Einmal Eiskönigin und ganz viel wirres Mütter-Bashing

Passend zur vorweihnachtlichen Geschenke-Manie, ein kurzer Einwurf: Ja, Elsa und Anna aus „Frozen“ sind weiß, normschön, werden sexualisiert inszeniert und es gibt sehr viel an dem Disney-Prinzessinnen-Film zu kritisieren. Das penetrante Belächeln von Mädchen für ihre Begeisterung für „Frozen“ ist aber so ätzend. Kritisiert die kapitalistische Verwertung, das exzessive Merchandising oder die Optik der Figuren an sich – aber wertet nicht die Vorlieben der Kinder ab …

Elsa und Anna sind cool! Die beiden Mädchen/Frauen sind aktive und sehr unabhängige Figuren. Kein Vergleich zu den Prinzessinnen-Figuren, die wir vielleicht aus unserer eigenen Kindheit kennen! In dem Film siegt einmal nicht die romantische Liebe, sondern die Schwesternliebe. Am Ende regiert die Königin Elsa ihr Land ohne Mann. Und ich meine: Die Eiskönigin kann mit bloßen Händen (!) fürchterliche Eismonster kreieren, Eispfeile in Massenproduktion losschleudern und ewige Winter erschaffen. Das lässt Spiderman und Konsorten dezent erblassen, oder?

Im Fasching will das Kind hier, das völlig verliebt in Elsa ist und nur mehr „eiszaubernd“ durch die Wohnung schlittert, übrigens als – nona – Eiskönigin gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, sie ist mit diesem Plan nicht die einzige* im Freundeskreis.

Mir fällt das jetzt auch ein, weil ich ein Interview bei Edition F (zuerst und in voller Länge erschienen auf: female-perspectives.de) mit Katrin Wilkens gelesen habe (einer Journalistin und Berufsberaterin, über deren Ansichten ich mich schon einmal hier geärgert habe: Nein, ich höre nicht auf zu jammern). Wilkens findet, dass Frauen* in Elternzeit in Bezug auf den Job verweichlichen und verbreitet ihre Ansichten dazu in zynischen Artikeln. In oben erwähnten Beitrag fühlen ihr gleich mehrere Interviewpartner_innen dazu noch einmal genauer auf den Zahn. Was dabei insgesamt zu kurz kommt, ist, dass es in Wilkens Artikeln natürlich immer nur um eine bestimmte Schicht von privilegierten Frauen* geht.

Was hat damit aber die Eiskönigin zu schaffen?

Wilkens sieht die Wurzel allen Übels im Kleinen – in einem Geschlechterbild, das wir tagtäglich zementieren. Soweitsogut, stimme ich ihr sogar noch zu. Als Beispiel nennt sie dann aber den Fasching, wo es dann eben 17 Prinzessinnen gäbe. 17! Ich habe an anderer Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass in der Kritik von weiblich konnotierten Verkleidungen sehr viel verinnerlichte Abwertung von weiblichen Vorlieben steckt. Denn während bei den männlich konnotierten Verkleidungen automatisch differenziert wird, passiert dies bei den 17 vermeintlichen Prinzessinnen nicht. Auf der einen Seite des Spektrums sehen wir Räuber, Piraten und Cowboys und auf der anderen Seite sehen wir die Feen, Zauberinnen und Königinnen nicht. (Darüber hinaus übersehen wir, dass es sich eigentlich um ein Kontinuum handelt.)

Katrin Wilkens meint: „Und auch ich bin oft hin- und hergerissen und frage mich, ob ich jetzt ein politisches Fass aufmache oder das Kind einfach als Prinzessin zum Fasching gehen lasse.“ Das ist so absurd. Wie politisch oder gar feministisch ist es, seinem Kind eine Faschingsverkleidung zu verbieten, die absolut harmlos ist? [1]

Aber Wilkens hört natürlich nicht bei der Faschingsverkleidung mit ihren Abwertungen auf. Diese gelten nämlich etwa auch jenen Frauen, die als Wiedereinstieg nach der Karenz mit einem Blog starten und von ihr als naive Trutschen gesehen werden, die keine Ahnung von Marketing haben und sich wundern, warum sie mit Tagebucheinträgen kein Geld verdienen können.

Die Interviewpartner_innen versuchen immer wieder auf strukturelle Bedingungen hinzuweisen, die Rolle und Verantwortung der Politik ins Gespräch einzubringen – vergebens. Katrin Wilkens lässt sich durch nichts von ihrem schäbigen und teilweise unreflektierten Mütter-Bashing abbringen. Tatsächlich könnte und sollte man einfach den Kopf schütteln und weiterleben, aber sie veröffentlicht ihre kruden Ansichten immerhin auf Spiegel Online.

Und während Mütter alles doof und falsch machen, können wir uns bei den Vätern abschauen, wie es richtig geht: „Väter auf dem Spielplatz tauschen sich zum Beispiel auch übers Scheitern aus und finden so eine gemeinsame Ebene. Mütter kommen in einen gigantischen Konkurrenzkampf über Zucker im Essen und Nutella-Brote in der Kita. Da würden Väter nie drauf kommen.

Vielleicht lebe ich in einer Parallelwelt. Oder in einem Parallel-Universum. Ja, vermutlich. Das meine ich sarkastisch, aber gleichzeitig auch nicht.

Zum einen ist es natürlich so, wenn in der Kindererziehung vieles recht gleichberechtigt funktioniert, dann sind die Diskussionen und Überlegungen über Zucker und Impfen und Fieber undundund auch meist recht ausgewogen auf die beiden Elternteile verteilt. Zum anderen ist es jedoch aber vermutlich so, wenn eins alleinerziehend ist, oder aber allein für so elementare Erziehungsangelegenheiten verantwortlich ist, weil sich der Partner (sic! aus den bekannten Gründen) nicht drum schert, dann ist der Austausch mit anderen Elternteilen am Spielplatz oft sehr hilfreich.

Aber ja, Väter tauschen sich auch übers Scheitern aus. Was für eine großartige Leistung.

1GTss

Ach, ja. Zurück zur Eiskönigin. Im Freundeskreis des Kindes finden übrigens nicht nur Mädchen die eiszaubernde Elsa cool, sondern auch der eine oder andere Bub.

Wir können nicht immer nur starke Mädchenfiguren fordern, sondern müssen sie, wenn sie dann da sind, auch sehen und annehmen. Ja, Elsa ist bestimmt nicht perfekt. Aber das sind die machoiden Superhelden-Figuren freilich auch nicht. Aber Elsa ist endlich einmal eine Superhelden-ähnliche Prinzessin, nein, eine Königin, die völlig unabhängig agiert und stark ist und dominant, kämpferisch und fehlerhaft, eigensinnig und charakterstark.


[1] Es gibt einige Faschingsverkleidungen, die aus sehr guten Gründen nicht in Betracht gezogen werden sollten, wie dieser Text von Ringelmiez über kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching schön erklärt.

7 thoughts on “Einmal Eiskönigin und ganz viel wirres Mütter-Bashing

  1. Danke dafür! Ich kann dieses ewige „Frauen müssen einfach nur mehr wie Männer sein, dann klappt das auch mit der Gleichberechtigung“ schon lange nicht mehr hören.

  2. Ich bin so verknallt in Deine Texte. Nein, verliebt eigentlich. So schlau und elegant sind die. Diesen hier – darf ich den bitte ausdrucken und kopieren und ihn allen Leuten auf der Straße in die Hand drücken? Immer wieder so gut zu wissen, dass man keine einsame Irre ist mit seinen Ansichten.

  3. Wegen diesem Text habe ich mir diesen Film gekauft und muss sagen, dass ich ihn eigentlich ganz gut mag. Die beiden Hauptfiguren sind wirklich machtvoll und überhaupt nicht die typischen Prinzessinnen, die darauf warten, dass ein Prinz sie retten kommt.
    Mir persönlich liegt Merida trotzdem näher😉

    • Merida wird hier auch heiß geliebt. leider ist die Auswahl an coolen Prinzessinnen/Königinnen für die Altersklasse ziemlich erschöpft. Sehr zauberhaft und kindgerecht, aber halt leider nicht „wild“ [wonach das Kind oft verlangt], ist noch die Mini-Serie „die kleine Prinzessin“. Aber glücklicherweise ist das Kind noch zufrieden, jedes Wochenende (1x/WE ist unsere Langfilm-Regel) abwechseln einmal Merida und einmal Eiskönigin zu sehen🙂

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