Erlesene Mutterschaft XXVII

Fließ-Weiland || „Vor Sophies Geburt hatten sie lang und breit darüber gesprochen, was für eine Sorte Eltern sie sein wollten. Jule hatte geschworen, niemals eine dieser hysterischen Mütter zu werden, die ihren Kindern auf Berliner Spielplätzen mit Feuchttüchern und Vollkornkeksen hinterherrannten. (…) Natürlich würde ein Kind manches ändern, aber das war kein Grund für permanenten Ausnahmezustand. Glückliche Eltern hatten glückliche Kinder, weshalb man bei allem Stress niemals vergessen durfte, auf sich selbst zu achten. Das nötige Babyzubehör bestellten sie im Internet; danach fühlten sie sich für alles gerüstet. Dann kam Sophie. Die ersten Tage nach der Geburt stellten einen surrealen Film dar, in dem es weder Sprache noch Tageszeiten gab, nur unklares Licht und klagende Laute. Sie irrten durch die Trümmer ihrer ausgiebigen Vorbereitung, zwei kopflose Erwachsene auf der Suche nach Schnullern, Windeln, Feuchttüchern, Söckchen. Hoben Gegenstände auf und ließen sie wieder fallen. Fingen alles halb an und vergaßen gleich wieder, was sie vorgehabt hatten. Im Bad stapelte sich die Schmutzwäsche, an der Haustür der Müll. Sophie schrie viel und war ziemlich hässlich. Ob man sie auf dem Arm trug oder ins Bettchen legte, sie streichelte, massierte, ihr etwas vorsang oder ein Kuscheltier vor ihrem Gesicht tanzen ließ – sie schien den Unterschied kaum zu bemerken. Von magischen Momenten oder überwältigenden Glücksgefühlen keine Spur.“

Gombrowski, geb. Niehaus || „Sie ertrug kein Geschrei und schon gar keine Gewalt. Jedes laute Wort erschütterte sie bis ins Mark, jede erhobene Faust fuhr ihr direkt in die Eingeweide. Im Laufe der Jahre hatte sich Elena in ein Auffangbecken für böse Worte und rüde Gesten verwandelt. Jede Form von Brutalität floss in ihre Richtung. Beschimpfungen, Drohungen, Schläge meinten immer sie. Als Püppi ins Trotzalter gekommen war und anfing, ihrem Papa Widerworte zu geben, hatte Elena gelernt, die gesamte zerstörerische Energie von Gombrowskis Wut auf sich selbst zu lenken. Fuhr eine Hand durch die Luft, stand Elena im Weg, um dem Streich eine Richtung zu geben. Es wurde zu ihrer Lebensaufgabe, Ursache und Ziel aller Gewalt zu sein, weil jeder Schlag, der sie traf, ihre Tochter verschonte.“

Kron-Hübschke || „Es war nie leicht gewesen, Krönchen zu durchschauen. Ihre Stimmungen wechselten schnell, und Kathrin hatte sie schon im Alter von drei Jahren dabei ertappt, wie sie mit einem Handspiegel im Badezimmer saß und Gesichtsausdrücke übte: schmollen, lächeln, flirten, Wut. Was, wenn Krönchen log, nicht aus bösem Willen, sondern so, wie Kinder eben manchmal die Wahrheit verdrehten, wenn die Phantasie mit ihnen durchging? Ein Abgrund öffnete sich vor Kathrins Füßen. Im nächsten Augenblick krampfte sich ihr Herz zusammen bei der Vorstellung, welche Ängste die Kleine in Hildes nächtlichem Haus ausgestanden haben mochte. Die Sehnsucht danach, ihrer Tochter zu glauben, war exakt gleich stark mit dem Wunsch, die schlimme Geschichte möge nur in Krönchens Einbildung passiert sein. Zwischen diesen beiden Fronten wurde Kathrin auf das Format einer Rabenmutter zusammengedrückt.“

Juli Zeh | Unterleuten


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