Muttersein. Nicht-Muttersein. Neu-Muttersein.

Zwei Monate nach der Geburt des Kindes war ich im Hamam. Nach den vielen mehr und weniger schmerzhaften körperlichen Erfahrungen im Wochenbett fand ich dort, zwischen zwischen den Marmorsteinen des Dampfbades, neu in meinen Körper zurück. Ich wurde mit Wasser übergossen, geschrubbt und eingeschäumt. Am Ende floss noch einmal erst warmes und dann eiskaltes Wasser über meinen Körper. Zum ersten Mal seit langem gehörte ich für kurze Zeit wieder mir alleine.

Mutter werden. Mutter sein. Als ich schwanger war, habe ich damit sehr gekämpft. Ich konnte es nicht in Worte fassen, aber mir war sehr klar: Ich wollte keine Mutter werden. Ein Kind haben, ja. Für ein Kind sorgen, ja. Verantwortung für ein Kind tragen, ja. Ein Kind lieben, ja. Elternsein, ja. Und selbst dieses Ja wackelte hin und wieder durchaus. Aber das Mutterkonstrukt, das ich auf mich zuschwappen ahnte, nein, ganz sicher, nein. Vor dieser Welle wollte ich davonlaufen. Ich schleppte die Vorahnung der Mutteridealisierung, der Mutterverantwortung und der Mutterzuschreibung wie eine Last in der Schwangerschaft mit. Fühlte mich erinnert an die Teenager-Zeit, in der es mir ähnlich mit dem Mainstream-Frauenbild ergangen ist. Ich wollte mich in diese Reihe der Normierungen nicht einsortieren lassen.

Hanna Putz

Bild via http://www.hannaputz.com (c) Hanna Putz

Dann habe ich feministische Mutterschaftsblogs entdeckt. Sie schafften Luft zwischen mir und der Last der Stereotypisierung, der Normativität, der Erwartungshaltungen. Ich hatte das Gefühl, wieder atmen zu können. Endlich gelang es mir, verschiedene Vorstellungen, was Elternsein für mich bedeuten kann, abseits bekannter Floskeln zu denken. Ich konnte eine andere Mutter sein, eine andere Mutterschaft existiert. Vor allem: Es gibt nicht  d a s  eine Muttersein. Beseelt von diesem neuen Selbstbewusstsein klickte ich mich durch die Beiträge von Fuckermothers, Glücklich scheitern, Bluemilk, Feministmum, Catzenkind, alsMenschverkleidet, Krähenmutter, unsichtbares, Babykram&Kinderkacke und ähnlich liebgewonnene Blogs. Ich mochte die unterschiedlichen Sichtweisen, die Denkanstöße und fühlte mich durch die Beiträge (feministisch) politisiert.

Als das Kind geboren war und ich nach dem ersten Chaos (und weiteren hundert Stunden am Smartphone Blogbeiträge lesend) durchatmen konnte, beschloss ich selbst über Mutterschaft und Feminismus zu schreiben. Zögerlich anfangs, aber kontinuierlich. Und schließlich auch im Kollektiv. Ich habe mich seitdem verändert, habe dazugelernt und sehe Vieles klarer. Was mir damals wie heute ein Anliegen ist: durch das (Be-)Schreiben den Muttermythos zu dekonstruieren. Mutterschaft neu zu denken. Muttersein hatte damit plötzlich etwas Kämpferisches. Ganz wesentlich für (politische) Forderungen ist die Erkenntnis, dass wir Mütter* viele Dinge teilen, aber viele auch nicht – sozioökonomischer Background, (Nicht-)Gesundheit, rassistische Diskriminierung, (un)sichtbare Begehren und (geschlechtliche) Identitäten, strukturelle (Nicht-)Ausschlüsse … Schon in der Schwangerschaft zeigt sich etwa, dass Selbstbestimmung auch eine Frage der finanziellen Mittel ist, wie Feminist Mum treffend festgehalten hat.

Die Blog-Landschaft hat sich in den vergangen fünf Jahren massiv verändert. Viele Eltern (vor allem Mütter) schreiben ihre Erfahrungen ins Netz, tauschen sich untereinander aus, bestärken sich. Sie machen Privates sichtbar und zeigen Schieflagen auf. Dazu kommt: die Eltern-Blogger*innen professionalisieren sich teilweise, wie ich es früher nur als us-amerikanisches Phänomen kannte wie Blue BirdA Cup of Jo und Girl’s Gone Child … und um den nächsten Absatz schleiche ich vorsichtig herum, denn ich will keinesfalls Mamablogs an sich (egal welcher Ausrichtung) kritisieren, die ich, wie schon vielfach gesagt (Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird), für sehr wertvoll halte. Es handelt sich eher um die resignierte Feststellung, dass Mutterschaftserfahrungen auch im Netz in letzter Zeit mehr und mehr auf einen bestimmten Nenner zusammengeschliffen werden. Und dass dieser bestimmte Nenner immer kleiner wird und immer weniger Mütter (be)trifft.

Jenny Lewis

„Laure and Tyrick“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

Denn die Masse und die neue starke Präsenz von Mamablogs erzeugt eine gewisse Normativität. Schon früher habe ich mir dazu anlässlich der Brigitte-Mom-Blog-Aktion Gedanken über das Schubladisieren von Mamablogs gemacht (Die Mutter, das private Wesen). Relevanz bekommt dieser sichtbare Nenner von Mutterschaft deshalb, weil er zur vermeintlich einzigen Stimme verwischt, die öffentlich gehört wird. Auch wenn Mamablogger*innen nach wie vor häufig belächelt und die Nasen über ihre Berichte gerümpft werden: Sie locken durch ihre Leser*innenschar das Interesse der Medien. Und so schreibt das Feuilleton heute tatsächlich (gefühlt?) massig über Mutterschaft. In den letzten Jahren gab es #regrettingmotherhood, Kritik an der Kritik der Latte-Macchiatto-Mütter, Pamphlete über Helicopter-Parenting und deren Widerlegung, Abhandlungen über den Mythos Mutterliebe, Alleinerziehende im Fokus, Bashing und Gegen-Bashing von Pinkifizierung, Mütter-Kinder-Armut undundund. Ich wage zu behaupten, der Fokus liegt dabei beim simplen Clickbaiting.

Mutterschaft durchläuft heute einen neuen Bewertungsspießroutenlauf. Das Private ist zwar sichtbarer geworden, aber die Trennlinie zum Politischen steht mauerhoch. Denn Schuld an Problemen und Miseren tragen die Mütter zuletzt doch selbst, so der Tenor. Bestens ersichtlich an den schönen Coverstorys im Nachrichtenmagazin Profil – wie aktuell, als eine Aussendung zum Aktionstag „Maternal Mental Health“ (diese bescheinigt, dass jede 5. Frau während Schwangerschaft bzw. im ersten Jahr nach der Geburt an einer psychischen Krankheit leidet) zum Anlass genommen wird, Müttern vorzuwerfen, sie machen sich durch ihren Perfektionismus selbst krank und schaden dadurch ihrem Nachwuchs, oder auch hier als erklärt wurde, welche Muttertypen welche Langzeitschäden bei ihren Kindern anrichten. Das Thema destruktive Mutterschaft kann auch ohne Misogynie und Ignoranz gesellschaftlicher Strukturen diskutiert werden!

Jenny Lewis

„Helen and Hudson“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

Deshalb lässt mich das Gefühl nicht los, dass sich trotz der Sichtbarkeit von Mutterschaft im Netz gesellschaftlich rein gar nichts bewegt. Nichts. Das Elternblog-Universum spiegelt in seiner Gesamtheit plötzlich wieder nur einzelne Aspekte von Mutterschaft eines bestimmten Milieus wider. Wichtige Aspekte, aber eben nur kleine Mosaiksteinchen. Es bestätigt sich beständig, dass auch Bloggen ein Privileg ist. Erst kürzlich hat Muttermensch festgestellt, dass die „Bloggerwelt eine Figuration etablierter weißer Akademikereltern“ sei. Die Schilderungen dieser „Figuration“ (die übrigens bestens repräsentiert wird durch das im Standard-Familiensachen-Blog fiktive Eltern-Wir – wo schnell klar wird, wen dieses Wir umfasst und vor allem wen nicht) färbt eine Sicht auf Elternschaft im Netz, die eben wiederum sehr einseitig ist. Wichtige Stimmen über Mutterschaft und die damit verbundenen Diskriminierungen, Schieflagen, Herausforderungen und Kämpfe werden marginalisiert und bleiben ungehört – entweder weil sie nicht ausformuliert sind oder weil sie von der Masse überschattet werden.

Nun frage ich mich, was das für (mein) feministisches Muttersein bedeutet, was aus dem Ziel geworden ist, (auch) übers Bloggen das patriarchale, das normative, das strukturell produzierte Mutterbildnis zu zerschlagen. Was nun? Oder besser. Wie sonst? Wie anders?

Heute war ich wieder im Hamam. Ich habe die Fragen über feministische Kämpfe um Mutterschaft mit in den heißen Dunst genommen. Antworten hat das keine gebracht. Aber vielleicht die Erkenntnis, dass der feministische Slogan „Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine“ dringend erweitert werden müsste. Reime sind nicht so mein Ding – aber ergänzt gehört, dass Kinder zu betreuen, erziehen und versorgen im Gegensatz dazu eben nicht alleine die Angelegenheit der Mutter sein darf. Und diese Forderung geht sowohl in Richtung soziale Familie, als auch in Richtung Feminismus und Politik (passend und sehr begrüßenswert dazu ist die heutige Forderung des Österreichischen Frauenrings nach Unterstützung für Alleinerziehende in Form einer Novelle des Unterhaltsvorschussgesetzes für ein wirksames Kindesunterhaltssicherungssystem).

Jenny Lewis

„Xanthe and Louie“ – One Day Young (c) Jenny Lewis | Bild via jennylewis.net

8 thoughts on “Muttersein. Nicht-Muttersein. Neu-Muttersein.

  1. Toll, kommt gleich auf meine Linkliste für den Mai. Magst Du noch so nett sein und mich auf die neue Domain verlinken? Also gluecklichscheitern.de, auf dem alten steht nur noch ein Beitrag – mit dem Hinweis auf die neue URL. Ich bin mir noch nicht aicher ob ich in Sachen Normierung ganz mit Dir gehe, aber der Geist scheidet sich eher beim Thema Aufmerksamkeitsökonomie (es gibt unterschiedliche Blogs aber sie werden unterschiedlich oft und anders wahrgenommen…)

  2. Links vom 20. Mai 2016 | Sqrrrl* Wants Revolution.

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