „Wie kannst du nur …?“, „Oh, mein Gott, das arme Kind …!“ In Aussagen wie diesen schwingt der Vorwurf „Du Rabenmutter/-vater“ doch schon mit. Vielleicht sehen manche Mütter auch in der Nichteinhaltung der „Standards“ tatsächlich eine Kindswohlgefährdung? (Hass)Postings dieser Art kann man vielleicht bis zu einem gewissen Grade vorbeugen, indem man sich selbst als eben solche/n Rabenmutter/-vater deklariert und somit zugibt, hier nicht ganz konform mit den heute üblichen „Standards“ zu agieren?

    Wer füllt „die Rabenmutter“ mit Sinn? Die selbst-deklarierten solchen? Die, die andere als solche empfinden, weil heutige „Standards“ nicht erfüllt werden? Expertenmeinungen, die uns versuchen einzutrichtern, womit wir unserem Kind nicht alles Schaden zufügen können und nicht selten die vollkommene Selbstaufgabe der Mutter fordern? Oder alle gemeinsam? Ich denke, dass gerade die von dir so genannten „Radikale[n] (reaktionäre[n] oder esoterisch-alternative[n]) Positionen in Bezug auf Kinderbetreuungspflichten von Müttern“ durchaus ihren Teil zur Sinnbefüllung des Begriffs „Rabenmutter“ beitragen und beide Positionen einander bedingen. Ich könnte mir auch vorstellen, fängt die eine Position an, mehr Gelassenheit an den Tag zu legen, wird die andere Position gar keinen Grund mehr haben als „Rabenmutter“ zu rebellieren und umgekehrt.

    Zum Schluss meines Monsterkommentars noch ein Wunsch: Ich persönlich würde mir mehr Gelassenheit und gegenseitige Unterstützung wünschen, in Bezug auf das Thema Kindererziehung. Keine Mutter ist perfekt, die allerwenigsten sind Rabenmütter im Sinne, wie ich mir eine Rabenmutter vorstelle, jede Mutter wird wohl das eine oder andere Mal an ihre Grenzen geraten, egal, welchen Erziehungsprinzipien sie folgt. Warum können wir einander nicht einfach unterstützen? Eine Mama, die aus finanziellen Gründen Spaghetti mit Ketchup reicht, muss unterstützt werden; eine Mutter, die chronisch krank ist, muss unterstützt werden; eine Mutter, die aus finanziellen Gründen ihre Kinder frühzeitig in den Kindergarten bringt, muss unterstützt werden – ebenso haben aber auch alle anderen Mütter, die von Zeit zu Zeit mit wie auch immer gearteten Krisen zu tun haben, ein Recht auf Unterstützung und sollten nicht verurteilt werden, weil sie etwas tun, was gerade in der Kindererziehung nicht „modern“ ist.

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