Wovon die Kinderlosigkeit von Politikerinnen (nicht) erzählt

Die Sunday Times hat eine Foto-Grafik mit kinderlosen Politikerinnen veröffentlicht. Genau. Innen. Es waren nämlich tatsächlich nur Frauen abgebildet. Die Liste nennt unter dem Titel „Childless politicians“ Theresa May, Angela Merkel, Angela Eagle, Ruth Davidson, Natalie Bennett und Justine Greening. Die Freude darüber war bei so manch Betroffener enden wollend:

twitter.com/RuthDavidsonMSP

Screenshot via twitter.com/RuthDavidsonMSP

Ausgangspunkt der mittlerweile breit diskutierten Grafik war die Erzählung der schottischen Politikerin Nicola Sturgeon. Sie berichtete über ihre ungewollte Kinderlosigkeit und eine Fehlgeburt vor ein paar Jahren. „Nicola Sturgeon was detailing a personal story, which she herself states is to overcome the taboo of talking about miscarriage, yet the paper reinforced every taboo with the panel they used to highlight it“, bringt die Gründerin von Women 50:50, Talat Yaqoob, die Kritik gegenüber theguardian.com schön auf den Punkt.

Abgesehen davon, dass männliche und weibliche Politiker*innen immer noch unterschiedlich behandelt werden (wie viele Politiker haben wohl keine Kinder?), wenn es um (Nicht-)Elternschaft geht, hat die Veröffentlichung auch gezeigt, wie biologistisch und ignorant Boulevard und Mainstream immer noch sind. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel zum Beispiel hat zwei Söhne, die ihr Mann aus einer früheren Partnerschaft mit in die Ehe brachte.

Keine Kinder zu haben, gerade dann wenn es sich um eine Frau* handelt, die in der Öffentlichkeit steht, wird unterm Strich häufig als Statement gehandelt. Immer noch müssen sich Politikerinnen den Vorwurf gefallen lassen, der Karriere den Vorzug gegenüber einer Familie zu geben. Dies wird ihnen als egoistischer und empathielos machender Charakterzug ausgelegt.

Dabei gibt es bekanntlich viele Gründe, warum Frauen* kinderlos sind. Sie alle gehen niemanden, schon gar nicht eine breitere Öffentlichkeit etwas an.

Dass Mutterschaft und Politik für viele kaum vereinbar sind, ist ein offenes Geheimnis – und das beginnt vielfach schon auf unterster Ebene. Die Orte, die Zeiten, die Rahmenbedingungen machen es gerade für junge Müttern schwer, daran teilzunehmen (… und ja, verrauchte Buden in linken Kreisen zähle ich auch zu kinderfeindlichen Orten, von wegen „einfach mitnehmen“). Elternschaft und die viele unbezahlte Arbeit, die daran geknüpft ist, ohne die eine kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren kann, lastet auf den Schultern von hauptsächlich Frauen*.

Die geringe Zahl der hochrangigen Politikerinnen, die auch Mütter sind, zeigt indes auch, dass es eine (wenn man so will) demokratische Schieflage gibt, wenn es um Repräsentation geht. Politikerinnen können, nachdem sie keine Arbeitnehmerinnen sind, in Österreich nicht einmal in Mutterschutz geschweige denn in Karenz gehen.

Und so ist diese Tatsache ein weiterer Mosaikstein im Erklärungspuzzle, warum die Politik – abseits von per se konservativen und patriarchalen Bestrebungen – auch weiterhin Forderungen nach mehr Kinder-Betreuungsplätzen, reduzierter Vollarbeitszeit oder besserer Unterstützung von Alleinerziehenden meilenweit hinterher hinken wird. Denn jene, die mit diesen Realitäten tatsächlich kämpfen, haben schlichtweg kaum adäquate politische Vertretungen.

3 thoughts on “Wovon die Kinderlosigkeit von Politikerinnen (nicht) erzählt

  1. Es gibt auch viele kinderlose männliche Politiker. Spontan fallen mir da Fischer und Schröder ein. In Deutschland haben am Ende ihres Lebens auch mehr Männer als Frauen keine eigenen Kinder. Das der Fokus bei der Kinderlosigkeit bei den Frauen liegt sicher auch daran dass die Feteralität bei den Männern theoretisch bis zum Ende des Lebens besteht. Und die Kinderzahl und andere statistiche demografische Kennzahlen nur von den Frauen der Popullation abhängen. Der Fokus der Diskussion also auf den Frauen liegt. Die Überschrift, des Ursprungartikels, ist schlicht falsch, da nur über einen Teil der Stichprobe gesprochen wird.

    Die Analyse des Kommentars trifft trotzdem voll zu. Es geht die Öffentlichkeit nicht’s an warum man Kinderlos ist und das Arbeitsfeld der Politik ist Familienunfreunlich. Für alle Felder des Berufslebens gilt das Menschen mit Careverantwortung zu wenig unterstützung erfahren.

    • Danke für deinen Kommentar und den Altershinweis! Ja, darum geht’s letztendlich immer auch – zuerst (bis 40?) diskriminiert, weil potenziell bald Mutter, sprich vermeintlich zeitlich eingeschränkt, und dann diskriminiert, weil nicht Mutter und darum abgewertet, weil „karrierefixiert“.

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