Boost your gleichberechtigte Elternschaft – in nur 31 Tagen!

Der Koalitionsstreit in Österreich um die Familienzeit, die eigentlich nur Papamonat genannt wird, schafft es wieder einmal prima, den Fokus weg von wesentlichen Problemfeldern zu lenken – und ignoriert nebenbei feministische Forderungen für eine strukturelle Unterstützung der Gleichberechtigung in (Hetero-)Beziehungen mit Kind(ern).

Es ist absurd zu glauben, dass, wenn der Vater (tatsächlich geht’s ja hauptsächlich um diesen) nach der Geburt 31 Tage mit Mutter und Kind verbringt, alles geritzt sei. Dass das gleichberechtigte Familienleben damit auf Schiene gebracht sei. Dass künftig beide Elternteile wissen, an welchem Tag mit welcher Breikost angefangen wird, wann die Windelpackung dem Ende zugeht und das Formular für den Betreuungsplatz abgegeben werden muss. Dass nach diesen 31 Tagen beide Elternteile in den kommenden gefühlt 1.356 Nächten gleichermaßen und zu gleichen Teilen nachts aufstehen, wenn der Nachwuchs ruft. Dassdassdass. Die Liste der Schiefheiten, die schon lange vor der Geburt beginnt (Stichwort: Jobchancen) und Schatten bis hin zu unterschiedlich hohen Pensionsansprüchen wirft, ist bekanntlich sehr sehr lang.

Familienzeit

Howto Eltern-Gleichberechtigung | Bild via jesusrodedinosaurs.blogspot.co.at

Aber die beiden Ministerinnen Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Sophie Karmasin (ÖVP) streiten sich wegen 31 Tage. Der Grund: Die ÖVP legte sich erst beim Rechtsanspruch und dann beim geforderten Kündigungsschutz für die Familienzeit quer. Das ist natürlich ebenso absurd. Wer bitte soll den Papamonat in Anspruch nehmen, wenn dieser die Lohnarbeitsstelle ins Wanken bringen könnte? Diese Groteske gefährdet zwei Jahre Verhandlungen für die Reform des Kinderbetreuungsgeldes. Immerhin: Nachdem es erst nach keinem Kompromiss ausgesehen hat, wollen Heinisch-Hosek und Karmasin nun wie gestern verkündet zumindest die Gespräche wieder aufnehmen. 

Ein kurzer Rückblick

Der Wandel des Karenzgeld-Modelles hin zum Kinderbetreuungsansatz unter Schwarz-Blau war ein wichtiger für alle nicht-angestellte Frauen. Denn zuvor gab es das Geld nur als Versicherungsleistung – Bäuerinnen, Studentinnen, Hausfrauen, Selbstständige schauten durch die Finger. Der Hintergrund war jedoch vor allem ein konservativer und taktisch motivierter. Bekanntlich gehören Bäuerinnen und Unternehmerinnen zur Stammklientel der Christlich-Sozialen. Die damals beschlossene Verteilung des Geldes (30 Monate gleich viel Geld für alle, sechs weitere Monate, wenn der zweite Elternteil die Betreuung übernimmt) unterstützte die ideologische Idee, dass Mütter bis zum Kindergartenstart der Kleinen die Betreuung der Kinder übernahmen. Später, unter Rot-Schwarz, wurde das Modell der Gesellschaft und den politischen Zielen angepasst: Wer seither kürzer in Karenz geht, erhält monatlich mehr Geld. Wenn der zweite Elternteil ebenfalls ein paar Monate das Kind betreut, wird die Bezugsdauer etwas erhöht. Außerdem ist der einjährige Bezug des einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeldes möglich.

Fehler in der Reform

Mit dem neuen Modell schnellte jedoch der Bedarf an Betreuungseinrichtungen hoch – ohne die aber seine Anwendung nicht immer möglich ist. Etwa wenn die Frau nach einem Jahr eigentlich wieder arbeiten gehen möchte, vor allem am Land es für Unter-2-Jährige aber schlichtweg keine öffentlichen Betreuungsplätze gibt und die privaten Krippen nicht leistbar sind. Was dann?

Die angekündigte Reform, die sich jetzt an der Familienzeit spießt, soll neben dem einkommenabhängigen Kinderbetreuungsgeld ein Kindergeldkonto mit Fixbetrag bereithalten. Die Rede ist auch von einem Bonus, wenn beide Elternteile Karenzzeit nehmen, und der Möglichkeit ein paar Wochen der Zeit nicht in den ersten angestrebten drei Jahren, sondern zum Beispiel beim Schuleintritt in Anspruch zu nehmen.

Mehr Krippenplätze bringt die alleinige Reform des Betreuungsgeldes allerdings auch nicht.

Papamonat-Schlagabtausch statt notwendiger Visionen

Und der Papamonat, die Familienzeit? Eine vierwöchige Elternzeit nach der Geburt ist wirklich wunderbar. Ein schönes Geschenk für den Start der neuen Beziehungsarbeit, für die Bewältigung des anstrengenden Nicht-Alltag und als Unterstützung fürs Wochenbett. Der heftige politische Streit über die Umsetzung dieser Familienzeit suggeriert aber fast, dass mit diesen vier Wochen  d a s  wesentliche väterliche Engagement geleistet wird. Die wirklichen Fragen der Vereinbarkeit löst dieser Streit ebensowenig, wie es die reale Möglichkeit eines Papamonats tun wird. Wenn Job und Familie zusammenpassen sollen, bleibt nichts anderes übrig, als auch die Unternehmen mit ins Boot zu holen – ob sie das wollen oder nicht. Es fehlen seriöse Diskussionen, die endlich die Rangeleien auf Nebenschauplätzen der Gleichberechtigung in den Schlagzeilen ablösen sollen. Es fehlt eine Vision, die nicht einzig das Vater-Mutter-Kind(-Kind)-Modell präferiert. Es fehlt an so vielem. Das Letzte in dieser Reihe, das Mütter nachhaltig unterstützt und deshalb dermaßen viel (politische) Energie fressen sollte, ist die vierwöchige Familienzeit.

Im Bundesdienst gibt es die Möglichkeit auf – allerdings unbezahlte – Frühkarenzurlaub seit fünf Jahren, seit letzten Sommer auch für Adoptiveltern und homosexuelle Elternpaare. Jeder 7. Vater hat dies bislang in Anspruch genommen, die absoluten Zahlen sind jedoch wenig berauschend: die Rede ist von 382 Bediensteten 2015. Immerhin, Tendenz steigend. Laut Entwurf zur neuen Familienzeit geht es künftig um eine Pauschale um 700 Euro. Für viele, gerade wenig verdienende Paare bedeutet selbst dieser Bonus ein Abwägen der finanziellen Mittel – auch darüber wird nicht diskutiert.

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