Die Mama-Schublade

Endlich! Für die „Mama von heute“ gibt es nun einen Styleguide. Mit tollen und inspirierenden Fotos. Denn wir wissen: „Mutter, Freundin, Frau: Moderne Mamas vereinen viele Rollen in sich„. Alles wirklich ganz bezaubernd. Mama – der neue Modetrend. Der hippe Bildband vom Knesebeck-Verlag verspricht Vielfalt und will Mut machen – sprich: viele gut situierte trendige (fast ausschließlich weiße) Mittelschichtsfrauen … pardon … Mittelschichtsmütter. Auf den Fotos tummeln sich 25- bis 45-Jährige, die das Kunststück vollbracht haben, Mütter zu werden und Frauen zu bleiben. In ganz unterschiedlichen Konstellationen! Konstellationen meint in dem Fall: mit keinem, einem oder mehreren Männern in Voll- oder Teilzeit.

Tja, das ist wirklich die geballte Bandbreite (arme Mütter, lesbische Mütter, queere Mütter, arbeitslose Mütter, Teenage-Mütter … aber wer will denn all diese Fässer aufmachen?). Da ziehe ich lieber gleich meinen imaginären „Bad-Hair-Day-Hut“ und wälze mich in meinen „maximal beweglich[en]“ Hosen. Vielleicht setze ich demnächst auf mein rebellisches Potenzial und tauche in „Baumwoll-Pyjamahosen“ auf einer Abendveranstaltung auf oder, noch besser, „schock[e] beim Abholen der Kinder die anderen Mütter (…) mit [meiner] Glanzlederhose„, because I can – no risk, no fun. Danach lasse ich mich dann generös auf meiner Über-den-Dächern-von-Wien-Dachterrasse ablichten. So cool! So Frau-geblieben!

Aber vermutlich umsonst. Immerhin sind diese Styleguide-Frauen Ausnahme-Mamas. Den anderen Müttern ist ihre Lässigkeit nämlich zwischen den Hofer/Aldi-Rechnungen und der postpartalen Depression stecken geblieben. Oder sie haben einfach keine Nerven fürs Styling. Oder – imagine! – kein Interesse daran.

Unterm Strich: schöne Fotos, schöne Menschen, schöne Bedeutungslosigkeit. Oder eben nicht. Denn damit wird erneut die Markierung „Mutter“ als ausschlaggebendes Charakteristikum inszeniert – etwas, das mir wirklich sauer aufstößt. Denn nur als Lifestyle darf Mutterschaft herhalten, sobald es gesellschaftspolitisch wird, gehen die Wogen im Feuilleton hoch: nur nicht jammern, nur nicht bereuen, nur nicht öffentlich stillen, nur schön unsichtbar bleiben, liebe Muttis. Muttis – abwertend spucken die Autor*innen das Wort in ihre Proklamationen und Anschuldigungen. Wenn Mütter sich nämlich über ihre Lebenssituation beschweren, dann fällt es Kommenator*innen schwer Contenance zu behalten und über den Tellerrand zu blicken: Bitte behelligt uns nicht mit eurem Opfergehabe! Und noch fieser: Habt ihr denn nie Badinter gelesen? Oder Vinkens? Ihr hättet es besser wissen müssen, dass Muttersein eben kein Kindergeburtstag ist! Hättet ihr euch nur gebildet, anstatt euch von Instagram-Bildern verblenden zu lassen!

Oder von Styleguides.

Handelt doch endlich politisch, schreit uns aus der Zeit also zuletzt Kulturreporterin Susanne Mayer entgegen.

Ich bin sprachlos. Nein, wirklich. Diese Ignoranz und das Vorbeiargumentieren an Lebenswirklichkeiten, dieses Unsichtbarmachen von jahrelangen Kämpfen und diese elitäre Überheblichkeit, das alles macht mich einfach nur mehr sprachlos.

 

5 thoughts on “Die Mama-Schublade

  1. Ich muss zugeben, ich benutze das Wort „Mutti“ auch im negativen Sinne … allerdings auch für Frauen, die gar keine Mütter sind. Davon mal abgesehen, was soll das sein, der „Mutter-Style“? Für mich ist das im Moment: breifleckige Jogginghose und irgendein Oberteil, das ich immer dann mal wechsle, wenn es zu siffig wird. Meinem Kind ist es egal, mein Mann muss damit leben und sonst sieht es keiner. Oder außerhalb der Wohnung: Die gleichen Sachen wie vor dem Muttersein auch. Plus bequeme Schuhe und Rucksack statt Handtasche, weil die beim Kinderwagenschieben genervt hat. Dafür brauche ich keinen extra Styleguide, der mir zeigt, dass andere Mütter sich cooler anziehen können als ich. Dass es Frauen mit mehr Stilgefühl als mich gibt, wusste ich auch schon, bevor ich mich vermehrt habe.

    • „Die gleichen Sachen wie vor dem Muttersein auch.“ Das, genau! Wenn ich diese ganzen Texte und Bücher einmal beiseite schiebe, dann denke ich bei Mamy-Style im ersten Moment an coole Stillkleidung in unterschiedlichen Stilen, nette und leistbare Tragetücher (abseits der obligatorischen Bobo-Eulen etc.) usw. Da wäre ja noch Luft nach oben. Ich mochte früher (in seiner reduzierten Form) den Haupstadtmutti-Blog ganz gerne – ich hatte das Gefühl, dass die Bilder dort sichtbar machten, dass Frauen im Muttersein sich nicht in Luft auflösten. Aber angesichts des aktuellen Diskurses … wie eh schon gesagt.

      • Den Zeit-Artikel fand ich übrigens gut, weil mir die „Kinder machen gar nicht glücklich“-Berichterstattung auch auf die Nerven geht. Ich habe kein Problem damit, wenn Mütter mal jammern (mache ich selbst oft genug) und ich kann mir auch gut vorstellen, dass es genug Mütter gibt, die nicht glücklich mit ihrer Rolle oder ihrem Leben an sich sind – aber: Ich finde es falsch, das Kind als Glücksfaktor und Life-Booster hinzustellen, was wiederum durch die aktuelle Debatte wieder umgekehrt wird: „Oh, Kinder machen gar nicht glücklich! Na, na dann lasst es eben!“ Natürlich machen Kinder nicht glücklich. Warum sollten sie auch? Jeder ist selbst dafür verantwortlich, glücklich zu sein und man muss keinen neuen Menschen erschaffen als Glücksgarant. Deswegen sollten wir auch aufhören, dieses Mutterglück ständig von allen Seiten zu durchleuchten.

  2. Danke, danke, danke! Jedes Wort ist so wahr. Ich habe mich über den Zeit-Artikel auch so geärgert beim Lesen. Es ist zum Kotzen, dass es immer diese Stimmen sind, die dort zu Wort kommen. Und dieser Style-Guide, das ist diese „MILF statt Mutti“ – Scheiße. Furchtbar!

  3. Ab heute sag ich Frühling | gretaunddasleben

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s