Erlesene Mutterschaft XXV

„‚Erzähl mir von deinen Kindern‘, bat er.

‚Warum?‘, flüsterte sie, fast ohne Stimme.

‚Weil du sie liebst.‘

Sie seufzte, ihre Brust und mit ihr sein Kopf hoben sich, sanken wieder. Dann schob sie ihn weg, setzte sich auf, Blick zum Fenster, die Arme um den Oberkörper geschlungen. ‚Es ist eine Illusion, Thomas‘, sagte sie. ‚Nichts bleibt.‘ (…)

‚Und die Zeit rast ja‘, fuhr sie fort, ’sie überholt dich auf deinem Weg, denn du trittst auf der Stelle, nur dass du immer älter wirst, es ist eher so, als ob man unter deinen Füßen den Boden wegzieht, immer weiterzieht, obwohl sich nichts ändert, oder es ändert sich zum Schlechteren, fast unmerklich ändert sich jeden Tag alles zum Schlechteren, du kannst die Zeit nicht zurückholen, du verlierst immer mehr Illusionen, jeden Tag eine andere kleine Illusion‘, sie senkte den Kopf, rieb mit dem Kinn über ihre Schulter, ‚und es ist nun einmal so, es ist ein Trugschluss: Deine Kinder sind keine Lebensversicherung, sie können deine Leere nicht ausfüllen, es überfordert sie, kein Kind kann seine Eltern retten, und niemand kann das Leben seiner Kinder leben.‘ Sie schwieg, ihr Gesicht wandte sich in die Dunkelheit des Gartens.

‚Aber du liebst sie, das ist das Wichtigste‘, sagte er.

Zwei stille Minuten vergingen.

‚Wir verlieren, was wir lieben‘, flüsterte sie.“

Monika Zeiner | Die Ordnung der Sterne über Como

 

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