Popkulturelle Mütter-Gang

Ich bin kein Fan von Fergie Duhamel. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, zur Verteidigung ihres rundum kritisierten neuen Songs „M.I.L.F. $“ anschreiben zu müssen. Der us-amerikanischen The-Black-Eyed-Peas-Sängerin wird vorgeworfen, ihr neues Lied, sei ein feministischer Fehltritt, verlache „normale“ junge Mütter sowie deren wankendes Körperselbstbewusstsein und sie selbst gebe damit kein gutes (feministisches) Vorbild ab.

Aber es ist platter Pop. Pop in Reinform. Und in dieser heilen Popmusik-Welt wohnen neuerdings auch Mütter, die mit ihrem Selbstbewusstsein hausieren gehen. So what? Je mehr sich das mediale Mütterbild differenziert, umso besser. Und diese popkulturelle Mütter-Gang [1] trägt das ihre dazu bei. Mutterschaft, Stillen, sexuelles Begehren, Karriere – das alles wird im „M.I.L.F. $“-Video in eine glatte Barbie-Girl-Welt gegossen. Damit identifiziert sich vermutlich niemand – und entsprechend vermutlich auch keine Mutter. Aber warum sollte das auch plötzlich der Anspruch an Popmusik sein? (Oder hat sich tatsächlich irgendwer mit „Fergalicious“ identifiziert?)

Screenshot: Fergie "M.I.L.F. $"

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Die konstruierte Pop-Welt an sich (!) hat ungezählt viele Problematiken (Normschönheit, Sexyness-Muss, Sexualisierung und Objektivierung von Frauen*, Oberflächlichkeit, Geld-Fixiertheit usw.), aber dass in ihr jetzt auch Mütter vorkommen – und zwar als Akteurinnen –, tut dem Mütterbild gut. Die vielen Mütter in dem Video halten zusammen und setzen damit auch ein Zeichen gegen die medial herbeigeschriebenen Mommy Wars. Sie tragen ihre Mutterschaft nach außen, tanzen auf der Straße (ja, auch in der Milchdusche), verführen junge Männer (man muss der Herkunft des Akronyms schließlich auch gerecht werden) und treten beruflich wie privat auch kinderlos in Erscheinung. Außerdem mag ich die schiefe Milch-Metapher, die den gesellschaftlich gepflegten Ekel vor Muttermilch elegant umkehrt. [2]

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“

Popmusik folgt eigenen Regeln. Fergie zeigt mit ihrem Video: Ja, ich bin Mutter geworden, aber ich habe mich nicht verändert. Sie macht einfach das weiter, was sie immer gemacht hat: Hochglanz-Popmusik. Nur, dass jetzt sie jetzt eben auch noch ein Kind hat. Das ist eine starke und gute Botschaft. Eine feministische, wenn man so will.

Mutterschaft hat viele unsexy Momente, Phasen, Zeiten. Vielleicht wollen manche Mütter daran beim Konsum von Musik eben nicht erinnert werden? Vielleicht wollen sie sich in ihren Lieblingssongs auch als Mütter repräsentiert sehen? Jede Frau* hat ihre eigenen Ängste, was Mutterschaft aus einer macht. Die Angst, sich zu verändern und eine andere zu werden – werden zu müssen, ist eine von vielen. Deswegen finde ich es schön, wenn der Mainstream, in dem Mütter vor allem liebende Sorgewesen oder andernfalls zu verachtende Rabenmütter sind, um die Figuren, die Fergie in ihrem Video erschaffen hat, erweitert wird.

This whole mess doesn’t look anything like motherhood„, schreibt the Stir über das Video. Was soll man darauf auch erwidern, außer: Well, that’s the point, I guess.

Fergie M.I.L.F. $

Screenshot: Fergie „M.I.L.F. $“


[1] Kim Kardashian West, Chrissy Teigen, Ciara, Devon Aoki, Alessandra Ambrosio, Natasha Poly, Angela Lindvall, Isabeli Fontana, Amber Valletta, Tara Lynn, and Gemma Ward

[2] Chrissy Teigen, die Stillende im Video, teilt passenderweise auf Snapchat immer wieder Stillfotos. Sie hat die harsche Verhaltensmaßregelung, die Mütter in der Öffentlichkeit erfahren, auch am eigenen Leib erfahren und erst kürzlich die unleidige Kritik fürs Ausgehen-trotz-Jungmutter erfahren (‚Shame me too!‘ John Legend lashes out at critics of Chrissy Teigen’s parenting skills after they left their three-week old daughter with a sitter).

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