„Nicht jeder mag in seiner Freizeit 24/7 von Kindern oder Müttern umgeben sein.“

… diesen Satz fand ich in einem Beitrag der Bloggerin Paula Deme in der Huffington Post*. Und weiter: „‚Warte mal, bis du Kinder hast!‘ – auch sehr beliebt. Wenn ich Kinder habe, meine Damen, wechsle ich aus der Szenekneipe in ein familienfreundliches Lokal, denn ich werde nicht verkrampft versuchen, weiter mein Leben so zu leben, wie es vor dem Kind war.“ So schön. Auch diese elegante Abwesenheit der Väter. Versuchen die auch „verkrampft, ihr Leben …“ –  lassen wir das. Nebenbei bemerkt: Deme ist Pädagogin. Auf Edition F darf sie als Folge des Mütter-Bashing-Artikels in der HuffPo erklären, warum Stillen super ist: „Heute möchte ich erläutern, aus pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht, warum stillen für das Baby wichtig ist und warum ich persönlich finde, dass es ein intimer Moment zwischen Mutter und Kind ist, der nicht in Mitten von Lärm oder einem Schaufenster stattfinden sollte.“ Sie empfiehlt ein Tuch über das Gesicht des Babys zu legen, damit es nicht abgelenkt wird. Nun, meine Stillerfahrung beschränkt sich auf einen Zeitrahmen, in dem das Kind noch zu klein war, um von irgendetwas abgelenkt zu werden – ihm ein Tuch über den Kopf zu legen, wäre also nicht für seinen Schutz, sondern nur für mich oder für andere gewesen. Ich stelle es mir aber lustig vor, zu versuchen, ein einjähriges Baby beim Stillen unter einem Tuch zu verstecken. Findet es bestimmt spaßig. Intime Stillmomente, my ass! Noch ein Tipp gefällig? „Vor dem rausgehen noch mal an die Brust legen, hält auch 1-3 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit, irgendwann hat das Kind ja einen Rhythmus den die Mutter kennt und somit sich etwas organisieren kann.“ Sprich: Organisiert euch doch einfach ein bisschen besser, liebe Still-Mamis!

Paula Deme, die übrigens auch Wickeltische in Toiletten als eine „rechte Zumutung“ empfindet, versucht in ihren Artikeln haarsträubend schlussfolgernd zu erläutern, warum es eben keine Diskriminierung ist, als stillende Mutter ein Lokalverbot zu bekommen.

Die Frage, die wir uns aber als Gesellschaft ernsthaft stellen müssen, ist die nach der Grenzziehung – welche Bevölkerungsgruppen dürfen konsequenzlos ausgeschlossen werden? Mütter? Eltern mit Kindern? Flüchtlinge? Menschen mit Behinderung? Die Petition gegen das Stillverbot in Berlin mag pedantisch daherkommen, aber diese andauernde stereotype Mutter-Darstellung als Argument und Begründung von öffentlichen Hassmonologen auf Mütter (Latte-Macchiato-Mütter, ihr erinnert euch?) ist einfach daneben. Ja, vielleicht gibt es ungute Muttertypen, aber das ist kein Grund für Ausschlüsse. Es geht ja wohl nicht darum, alle Mütter sympathisch zu finden. Tu ich auch nicht. Im Gegenteil. Aber so verhält es sich naturgemäß auch mit dem Rest der Menschen, mit denen ich zu tun habe. Aber Differenzierung ist nichts für besagte Autorin und bloggende selbst ernannte „Supper Nanny“. Sie unterstellt den Müttern, die sich über das Lokalverbot ärgern, Gift und Galle zu spucken, frustriert und unzufrieden mit dem Leben zu sein und als Vorbilder für ihre Kinder zu versagen.

Ich weiß nicht, was die Beweggründe der Initiator*in(nen) der Petition sind. Aber eines weiß ich bestimmt: Mütter, die gegen das Unsichtbarmachen der eigenen Lebensrealität kämpfen und gegen das Zurückdrängen ins Private mobilisieren, die sich stark machen in einer Gesellschaft, in der sie strukturell benachteiligt und unbehelligt auf Meinungsseiten bespuckt werden dürfen, sind die besten Vorbilder für ihre Kinder.

Wenn auch nicht so hasserfüllt und ätzend gefordert, Demes Wunsch danach, dass Eltern Nicht-Eltern doch bitte kinderfreie Bereiche gönnen sollen, hat eine bestimmte Salonfähigkeit. Liebe Menschen, die nach solchen Zonen dürsten, darf ich euch daran erinnern, dass Kinder auch Menschen sind!? Sorrynotsorry. Man kann nicht einfach eine ganze Bevölkerungsgruppe vom (halb-)öffentlichen Leben ausschließen und dann auch noch darauf bestehen, dass es sich bei dieser Forderung doch keineswegs um Diskriminierung, sondern um Rücksichtnahme handelt. Wie genau definiert ihr denn Diskriminierung?

In dem Sinne: Riot, Moms!

Bildschirmfoto 2016-02-24 um 22.10.59All of you!

Bildschirmfoto 2016-02-24 um 22.12.25

 

* Ich verlinke diesen und den anderen im Beitrag erwähnten Artikel nicht. Wer sich brennend dafür interessiert, kann die Suchmaschinen befragen. Das Grundübel an solchen Texten ist nämlich, dass sie von den großen Plattformen als kostenloser Content nur zu gern verbreitet werden, weil Mütter und Internet und bumm.


Nachtrag

Das Ärgern über die Thematik hatte auch etwas Gutes. Ohne die Bildersuche für diesen Beitrag wäre ich nicht auf diese schöne Stillgeschichte gestoßen (auch wenn ich der erwähnten Leche League kritisch gegenüber stehe): 

I am a transgender dad in a gay relationship who breastfeeds his baby boy

14 thoughts on “„Nicht jeder mag in seiner Freizeit 24/7 von Kindern oder Müttern umgeben sein.“

  1. Ganz ehrlich… es gibt so viele Orte, an denen sich Erwachsene aufhalten können und an denen sie garantiert nicht auf Kinder und stillende Mütter stoßen… Ich verstehe jetzt nicht warum ausgerechnet in einem Cafe Still- und Kinderverbot herrschen sollte. Was kommt denn als nächstes? Erschaffen wir doch direkt eine Parallelwelt für genervte Hipster.

  2. Ich wurde schon aus einem Cafe sehr unsanft rausgeschoben …. und zwar weil ich es wagen wollte, meinen Kinderwagen im Gastgarten abzustellen, wo niemand draußen war, in Wien , in der Pure Living Bakery, das war eine verstörende Erfahrung!

  3. Ja, Tuch über dem Kopf, genau, so einfach ist das. Dass diese doofen Mütter da nicht mal von selbst drauf kommen… Hab ich durchaus mal probiert mit dem Tuch, war dann nach 20 Sekunden wieder weggestrampelt, dann hab ichs halt gelassen. Sorry.

  4. ich denke die gute pädagogin ist zuhause besser aufgehoben, als in cafes und co, denn da könnte sie ja auf menschen treffen. vielleicht wäre es aber auch eine lösung wenn sie sich ein tuch über den kopf hängt für etwas mehr privatsphäre.andernfalls haut sie sich einfach alle 2-3 stunden, aber unbedingt bevor sie das Haus verlässt noch n liter bier rein, dann sieht sie es evtl. nichtmehr so verkniffen.

  5. Ist denn aber Rücksichtnahme nicht gegenseitig und kann der Cafebesitzer nicht zurecht Regeln aufstellen, wie er sie für richtig hält? Unabhängig von der Diskussion ob das jetzt schlimm ist oder nicht, Mutterschaft ist ja kein Argument einfach immer und überall alles machen zu dürfen, was man grad selbst für richtig hält. Und das Diskriminierungsargument finde ich auch fragwürdig, denn ein Café ist Privatbesitz, zwar ‚öffentlich‘, weil nicht die eigene Wohnung, aber dennoch kein öffentlicher Raum wie ein Spielplatz. Nur weil ich dort sitze und einen Kaffee bezahle gehört mir der Laden nicht. Ich miete Geschirr und Platz und kaufe allein die Flüssigkeit.
    Diese ‚ich darf alles machen was ich will Attitüde‘ stößt mir genauso auf, wie Diskriminierung. Und zuletzt frage ich mich, ob sich die Frauen mit dieser vehementen Diskussion nicht selbst schaden. Denn ob echte Diskriminierung in der Öffentlichkeit stattfindet ist gar nicht geklärt. Das können eben auch wirklich nur Einzelfälle sein und die passieren eben, wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinander treffen. Diese Einzelfälle so in den Vordergrund zu schieben verzerrt doch die Wahrnehmung und führt doch am Ende nur dazu, dass kaum einer das Thema noch ernst nehmen mag. Man denkt sich doch ‚Haben die keine echten Probleme?‘.
    Ich persönlich würde auf diese Petition mit 2,5 Jahren, also mind. 900 Situationen in denen ich außerhalb meiner Wohnung problemlos gestillt habe, antworten. Wahrscheinlich waren es ca. 3000 Stillsituationen. Und das mal all die tausend Mütter, die es genauso machen. Die Frage ist doch eher, gibt es da tatsächlich ein Problem, oder fühlt sich eine einzelne Mutter nicht einfach in einer einzelnen Situation (eingebettet in wahrscheinlich 1000 Gegenteilige Erlebnisse) auf den Schlips getreten. Dieser Eindruck entsteht bei den wiederkehrenden Grabenkämpfen bei mir nämlich.
    Der Aufschrei gegen systematische Diskriminierung beim Thema Arbeit jedoch wird lang nicht so engagiert geführt, so emotional und so gehypt. Oder der Kampf um die Qualität der Kitas. Oder die Vorsorgeproblematik. Oder die finanzielle Situation der Familien. Oder oder oder.
    Ich jedenfalls halte diesen Aufschrei der Mütter über öffentliches Stillen für Zeit- und Kraftverschwendung. Vielmehr zeigt es, dass die Mütter doch ein schönes Leben haben, wenn sie Zeit und Muse haben sich mit Baby ins Café zu setzen und sich was zu gönnen. Das wäre für mich die vernünftigere Relation, diese Sache zu sehen.

    • danke für deinen kommentar. du schreibst: „Der Aufschrei gegen systematische Diskriminierung beim Thema Arbeit jedoch wird lang nicht so engagiert geführt, so emotional und so gehypt. Oder der Kampf um die Qualität der Kitas. Oder die Vorsorgeproblematik. Oder die finanzielle Situation der Familien. Oder oder oder.“ ich finde schon, dass es hier viel viel viel engagement und aufschrei gibt – nur gehypt oder von medien in ähnlicher form aufgegriffen werden diese kämpfe leider nicht. man (= die großen viel gelesenen mainstream-medien) könnte ja auch einmal darstellen, warum ein einzelnes stillverbot so aufregt – vielleicht bringt es das fass aufgrund der systematischen diskriminierung ja auch einfach nur zum überlaufen.

  6. Meine kinder hätten in keinem alter ein tuch vorm gesicht geduldet, ich habe lange gestillt, 16 und 23 monate und nein, nie hat mich wer deshalb gebeten zu gehen, blöde blicke, ja, aber expotentiel mehr positive blicke, im laufen stillen, in der trage stillen in der s-bahn stillen und mit kinderwagen umsteigen, ich war stillend in fast ganz berlin unterwegs, aber zu bunt, um zu sagen worauf sich das kopfschütteln bezog, oft wurde mir in lokalen ein platz angeboten…ab und zu haben mich ein paar männer anzüglich angeschaut, alte, oder aus einem anderen kulturraum stammende…
    Und kinderftreie zonen gibt es zu hauf, schonmal was von erst ab 18 gelesen, da triffste nicht auf kinderlärm, reicht das denn nicht??? Und draußen wickeln ist oft das letzte für elternteil und kind, wickelunterlage ab in den kinderwagen und los gehts, so habe ich das gemacht, dumme blicke? -garantiert! Scheiß auf dumme blicke, ich hab mir nie was draus gemacht…

  7. Neues aus Bloggerhausen Nr 4.

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