Schwangerschaft in „Fargo“. Oder: Wie schwangere Körper (nicht) aussehen

Die beiden Staffeln Fargo (Noah Hawley), die seriale Adaption des Coen-Brüder-Films, sind aus vielen Gründen bemerkens- und empfehlenswert. Ein besonderer Genuss ist es, die Parallelen zwischen den beiden Formaten insgesamt, aber auch die Verbindungen zwischen den Staffeln während des Filmschauens zu entdecken. Vor allem das Frauen- und Familienbild ist an manchen Stellen wirklich eine Erwähnung wert: etwa die schwangeren ermittelnden Polizistinnen oder der Mann, der das „angeheiratete“ Teenage-Enkelkind sofort in ein Großvater-Herz schließt und eine Handlung ihrerseits mit „das ist meine Enkeltochter“ kommentiert. Oder wenn der Tod des werdenden Vaters als Tod eines Menschen, Freundes und Ehemanns betrachtet wird, ohne die üblichen Implikationen à la „Jetzt muss das Kind ohne Vater aufwachsen“ stereotyp wiederzukäuen. Oder die Ganoven-Großfamilie, an deren Spitze nach dem Tod des Mannes (fast) ganz selbstverständlich dessen Ehefrau steht und das Ruder ebenso fest und brutal in Händen hält. In der zweiten, Ende der 70er-Jahre angesiedelten Staffel kämpfen Frauen zwar durchaus mit Vorurteilen und Diskriminierung – nichstdestotrotz lässt der Film sie sich entwickeln und emanzipieren. Und, was aus filmanalytischer Sicht ebenso wichtig erscheint, er gibt ihnen Raum, zeichnet sie charakterlich ebenso gewissenhaft wie die männlichen Figuren und macht sie bzw. ihr Agieren handlungsrelevant.

Schwangere Ermittlerinnen

Ich möchte einen genaueren Blick auf die schwangeren Protagonistinnen werfen. Ein schönes Zitat des Films findet sich in der ersten Staffel in Person des schwangeren Deputys Molly Solverson (Allison Dolman), eine Reminiszenz auf die im Film von der wunderbaren Frances McDormand gespielten Marge Gunderson.

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Marge Gunderson (Fargo, der Film) | Bild via film.thedigitalfix.com | Fargo (c) Coen

Fargo

Molly Solverson (Fargo, erste Staffel) | Bild via http://reeldealblog.com | Fargo (c) 26 Keys Productions, The Littlefield Company, FX Productions)

Wie schon Marge Gunderson ermittelt auch Molly Solverson im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium. Und wie schon bei der Vorlage ist der Zustand der Protagonistin kein Grund für Sentimentalitäten. Beide Male werden die Schwangerschaften kaum thematisiert, bei Molly ein bisschen mehr als bei Marge. So sorgt sich der werdende Vater und Lebensgefährte von ersterer bei einem Telefonat um den Gesundheitszustand von Mutter (und Kind) – allerdings geht es dabei um eine geplante polizeiliche Falle für einen grausamen Vielfach-Mörder und seine Einwände passen gut in die allgemeine Ängstlichkeit des Charakters, der diese jedoch immerhin sehr vorsichtig und nicht bevormundend formuliert. Molly hält sich schlussendlich ohnehin nur vorübergehend an seinen Wunsch, sich aus der Schusslinie zu bringen.

Auch negative Begleiterscheinungen von Schwangerschaften werden beiläufig gezeigt: zum Beispiel, wenn sich Marge Gunderson dezent an einem Tatort übergibt oder Molly Solverson beim Abendessen nur kurz sitzen bleiben kann, da ihr sonst die Beine einschlafen, wie sie ihr Aufstehen kommentiert.

Molly ist nicht die einzige Schwangere in der ersten Staffel und die Inszenierung der ersten auftauchenden werdenden Mutter entspricht dem recht stereotypen Bild: die schwangere Frau, die daheim das Babyzimmer einrichtet und den arbeitenden Vater-in-spe am Arbeitsplatz anruft, um die Farbwahl für die Wand zu besprechen. Aber durch die beiden unterschiedlichen Darstellungen von Schwangerschaft und dem verschiedenen Umgang der beiden Frauen damit, die zudem freundschaftlich verbunden sind, existieren beide Lebensentwürfe nebeneinander und konkurrieren nicht. Das ist so schön, wie selten im Mainstream-Fernsehen zu sehen.

Frauenfiguren inklusive Ball-Bauch vs. tatsächlich schwangere Körper

Ebenfalls erwähnenswert: Anders als in den meisten Filmen werden in Fargo recht realistisch anmutende Schwangerschaftskörper gezeigt, nämlich nicht einfach solche, die aussehen, als hätten die Schwangeren einfach einen größeren Ball verschluckt. Denn, ja, schwangere Bäuche werden groß. Sehr groß. Und – surprise! – nicht nur die Bäuche verändern sich.

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„That is not what 40 weeks pregnant looks like“ (Bild und Bildtext via http://blog.longreads.com | Mad Max: Fury Road (c) Doug Mitchell/George Miller/P. J. Voeten)

Ester Bloom weist in ihrem Beitrag „The Problem with Hollywood’s Portrayal of Pregnant Women“ auf The Problem With Hollywood’s Portrayal of Pregnant Women darauf hin, dass sich diese Bilder der „falschen Schwangeren“ festsetzen und echt schwangere Prominente nicht selten vom Boulevard für ihre großen und Raum einnehmenden Körper beschämt werden. Bloom resümiert treffend, dass „fear of how a thing actually looks increases fear of the thing itself. Pregnant bodies are not stick figures with cute bumps in the front. They are large, they contain multitudes. They take up space and for excellent reason. Even if we can’t get to point as a society where we celebrate that, we should at least be able to acknowledge it.

Nach wie vor gibt es jedoch recht wenige Beispiele von Schwangerschaften in Filmen, wenn diese nicht sonderlich handlungsrelevant sind. Schwangere Frauen – so die Grundaussage dieser Einsicht – sind in erster Linie schwanger. Andere Interessen und Tätigkeiten gesteht ihnen das Mainstream-Fernsehen nur in großen Ausnahmen zu. Gezeigte Wirklichkeiten und konstruierte Realitäten im Film, wie in der Populärkultur insgesamt, haben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Sicht auf Dinge. Diese Nicht- und/oder Falsch-Repräsentation von Schwangerschaft ist also mehr als nur eine bedauerliche Beobachtung, sondern wird ihrerseits wirksam und reproduziert, wenn nicht diskriminierende Vorurteile, zumindest unnötige und im Alltag von Schwangeren hinderliche Klischees.


 

Zum Weiterlesen: Über die filmische Darstellung von Mutterschaft insgesamt Mütter in Serie

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