Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Das Kind und ich streiten mittlerweile schon fast eine Stunde lang. Es ist ein erbitterter Streit. Er kommt trotzdem fast ohne Worte aus. Fast eine Stunde lang stehen wir auf dem Gehweg neben dem Radstreifen. In dieser einen Nebengasse zum Park hin. Fast eine Stunde lang rebelliert das Kind mit seinem Körper gegen meinen Wunsch nach Vorwärtskommen. Wir bewegen uns kaum. Besser gesagt, das Kind bewegt sich kaum. Ich deute Bewegung an. Mache immer wieder einen Schritt. Will überreden, gut zureden. Versuche es mit Geduld, Geduld, Geduld. Strenge. Böse. Verzweiflung. Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

Eine Stunde, in der viele Menschen an uns vorbeiziehen. Fragende Blicke. Wissende Blicke. Aufmunternde Blicke. Befremdende Blicke. Selten fühle ich mich so allein wie in diesen Situationen, in denen ich in der Öffentlichkeit mit einem unkooperativen Kind zurechtkommen will und es mir nicht gelingt. Allein, weil es trotz so vieler Menschen an mir allein liegt. Ja, sicher, das Kind gehört zu mir. Es ist „mein“ Kind. Aber wenn mir die Einkaufstasche reißt, dann sind es auch meine Feigen, die den Gehweg entlang kullern, sind es auch meine Milch, mein Käse und meine Zahnpasta, die um mich herum verstreut liegen. Wenn ich mit einem verletzten Fuß zur Straßenbahn humple, dann ist es auch mein Leiden, das mich verlangsamt. Und wenn ich mit einem Stapel Altpapier vor der Hoftüre stehe, ist es auch mein Müll. Und trotzdem helfen mir in dieser Situation Menschen. Sammeln die Einkäufe mit mir zusammen ein. Drücken den Bim-Knopf, damit ich es noch schaffe. Halten mir die Tür in den Innenhof auf.

Von verzweifelten, wütenden, protestierenden Kinder halten sich die meisten Menschen lieber fern. Vielleicht aus Angst vor unerwünschter Einmischung? Vielleicht aus Ignoranz? Unlust? Vielleicht aus Unwissen, dass eine kurze sorgsame Intervention Situationen sehr schnell entspannen könnte? Vielleicht? Warumauchimmer.

Kinder sind Privatsache. In der Praxis. In der Theorie wissen es viele immer besser. Von der Schwangerschaft über die Babyjahre, die Kindergartenzeit bis hin zur Einschulung und schließlich zur Pubertät. In der Theorie bekommen Eltern und natürlich vor allem die Mütter eine Fülle von Ratschlägen, Verhaltensregeln und Verbesserungsvorschlägen. Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.

Fast eine Stunde also stehen das Kind und ich schon in dieser Straße. Unsere Wut füllt die paar Meter zwischen uns pappig aus. In diese kleine Alltagshölle taucht plötzlich unvermutet ein Passant ein. Einer, der nicht vorbeigeht. Er schaut mich fragend an, ich denke, er will sich vergewissern, dass das Kind nicht alleine ist und wir zusammengehören. Ich nicke. Schon steuert er auf das zornige Mädchen, das mit verschränkten Händen, das Fahrrad zwischen den Beinen, finstere Grimassen verschickt. Als ich näher trete, höre ich ihr Gespräch. Er fragt das Kind, warum es so wütend ist. Was es ärgert. Wir streiten schon so lange, sagt es. Er nickt mitfühlend. Dann zeigt er ihm einen kleinen Trick mit den Händen. Ein Versöhnungszauber, der immer wirkt. Versprochen. Ein paar Worte in einer fremden Sprache. Das Kind schaut ihn skeptisch an. Immer wieder zeigt er den Trick, hakt dafür seine zwei kleinen Finger ein. Nak nak sar. Oder so ähnlich. Das hilft bei allen Menschen, bei Kindern und bei Erwachsenen auch. Auch bei Jugendlichen, fragt das Kind.

Die Wut ist einfach weg. Ein Ausweg gefunden. Versuch es, ich verspreche dir, es wirkt. Er erhebt sich und richtet sich an mich. Ich hingegen bin immer noch wütend. Auch erleichtert, dass das Kind sich beruhigt hat. Wissen Sie, fängt er an. Wissen Sie. Es folgt keine aufdringliche Besserwisserei. Kein gut gemeinter Ratschlag. Kein altväterlicher Tipp. Er erzählt mir unbefangen von den Problemen, die er selbst mit seinem Kind hat. Vom Leistungsdruck in der Schule, der ihre Beziehung gerade hart herausfordert. Dann winkt er zum Abschied und lässt uns zurück.

Ich bin zu irritiert, dabei möchte ich ihm ein Danke nachrufen. Irritiert und erschöpft. Erleichtert. Vor allem erleichtert.

Gehen wir jetzt, Mama, fragt das Kind und tritt schon in die Pedale. Und vielleicht ist mir eine Träne über die Wange gelaufen.

(c) Tierney gearon

(c) Tierney Gearon via http://www.jacksonfineart.com | Untitled (Mother & Daughter, Palm Springs) from the COLORSHAPE Series

6 thoughts on “Fast eine Stunde lang stehen wir also in dieser Straße.

  1. Wunderbar, alles. Deine Beschreibung der Situation, der Mann. Oh, wie sehr ich diese Wutsituationen kenne! Und die Nicht-Hilfe, und die Blicke, und das Alleinsein.

    Aber ich muss gestehen: Ich interveniere selbst ganz selten. Ich trau mich nicht. Angst vor einer Abfuhr. Oder Angst, es nur noch schlimmer zu machen für das Elter.

    Eher schenke ich Kind und Elter ein aufrichtiges Lächeln und sage was in die Richtung, dass ich das sehr gut kenne und viel Kraft für den Tag wünsche. Ob es was ändert, weiß ich nicht. Aber mir hilft es, wenn jemand ein bisschen Freundlichkeit versprüht.

    • es war wirklich wunderbar. fast magisch irgendwie. und, ja! freundlichkeit versprühen, das hilft mir auch und versuche ich auch. ich habe vielleicht drei, viermal eine mutter gefragt, ob ich helfen kann. aber ich denke, da kommt automatisch ein nein, geht schon (war in den fällen so) und käme von mir auch. mir hat gefallen, dass der mann zwar mein ok eingeholt hat, sich aber um das kind gekümmert hat. ganz selbstverständlich.
      mein problem ist, dass ich solche situationen oft wohl nicht erkenne. dass ich in irgendwas vertieft bin. wegrollendes obst und gipsfüße sehe ich, aber diese verzweiflung von eltern nicht. und dann denke ich manchmal, vielleicht sind die einfach alle nie so verzweifelt wie ich. dabei müsste ich vermutlich nur besser hinschauen.
      ich will es mir vornehmen.

  2. Mein Gefühl, nicht zuletzt aus vielen, vielen Blogartikeln: Intervention wird als Beleidigung per se verstanden.
    Wie viel Hetze hab ich schon gelesen, wenn andere Menschen in Situationen mit Kindern hineingegangen sind.
    Mein trauriges Fazit: egal wie, die Anderen sind immer scheiße. Entweder ala ignorante Deppen, die die Mutter erbarmungslos in der Situation hängen lassen, oder eben als übergriffige Idioten, die die Mutter durch ihr Eingreifen bloßstellen wollen oder irgendein pädagogisches Konzept untermauern.

    Ich bin echt traurig darüber. Alle Unbefangenheit hat sich vom Acker gemacht.

    • intervention als beleidigung per se? egal welche? hm. ich ärgere mich auch über bevormundende einmischungen. das zeigt vermutlich von einem enormen druck aufseilten der eltern. aber zwischen grober intervention und unterstützender hilfe könnten, sollten eigentlich welten sein. es macht mich auch traurig, dass die unbefangenheit irgendwie verloren gegangen ist. wie bekommen wir sie wieder zurück?

      • „Aber wenn eine tatsächlich einmal Hilfe bräuchte, reicht es maximal für den missbilligenden, Augenbrauen hochziehenden, wertenden Blick: Schau, schau. Wie die ihr Kind einfach nicht unter Kontrolle hat.“

        Ein Schritt wäre es vielleicht, nicht gleich davon auszugehen, dass alle Vorbeilaufenden genau so denken.

        Ich glaube immer noch nicht, dass sich alle Leute/Eltern so feindselig gegenüberstehen. Das ist meistens nur die eigene Bewertung. Wer weiß, wie viele Leute euch gesehen haben und die voller Mitgefühl daran dachten, zu intervenieren, aber sich nicht getraut haben?

        • ja, danke für den hinweis. ich weiß, was du meinst und gebe dir recht. dass sich eltern feindselig gegenüberstehen, glaube ich auch nicht. gar nicht. dass in unserer gesellschaft jedoch eine gewisse kinderfeindlichkeit herrscht (angefangen von „kinder sollen am besten nicht auffallen“ bis hin zu lohnarbeitswelt ist nicht für eltern mit sorgeverantwortung konzipiert), denke ich schon. das meinte ich mit druck. ich glaube, dass dieser druck weg müsste, um annähernd unbefangener sein zu können. oder/und vielleicht ist es auch ein gesamtgesellschaftliches phänomen, dass man sich halt einfach nicht in die angelegenheiten anderer einmischt. dieser entfremdung kann ich auch durchaus etwas gutes abgewinnen (deswegen lebe ich lieber in der stadt als am land), aber es hat eben auch eine negative seite.

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