Einfach nur Zeit

Viele Menschen um mich herum hadern momentan mit dem Leben und wie sie alle Dinge, die sie gerne täten, schaffen sollen. Alle haben zu wenig Zeit. Oder besser gesagt: zu wenig Zeit, in der nicht Lohnarbeit oder Care-Arbeit oder Alltagsorganisationsarbeit den Takt vorgeben. Motivationskrise in Bezug auf das Leben mit Kindern nennt Jochen König das auf seinem Blog so schön, was ich auch gerade empfinde. Es passieren wirklich viele sehr schöne Sachen mit Kindern, aber die nehmen eben auch viel Platz für sehr (!) viele intellektuelle wie spaßige Erwachsenensachen weg, nach denen ich mich gerade auch so sehne. (Und dabei merke ich, dass es kinderlosen Menschen eigentlich und sehr oft gar nicht anders geht.)

Zeit-Management, haucht es mir da ins Ohr. Während ich das schreibe, sollte ich längst den Laptop zugeklappt haben und in der U-Bahn nach Hause sitzen. Uff …

Aber ich weigere mich, meine Zeit wie eine Salami in Scheiben zu schneiden, zu folieren und zu etikettieren: Beziehungszeit, Freund*innenzeit, Familienzeit, Zeit mit dem Kind (aber bitte unbedingt: Quality Time!), Arbeitszeit, Hobby, Me-Time.

Und nein, ich bin kein Fan von Me-Time. Ich weiß, sie hat eine wichtige Berechtigung und viele können viel Kraft aus ihr schöpfen. Aber ich wehre mich dagegen, weil es doch wieder nur unterm Strich als ein Konzept für Frauen* und Mütter konzipiert ist. Vielleicht passend dazu auch: Antonia hat auf umstandslos einmal ein paar Gedanken zum Konzept der (feministischen) Selfcare zusammengetragen.

Kann ich nicht einfach meine Zeit nutzen – ohne sie zu kategorisieren und katalogisieren?

Ist es nicht vielmehr das Zerlegen und Sezieren von Zeit, das uns (mich?) so unter Druck setzt? Die so genannte Quality Time mit dem Kind – oder das, was darunter gemeinhin verstanden wird, zum Beispiel. Die kann ersatzlos gestrichen werden. Natürlich nur in der Buchführung, versteht sich. Aber diese Floskel von wegen: Ich arbeite und verbringen zwar nicht viel Zeit mit meinem Kind, aber diese wenigen Stunden, die dafür „intensiv“ bla. Das ist doch Schwachsinn. Schon wird wieder bewertet: gute Mutter, schlechte Mutter. Rabenmutter.

Ich kann am Abend genauso gut „intensiv“ in der Badewanne sitzen und das Kind spielt neben mir am Boden, meinetwegen schaut es einen Film. Wir sind beide glücklich, entspannen nach einem anstrengenden Tag, sind zusammen in einem Raum, plaudern ein wenig. Me-Time, Quality Time, Entspannungszeit, Familienzeit – wow. Und gleich vier Fliegen auf einen Streich.

Wohoo! (oder doch nur: Slow Clap?)

3 thoughts on “Einfach nur Zeit

  1. Woher nur kommt das:
    „(Und dabei merke ich, dass es kinderlosen Menschen eigentlich und sehr oft gar nicht anders geht.)“?

    Ich dachte auch immer (und denke noch immer), dass die Zeit mit den Kindern einfach woanders fehlen muss. Wer Kinder hat und sich um sie sorgt, wird Verluste an Zeit und Energie für andere Sachen hinnehmen müssen und diese Verluste werden oft nicht betrauert. Ich habe immer geglaubt, die Leute machen sich was vor, wenn sie alles auf einmal haben wollen: Kinder, Ausgehen, Arbeit, Karriere, Kultur, Politik, Hobbys usw. Gerade die Quality Time wurde doch als Ausrede für diesen Quatsch erfunden. Keine Zeit für nichts, aber wenn, oho! Also Quintessenz: es gehört dazu, dass Kinder auch mal nerven und die Aufziehenden lieber im Sessel sitzen, als an der Eisenbahn zu bauen.
    Aber neulich ‚erwischte‘ ich mich bei dem Gedanken: OK, wenn das Problem ist, dass viele Leute den Dingen (die ihnen wichtig sind) ihre Zeit nicht mehr geben, vielleicht gilt das ja gerade für die Kinder. Ich habe mich selbst gefragt, warum ich eigentlich manchmal so ungeduldig bin und städig im Hinterkopf habe, was ich noch alles machen möchte. Also ich bin damit dem Zeitgeist ganz schon auf den Leim gegangen. Wenn ich etwas machen möchte: mach doch einfach. Muss ja nicht gleich alles sein, aber das Kind wird es nicht mal groß merken.

  2. Ja, und Nein. Meine Zeit funktioniert am Besten in Scheiben. Baden geht mit Kind, email schreiben nicht. Salamischeiben bedeuten fuer mich Konzentration auf das Jetzt. Immer, wenn Aufgaben, ob nun me time und Hausarbeit oderErwerbsarbeit und Zeit mit Familie/ Freundinnen verschwimmen, nervt und stresst mich das. Dann lasse ich lieber was weg.
    Manchmal ist es die eigene oder allgemeine Rhetorik – entspannt zu sein traut sich das heut noch jemand? bei Deinem verbindenden Ansatz hast Du vielleicht doch Zeit fuer alles.

  3. Die kaiserliche Woche // KW 44 | Kaiserinnenreich

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