Erlesene Mutterschaft XXVIII

„Iris‘ Augen hatten getränt vor Müdigkeit, als sie früher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof müde ausgesehen, müde und alt, das waren meine ersten beiden Eindrücke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken müssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemäß gealtert zu sein, ihr Gesicht war schmaler geworden, alle Linien klarer.

Jockel stand schon auf dem Bahnsteig neben ihr. Es war Iris‘ Vorschlag gewesen, ihn zu unserem Treffen einzuladen, und ich hatte es nicht geschafft zu sagen, dass es mir gar nicht um irgendwelche Zusammenhänge von früher ging, sondern darum, Iris in ihrem Leben zu besuchen. Sie hatte ohnehin deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte.

‚Ich will eigentlich nicht, dass das Kind da ist, wenn wir uns wiedersehen‘, hatte sie gesagt. Von Jockel wusste ich, dass sie immer über ‚das Kind‘ sprach, so, wie sie früher über ihre Fotografien immer als ‚die Kunst‘ gesprochen hatte, als wollte sie mit einer Art ironischen Überhöhung verbergen, wie wichtig es ihr eigentlich war.“

Hanna Lemke | Gesichertes


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