Erlesene Mutterschaft XXIII

„Nach dem Tod meiner Mutter im vergangenen Sommer begann ich ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ich arbeitete Tag und Nacht, als hätte ich Angst, die Motivation zu verlieren, wenn ich auch nur eine Sekunde aufhören würde, oder die Motivation würde mich verlieren und alles würde zerfallen. Die Dinge, die ich beschrieb, waren so persönlich, dass manches wehtat, während ich für anderes durchaus Verständnis aufbrachte. Dennoch wurde mir das Ganze kurz nach Abschluss des Manuskripts plötzlich fremd. Es war nicht meine Geschichte.

Die Vergangenheit ist eine Truhe auf dem Speicher, übersät mit Schrammen, von denen einige wertvoll, andere vollkommen nutzlos sind. Dauerhaft verschlossen hätte ich sie am liebsten, aber sie wird von jedem Lüftchen aufgerissen, und ehe ich mich’s versehe, ist der gesamte Inhalt weggeweht. Dann packe ich alles Stück für Stück wieder hinein. Die Erinnerungen, die guten, die schlechten. Trotzdem schnappen die Truhenschlösser immer dann wieder auf, wenn ich am wenigsten damit rechne.

Die Schwangerschaft war eher ein Unfall denn geplant. Als ich es erfuhr, war ich gleichzeitig schockiert, entsetzt und euphorisch. Und als feststand, dass es Zwillingsmädchen waren, heulte ich eine geschlagene Stunde, weil ich das Gefühl hatte, dass alles, was ich tat, nur ein Glied in einer Kette aus Geschichten war. In den neun Monaten wurde mein Körper umgeformt, als wäre er aus Ton. Und dasselbe hoffte ich für meine Seele.“

Elif Shafak – Ehre

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