Neue Väter. Ein Abgesang.

Die Sache mit den neuen (Medien-)Vätern wird schön langsam deprimierend. Wirklich. Die wollen einfach nicht verstehen, worum es geht, oder? Durch ihre öffentliche Präsenz, die mich bislang zwar manchmal nervte (Wo sind meine Kekse?), schaden sie aber mittlerweile feministischen Mütterkämpfen immer mehr.

Auf stern.de gibt es ein Papa-Blog namens Daddylicious. In einem Beitrag kritisiert der Autor Mark Bourichter die mediale Inszenierung der neuen Väter und ärgert sich darüber, dass diesen niemand zuhöre (bitte nicht vergessen, er schreibt das auf stern.de). Er sei gegen den Hype um die Super-Papas, außerdem sei es nach wie vor schwer für Männer, die Vaterrolle auch zeitlich intensiv wahrzunehmen. Dann betet er ausgelutschte Argumente zur Verteidigung existierender Zustände herunter, wie jenes, dass Väter eben so selten in Eltern-/Teilzeit gehen, weil sie ihre Chefs (sic!) daran hindern. Aber die Väter würden ihre Kinder natürlich auch lieben, wenn sie bis zur Bettgehzeit derselben im Büro arbeiten. Was es alles zu dem Text zu sagen gibt, steht schön niedergeschrieben in dieser Replik Ich liebe meine Kinder vom Büro aus (von Jochen König): „Dass es in dieser ganzen Diskussion um die Beteiligung von Vätern auch noch um etwas anderes geht als nur die völlig inhaltsleere Liebe zu den Kindern, unterschlägt er.

Damit hätte es gut sein können.

Aber Herr Bourichter fühlte sich seinerseits durch diesen Blogartikel genötigt, neuerlich auf dem Thema herumzureiten [1]. Er trete über seine Texte gerne mit Menschen in Dialog, erklärt er in der Kolumne Was macht einen guten Vater aus? Leider zeigt er mit dem zweiten Text, dass er nichts verstanden hat [2]. Null. Im Gegenteil, er reitet sogar noch einmal auf seiner Argumentation herum und blendet wieder jene Elternteile aus, die vom „Zeit fürs Kind“-Thema ebenso betroffen sind: „Hauptsache, ich bin zu Hause und mir kann keiner vorwerfen, ich wäre genau das viel zu selten? Zeit als Maßeinheit ist kein Garant für einen guten Vater„, schreibt Bourichter.

Hauptsache zu Hause sein, ja, das wäre in der Tat ein Anfang. Vater-Sein heißt nämlich durchaus auch Betreuungsverantwortung und -verlässlichkeit zu übernehmen. Das sollte ja der Sinn der „Neuen Väter“ sein oder? Was in dem Stern-Blog jedoch propagiert wird, ist eben nichts anderes, als wieder Ok mit dem alten Rollenverständnis zu werden – und ein Appell endlich damit aufzuhören auf die armen Väter zu hauen, die nichts für festgefahrene Strukturen können. Gesellschaftlicher Wandel? Nicht mit mir, Baby! [3]

Ja, ich würde meine Mittagspause lieber nicht damit verbringen, über solche Ignoranz nachzudenken. Anders als bei den Lebensentwürfen der Väter steht bei denen der Mütter aber tatsächlich mehr am Spiel als die Lästigkeit von Schulterklopfern. Die Liste der „Mankos“ auf Seiten der Mütter ist lang: Altersarmut, Frauen*armut, Benachteiligung am Arbeitsmarkt, strukturelle Benachteiligung von Alleinerziehenden, Abwertung der Care-Arbeit, Verantwortungslast, … Da geht es um mehr als die Gefühle eines Papa-Bloggers, den es schmerzt, wenn die Aufwertung der neuen Väter Hand in Hand mit der Abwertung des Väterbildes voriger Generationen geht, und der genervt ist, weil er die Klischees über Super-Papas nicht mehr hören kann. Diese Klischees nerven mich auch. Aber aus anderen Gründen. Bourichters weinerliche Beschwerden sind angesichts einer Gesellschaft, die Elternschaft um Muttermythen mit all ihren Konsequenzen baut, lächerlich.

Der Daddylicious-Schreiber schließt mit einem versöhnlichen Absatz, in dem er anregt, „Väter und Mütter, in Anbetracht einer gemeinsamen Verantwortung für den Familienalltag, nicht getrennt voneinander“ zu betrachten. Denn Familie bedeute neben Familie eben auch finanzielle Absicherung: „Das Männer ihr Rollenverständnis nur auf Kosten anderer durchziehen können, mag sicherlich auch vorkommen. Ich kann von mir und vielen anderen Vätern berichten, dass dies nicht der Fall ist.

Na denn. Alles paletti, oder?

Und genau deswegen beäugen feministische Mütter die so genannten neuen Väter auch immer so argwöhnisch: Es gibt nämlich kaum welche, die sich tatsächlich als Unterstützung im Kampf gegen die durch Elternschaft ausgelöste Schieflage erweisen. Im Gegenteil. In dem Sinne kann ich dem Text von Nadia Shehadeh „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ nur zustimmen. „Sie [Anm.: die angesprochenen feministischen Männer] können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen“, schließt Shehadeh den bissigen Beitrag, der offensichtlich auch für die meisten der (öffentlichen) neuen Väter umzulegen ist, die es nicht schaffen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Väter, die ihre Zeit und Reichweite dazu nutzen, zu erklären, wie weit wir es schon gebracht hätten, da das Vater-Verständnis der 50er und 60er Jahre passé ist und Väter ihre Kinder eh innig lieben würden, fallen Müttern und ihren Forderungen mutwillig und hinterhältig in den Rücken. Sie mischen sich getarnt in einen Diskurs um Elternschaft und werden aufgrund ihrer Mainstream-Kompatibilität von den großen Medienhäusern mit offenen Armen empfangen. Damit machen sie tatsächlich existierende Missstände aufs Neue unsichtbar.


[1] Interessante Dynamik. Hätte Daddylicious auch auf die Kritik von einem ähnlich prominenten Mama-Blog geantwortet? (Nachdem ich erst heute auf zitierte Beiträge gestoßen bin, hab ich das Thema bislang offenbar nicht mitbekommen – falls es darüber hinaus eines war. Gab’s vielleicht sogar andere Reaktionen auf den ersten Beitrag?)

[2] Rassismus hat Herr Bourichter übrigens auch nicht verstanden, wie dieser Vergleich aus dem Text zeigt: „Die Aussage, dass Liebe kein Kriterium für die Beurteilung der Leistung eines Vaters sein kann, ist für mich ebenso schwer nachvollziehbar und niveaulos, wie die Aussage, dass ein Mensch anderer Hautfarbe nicht mein Nachbar sein kann.

[3] Eine Frage an die Väter, die das traditionelle Rollenmodell in einer Vater-Mutter-Kind(er)-Kleinfamilie mit wirtschaftlichen Gründen erklären, und meinen, sie würden auch lieber mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Warum steigt ihr dann nicht mit den Frauen, denen das auch nicht gefällt, auf die Barrikaden? Sprich, warum kämpfen bei Kindergarten-Plätzen, Gender-pay-Gap und dergleichen immer noch vorrangig die Mütter?

4 thoughts on “Neue Väter. Ein Abgesang.

  1. Ich glaube, den meisten menschen fehlt wirklich die auseinandersetzung mit dem gesammten themenkomplex, manchmal höre ich einen unreflektierten satz und bin darauf so wütend und energiegeladen, dass ich ein ganzes buch als antwort schreiben könnte. Aber mein gegenüber hat keine lust und keinen sinn dafür es zu lesen, und kein verlag würde es drucken, weil es nicht in zum kurs passen wird. Am ende darf ich mir dann nur anhören, dass ich doch aus meiner opferrolle raus kommen soll. Von frauen…
    Allss ist so verfahren…
    Lovis

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