„I give up. No, you don’t. Yes, I do.“ (Weiter-)Studieren mit Kind.

Beim Mittagessen bin ich gerade über diesen Tweet gestolpert.

Bildschirmfoto 2016-02-08 um 13.16.45Daraufhin habe ich kurz nachgedacht, warum es bei mir anders und doch ähnlich ist. Im Folgenden habe ich diesen Nachdenkprozess verschriftlicht, Irrungen und Wirrungen seien mir nachgesehen.

Im Diplomstudium selbst erinnere ich mich an keine Mütter. Eine Freundin bekam ihr Kind praktisch in Anschluss an die Magistraprüfung – aber das war’s (und zählt nicht wirklich). Nach Studium und einigen Jahren im Job ist mir fad geworden und ich habe beschlossen, ein Doktoratsstudium zu beginnen. Das erste Jahr sicherte die Möglichkeit einer Bildungskarenz in Österreich finanziell ab – nach einer bestimmten Zeit der Vollerwerbstätigkeit kann man eine solche betragen und bekommt finanzielle Förderung in der Höhe des jeweils berechneten Arbeitslosengeldes – und wie es dann weitergehen hätte können … nun, ich habe mich darauf verlassen, dass ich dann schon „irgendeine Lösung“ finden würde. Und wenn nicht, dann hätte ich ein schönes Jahr intellektueller Auszeit gehabt.

Soweit so falsch gedacht. Gleichzeitig mit dem Studiumstart wurde ich schwanger. Ich legte mich also in der um drei Monate verkürzten Zeit, an deren Ende eine Geburt stand, umso mehr ins Zeug, verlor mich in der Wissenschaft und schnell war mir klar: Ich will das Ding fertig bekommen, koste es, was es wolle. Es hat bisher tatsächlich viel gekostet: viel Zeit und viele Nerven aller Beteiligten – ja, aber vor allem viel Geld (Lohnarbeit, Karenzgeld, AMS-Geld, Förderstipendium und nicht zuletzt Partnereinkommen sei Dank).

Warum ich überhaupt davon überzeugt war, es hinzukriegen (und was mich nach wie vor dazu anspornt, das Studium zuende zu bringen): In meinem Dissertantinnen-Seminar saßen anfangs ausschließlich Frauen* und unter ihnen zwei Mütter, eine von ihnen bereits mit zweitem Babybäuchlein. Tatsächlich stießen im Laufe der Zeit zwei weitere Mütter dazu, und andere, bereits weiter fortgeschrittene Doktorandinnen verkündeten ebenfalls ihre Schwangerschaft. Neben theoretischen Diskussionen über den Stand unserer Arbeit fanden wir immer Zeit für den Austausch über das Dasein als Eltern. Unsere Doktormutter ist keine Mutter, aber sie freute sich sichtlich über neue Geburten, erwähnte die Mutterschaft durchaus rücksichtnehmend bei Abgabezeiten, aber ließ sich nie darauf ein, Elternschaft als Ausrede für irgendetwas gelten zu lassen. Versuchte es eine doch, missbilligte sie das sichtlich. Die Standards waren und blieben hoch.

Mittlerweile haben ein paar Mütter abgeschlossen, noch mehr Mütter haben aufgegeben und der Rest der Mütter steckt wie ich noch mehr oder weniger mitten drin. Auch die Zusammensetzung der Gruppe hat sich verändert: Unter den regelmäßig Anwesenden im Seminar sind neben der Doktormutter nur mehr zwei Frauen, zwei Mütter um genau zu sein. Der Rest sind vor allem jüngere Männer*. Ich weiß nicht einmal, ob einer von ihnen Vater ist und es ist mir auch egal – weil sie sehr offensichtlich und angesichts ihrer Möglichkeiten (Veröffentlichungen, Tagungen, Konferenzen …) nicht Halb- geschweige denn Vollbezugsperson für ein Kind sind. Die Elterngespräche finden abseits statt. Ich habe plötzlich das Gefühl, für „die etwas andere Karriereberatung“, wie es eine Kollegin einst nannte, ist nicht nur kein Platz mehr, sondern sie würde meine Professionalität in der Runde in Frage stellen.

Die Anwesenheit von Müttern bestärkt andere Mütter

Die Anwesenheit vieler promovierender Mütter hatte Elterschaft zum Thema gemacht und als wesentlicher Arbeitskontext in unser Begleitseminar zur Disseration miteinbezogen. Auch wenn sich die Situation von den Personen her jetzt dramatisch geändert hat, denke ich gerne und bestärkend an die Anfangszeit zurück. Besonders dann, wenn ich momentan ab und zu das Gefühl habe, angesichts der geschäftigen Kollegenschaft immer zehn Schritte hinterher zu hinken. Auch, weil ich neben dem Studium Geld verdienen muss (und eher nebenbei studiert als nebenbei gearbeitet habe), um meinen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen gewährleisten zu können.

Welches Resümee kann ich aus meiner persönlichen Situation schließlich ziehen? Kein aufregend Neues. Nur so viel: die Anwesenheit von Müttern bestärkt und stützt Mütter. Das gilt natürlich eben auch in der Wissenschaft. Eine Doktormutter ermutigt möglicherweise mehr Frauen* zu promovieren. In meinem Fall spielte ihr Fachgebiet, das traditionell weiblich konnotierte Bereiche umfasst, vermutlich auch eine große Rolle. Auffällig war, dass bis auf eine Ausnahme alle Kolleginnen ihre Kinder erst im Laufe des Dissertationsprozesses bekommen haben. Natürlich spielt dabei auch unser Alter (Ende zwanzig, Anfang/Mitte dreißig) eine logischerweise nicht zu unterschätzende Rolle. Stellt sich die Frage nach denen, die bereits viel früher, während des Bachelor-, Master-/Diplomstudiums Eltern geworden sind. Gibt es sie und ist ein Doktorat für sie überhaupt denkbar?

Ein Exkurs in die Statistiken

In Deutschland haben laut 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks 5 Prozent der Studierenden ein oder mehrere Kind/er. 82 Prozent davon sind verheiratet oder leben in fester Partner*innenschaft. Studierende mit Kind im Erststudium sind durchschnittlich 31 Jahre als – und damit 7,6 Jahre älter als kinderlose Studierende.

In Österreich sieht die Situation ähnlich aus, wobei der Bericht vom IHS „Nicht traditionell Studierende in Österreich“ (von Martin Unger; aus der letzten Studierenden-Sozialerhebung 2011 [1]) explizit Mütter auszeichnet, die 5 % der Studierenden bzw. 5,2 % aller Bildungsinländer*innen ausmachen. Studierende Eltern (mit mindestens einem Kind unter 27 Jahren) sind in Österreich im Schnitt sogar 13 Jahre älter als Studierende ohne Kind. Laut Zusatzbericht „Studierende mit Kindern“ (Petra Wejwar, Andrea Laimer, Martin Unger) haben insgesamt 9 Prozent der Studierenden Kinder unter 27 Jahren. 1 Prozent der Studierenden ist alleinerziehend. Unter studierenden Eltern sind 12 % alleinerziehende Mütter und 1 % alleinerziehende Väter. Die Studie kritisiert, dass es speziell für alleinerziehende Studierende kaum Informationsmaterial und unterstützende Institutionen gäbe.

In dem Bericht heißt es: „Je jünger das Kind, desto höher der Anteil studierender Väter (während die Mütter ihr Studium vermutlich unter- oder abgebrochen haben), je älter das Kind, desto höher der Anteil der studierenden Mütter (während die Väter vermutlich bereits abgeschlossen oder abgebrochen haben).“ Laut einer IHS-Befragung nennen übrigens nur 3,8 Prozent der Studienabbrecher_innen Vereinbarkeit mit der Familie als Grund für die Nicht-Beendigung des Studiums. Während nur 40 Prozent der Mütter mit der Betreuungssituation zufrieden sind, finden diese 60 Prozent der Väter gut: „Alle Arten von Betreuungen werden am meisten von Alleinerziehenden, gefolgt von Müttern und am wenigsten von Vätern, nachgefragt.“ (guess why)

Eine traurig-bezeichnende Tendenz aus dem Bericht: „Gerade in dem Alter, in dem Kinder die meiste Betreuung brauchen (bis 3 Jahre), ist der Anteil der Mütter (…) seit der letzten Erhebungswelle gesunken. (…) Studierende mit Kindern, die noch nicht im schulpflichtigen Alter und damit ganztätig betreuungspflichtig sind, haben es besonders schwer, ihre Elternschaft mit dem Studium und gegebenenfalls auch ihrer Erwerbstätigkeit zu vereinbaren.“ Und: „Eine Balance zwischen Kinderbetreuung, Studium und Erwerbstätigkeit zu finden, ist für viele studierende Eltern, vor allem für jene mit Kindern unter 7 Jahren, nicht einfach: 71% der Mütter und 63% der Väter geben an, Studium (und gegebenenfalls Erwerbstätigkeit) und Kinder seien schwierig zu vereinbaren. Jede vierte studierende Mutter hat ihr Studium wegen einer Schwangerschaft oder Kinderbetreuungspflichten unterbrochen, ein Drittel der Mütter kann nach eigenen Angaben nicht alle Lehrveranstaltungen besuchen, weil sie zu den entsprechenden Zeiten keine Betreuungsmöglichkeiten finden können.“

Eine ausführliche Liste an Forderungen für ein besseres und unterstützenderes Umfeld für Eltern in der Wissenschaft insgesamt gibt es bei Fuckermothers: https://fuckermothers.wordpress.com/2015/07/19/eltern-in-der-wissenschaft-strukturwandel-statt-wertewandel/, darunter etwa die Stärkung des akademischen Mittelbaus, die Finanzierung von Kinderbetreuung bei Auslandsaufenthalten, mehr Stipendien für Eltern, die Sorgearbeit übernehmen, und eine Anrechnung von Stipendien auf Elterngeld.

Zahlen über Doktoratsstudierende fehlen

Die Zahlen der Studierenden-Sozialerhebung aus Österreich implizieren zwar auch Doktoratsstudierende, leider wurden diese nicht extra ausgewertet. Da Studierende mit Kind insgesamt durchschnittlich viele Jahre älter sind als Studierende ohne Kind sind auch Spekulationen über diese Variabel hinfällig. Vielleicht nur eine Mutmaßung am Ende: Wer mit Anfang/Mitte 30 mit dem Studium fertig wird, hatte während der langen Studiendauer vermutlich keine Zeit und Muße, sich nebenbei um eine akademische Karriere zu kümmern (Tutor*in-Tätigkeit, wissenschaftliche Mitarbeit usw.). Zudem fehlt nach einer so langen  Studiendauer wohl auch die Motivation, gleich noch ein neues (Doktorats-)Studium dranzuhängen. Und nicht zuletzt ist der ausschlaggebende Faktor der Geld, das dann dringend verdient werden muss.

Schmieds Puls | Bones („I give up. No, you don’t. Yes, I do.“)

 

Nachtrag: Soeben habe ich diesen sehr aktuellen Beitrag gefunden: Mama muss ins Labor (derstandard.at). Darin heißt es: „Jede zweite Frau im Wissenschaftsbetrieb verzichtet laut einer aktuellen Studie [Anm.: des Instituts für Demographie der Akademie der Wissenschaften ] darauf, Mutter zu werden – nicht wegen fehlenden Kinderwunschs. (…) Demnach bleiben 45 bis 60 Prozent der Frauen in der Wissenschaft überhaupt kinderlos. Und die Frauen, die in der Wissenschaft arbeiten, haben weniger Nachwuchs als die Österreicherinnen im Durchschnitt – nur 0,9 statt 1,44 Kinder.


 

[1]: Die neue Studierenden-Sozialerhebung wird im Frühjahr 2016 veröffentlicht.

2 thoughts on “„I give up. No, you don’t. Yes, I do.“ (Weiter-)Studieren mit Kind.

  1. Ich könnte hierzu einiges schreiben. Leider nichts positives. Aber eine Erkenntnis bleibt doch: Mit einem Kind Doktorarbeit machen? Wenn man wirklich will für die Doktorandin kaum ein Problem.
    Das wissenschaftliche Umfeld jedoch billigt diesen Weg in keiner Weise, bei keiner Doktorandin mit Kind, die ich kennenlernen durfte. Frau wird schlicht abgeschrieben, egal was sie tut. Auch wenn sie weniger Fehlzeiten hat als Kinderlose, nicht weniger arbeitet, gute Publikationen hat etc. In der wissenschaftlichen Welt (v.a. MINT) ein Kind zu bekommen wird als Fehlleistung ausgelegt. Immer. Auch vom verständnisvollsten Chef/Cheffin (mit eigenen Kindern). Die Leistung spielt auf einmal kaum mehr eine Rolle. Es ist der Machtverlust der Professoren (die selbst unter Druck stehen und versuchen diesem mit Kontrolle Herr zu werden). Man zeige mir nur eine Doktorandin mit Kind, die nicht von Kollegen und Vorgesetzten abgeschrieben wurde. Nur eine, deren weitere Karriere nach der Geburt weiterhin angemessen unterstützt wurde. Nur eine.

    • danke für deinen kommentar. ich habe einmal einen guten artikel dazu gelesen, den ich leider jetzt nicht mehr finde. darin steht, dass mutterschaft aufzeigt, was das generelle problem in der wissenschaft (gekennzeichnet von einem fast nicht zu erfüllenden leistungsdruck und zeiteinsatz begleitet von prekären beschäftigungsverhältnissen) ist: nämlich, dass jegliche art von „unzulänglichkeit“ ausgebremst wird, was natürlich massive konsequenzen für dadurch fehlenden wertvollen output habe – care-arbeit macht dies nur so offensichtlich, weil es da dann oft personen trifft, die sonst erfolg hätten haben können. aber viel subtiler werden menschen „aussortiert“, die aus anderen gründen nur eingeschränkt zeit, geld und/oder ability besitzen oder von anderen diskriminierungsformen betroffen sind.

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