Feministisches Aberland. Oder: Can you see me?

Da habe ich Gertraud Klemms „Aberland“ gelesen und mich sehr gefreut. Darüber, dass jemand so genau auf das Banale und das vermeintlich Banale hinschaut. Und hinhört und eine so intelligente Protagonistin wie Franziska schafft, die unendlich kämpft, aber an ihrem Mann und dem normativen Gesellschaftsbild, den Erwartungen – den eigenen und den von außen – vorübergehend ziemlich scheitert. Und dann das.

Aber von vorne: Klemm beschreibt eine Frau, die in ihrem Haus am Stadtrand sitzt, mit dem Kredit, dem kleinen Kind, der angefangenen Dissertation. Dem Mann, der arbeitend und Karriere machend weg ist. Eine Abtreibung, eine Fehlgeburt. Der Streit um die Hausarbeit. Der Kredit. Baby-Shower der Freundin, Pensionsfeier des Vaters. Ab und zu eine Lesung als Lichtblick und Flucht. Die schwer demente Großmutter. Die konservative Tiroler Schwiegerfamilie. Es ist ein tiefes Jammertal. Die Autorin gibt diesem Tal ihre wunderbare Sprache. Worte, Analogien. Gedankensplitter. Sie nimmt Distanz in der Erzählperspektive zu Franziska auf, taucht ganz nah in ihre zweite Protagonistin – deren Mutter – ein, die sie in Ich-Perspektive das Jetzt und ein bisschen das Damals resümieren lässt.

Es ist ein schönes Buch, das Einblicke in das österreichische, das bürgerliche System „Familie“ gibt. Akribisch aufgezeigt anhand derer, die es zusammenhalten – den Frauen unterschiedlicher Generationen. Sie schreiben und basteln Einladungen: Muttertagsessen, Pensionsfeier, Geburtstag, Begräbnis. Die Ehemänner sind Nebenfiguren. Meist abwesend. Dann der Maler, eine zufällige Affäre für die eine, ein Freund der anderen – eine Figur, der die beiden Frauen ungewohnt außerfamiliär verbindet, ist der eingeplante Störfaktor. Einzig der junge Mann im Krankenhaus – eine Ahnung davon, was sein könnte. Klemms Figurenkonstellation gibt für gesellschaftliche und literarische Analysen viel Stoff.

Ich habe den Roman als einen sehr feministischen gelesen. Alleine die Auswahl der Protagonistinnen. Die Schilderung der zutiefst privaten Lebensbereiche. Die akribischen Gedanken, Beobachtungen. Zynisch, resignierend, offen. Dann habe ich über diesen Text, Feminismus mangelhaft (der Freitag), mitbekommen, dass Gertraud Klemm vorgeworfen wird, ihr Buch sei nicht feministisch.

Also, WTF?

Rose-Maria Gropp schreibt in der FAZ: „Wer immer auf die Idee gekommen ist, es handele sich bei dieser Akkumulation von schlechter Laune und Genöle um eine feministische Position, hat entweder keine Ahnung – oder meint es mutwillig bös mit dem Feminismus.“

Und auch die Zeit-Rezensentin Anna-Lena Scholz – anders als ihre FAZ-Kollegin lobt sie die literarische Qualität des Buches – fordert von den Romanfiguren feministisches Handeln: „Es ist tragisch, dass diese literarische Souveränität dem Roman zum feministischen Problem wird. Natürlich reflektieren Franziska und Elisabeth die Vereinbarkeitsdebatten. Doch, und diese banalen Fragen muss man diesen mitteleuropäischen Mittelschichtsfrauen einfach stellen: Warum zum Teufel ändern sie ihr Leben nicht, wenn sie es so hassen? Warum sind sie nicht einmal emanzipiert genug, die ‚Schale ihres geregelten Daseins‘ als ihre eigene, freie Entscheidung zu benennen?“

Und ich frage mich nur: Hä? Warum müssen die Protagonist*innen von Literatur mit, nennen wir es, feministischen Anspruch (und Gertraud Klemm versteht sich als feministische Autorin) selbst immer auch feministische Held*innen sein? Geht es nicht vielmehr um die Stoffauswahl? Darum welche Themen behandelt werden? Und wie? Das verstehe ich unter Literatur. Über feministische Visionen und gerechtere Zukunftsutopien sollen weiterhin bitte Sachbücher verfasst werden.

Rose-Maria Gropp ärgert sich immens darüber, dass Franziska keinerlei Selbstbestimmung zeigt: „Bei Franziska gibt es von selbst gewählter Situation, gar von Selbstbestimmung, keine Spur, sie ist im Dauermodus des Haderns. Womit, bleibt dabei sehr im Allgemeinen, eben mit allem – der Gesellschaft, dem Kapitalismus, dem Geschlechterverhältnis, der Mutterschaft, dem Alltag, der schmutzigen Wäsche und überhaupt.“

Es ist halt leider aber auch so, dass sich die Situation von Eltern in den ersten Lebensjahren von Kindern ziemlich wie beschrieben darstellt – wenn die Hauptlast der Erziehungsarbeit auf einer Person lastet. Das interessiert vielleicht niemanden. Aber da ist eben auch nicht viel mit Selbstbestimmung, das ist eine Tatsache, die mit feministisch oder nicht-feministisch wenig zu tun hat. Und vermutlich hat die Rezensentin nicht bis zum Schluss des Romans gelesen. Denn jede Kleinkindzeit hat ein Ende und Franziska hat sich in der ihres Kindes nicht verloren oder aufgegeben, sondern im Gegenteil sogar ihre Dissertation fast fertig geschrieben – was wiederum ein nicht hoch genug zu schätzender Gewaltakt ist. Also vielleicht sogar doch eine verkannte feministische Heroine? Und ihre Mutter Elisabeth? Die wollte ausbrechen, hat sich bei einer Anwältin informiert. Nur die Realität war ein Schlag ins Gesicht: fürs „nur“ Hausfrau-Sein gibt’s auch kein Geld. Keine Absicherung. Drohende Altersarmut. Aber weder die Perspektive noch die Gesellschaftskritik hat Gropp gemerkt, sie war zu beschäftigt, Mutter- und Tochter-Figur zu verachten.

„Klemm“, bedauert auch Scholz, „kann die larmoyante Selbstbegrenzung ihrer Romanfiguren nicht kritisch wenden, weil sie selbst in den Grenzen der Gattung feministischer Befindlichkeitsliteratur verbleibt. Ihr fehlt ein eigener Ton, der etwas aufreißt, was wir noch nicht wussten.“ Ja, Kinder töten die Gleichberechtigung in vielen Beziehungen. Manchmal tut es weh, wenn Feminist*innen das lesen. Besonders dann, wenn sie sehen, wie intelligente, feministisch geprägte, akademisch gebildete Frauen in traditionelle Familienkonstrukte „rutschen“ und darin unglückliche Kämpfe (nicht einmal) führen.

Das Argument „wissen wir, wollen wir nicht mehr hören“ kommt fast misogyn daher (auch wenn ich Scholz damit vielleicht Unrecht tue). Aber im Vergleich zu allen Stoffen der vergangenen Jahrzehnte (oder gar Jahrhunderte): Dieser ist wirklich ziemlich neu (nicht nur literarisch). Denn wie vielen Franziskas haben wir schon zugehört? Im Gegensatz zu den unzähligen Sebastian Zöllners,  Bruno Cléments und Nathan Zuckermans, deren Befindlichkeiten und Leiden und Hadern und Sudern wir uns bereits (mehr oder weniger) genussvoll hingegeben haben?

Außerdem, liebe Bücher rezensierende Mit-Feminist*innen: Die Schuld an massiven Schieflagen in der Paar-Gleichberechtigung und das Nicht-daraus-Ausbrechen alleine den einzelnen Frauen zu geben ist herzlich unfeministisch – selbst wenn es nur fiktionale Charaktere trifft!

Und ja. Ich sehe sie die Franziskas in meiner Umgebung. Und nein, ich verstehe sie nicht immer. Aber solidarisch kann ich trotzdem mit ihnen sein. Geht es nicht letztlich darum?

Polly Penrose

(c) Polly Penrose | can you see me? via http://www.pollypenrose.com

4 thoughts on “Feministisches Aberland. Oder: Can you see me?

  1. 52 wochen, ausgabe aberland | lundtblog

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