Erlesene Mutterschaft XXI

Franziska:

„Sie umarmt ihn und geht schnell, nicht ohne zu winken, aus dem Kindergarten, vor dem drei Mütter herumstehen, sie lachen, eine raucht, zwei sieht sie auf den Kindergarten zugehen, so langsam wie die Kinderbeine neben ihnen, Kinder kosten so unendlich viel Zeit, man soll nicht hetzen, stand in einem Artikel in der ‚Zeit‘ mit dem Titel: ‚Der Tag, an dem ich aufhörte, beeil dich zu meinem Kind zu sagen‘, Franziska hat ihn gelesen und sich wahnsinnig aufgeregt, warum war sie so wütend über diese intellektuellen Mütter mit ihren alltagsuntauglichen Erziehungskonzepten, da gebären sie Kinder in diese Welt mit ihrem Zeit ist Geld-Konzept hinein, und dann dürfen sich ihre Kinder nicht der Welt anpassen, sondern die Welt soll sich gefälligst um die Kinder herumschmiegen, die Eltern sollen es und die Arbeitszeiten und die Gesellschaft und die Schulen, alle sollen die Konzeptlosigkeit der Kinder respeketieren.“

„Franziska bekommt eine Gänsehaut, dieselbe langweilige Art wie früher, Bankkauffrau, verheiratet, blabla, zwei Kinder, alle haben zwei Kinder, zwei ist die einzige unverdächtige Kinderzahl, alles andere erregt Verdacht, ein Einzelkind ist der Beweis für krankhaften Egoismus – der Mutter – oder vorzeitigen Verlust der Fruchtbarkeit – der Mutter, drei Kinder sind der Beweis für dummdreistes Sexualverhalten, alles über drei Kinder geht doch nur bei verhaltensauffälligen Proleten oder unter katholischem Empfängnis- und Gebärzwang.“

Elisabeth:

„BIs Freitag muss ich die Einladungen rausschicken, 45 Gäste sind zur Pensionsfeier von Kurt geladen, die Gäste müssen sich ja ihren Sommer einteilen. Sie werden durch unseren Garten schlendern und an den Gläsern nippen und den Besitz inspizieren, den die Arbeitsleistung des Frischpensionierten erwirtschaftet hat. Unseren Wohlstand. So ein Fest wertet die lebenslange Leistung des Frischpensionierten auf, auch wenn sich die Berufstätigen jetzt die Frage stellen, ob dieses Leben nach der Berufstätigkeit noch lebenswert ist oder eher eine fade Angelegenheit. Ob noch alles in Ordnung mit dieser Elisabeth ist, ob sie als Partnerin zur Freizeitgestaltung im Lebensabend von Nutzen sein kann. (…) Früher habe ich alles Wichtige mit Edith besprochen, die großen Katastrophen in ihre Einzelteile zerlegt, das Gute am Ehe- und Mutterleben auf den guten Haufen und das Schlechte auf den schlechten Haufen, und am Ende des Abends waren zwei Flaschen Rotwein leer und die Haufen ungefähr gleich hoch, und das reichte schon, und dann konnte ich nach Hause wackeln und es war nur mehr halb so schlimm, dass Kurt seine kleinen Geliebten hatte und die Kinder sich mir gegenüber missraten benahmen, und bis zum Einschlafen und vielleicht auch ein wenig darüber hinaus hielt das Gefühl an, die Respektlosigkeit hätte nichts mit mir persönlich zu tun, sondern mit meiner Funktion in der Gesellschaft, der immer ein Nur anhaftete, Nur Mutter, Nur Hausfrau, eine Wertminderung der das Gezeter der Feministinnen und der Lauf der Zeit doch nicht gewachsen war.“

Gertraud Klemm – Aberland

6 thoughts on “Erlesene Mutterschaft XXI

  1. Feministisches Aberland. Oder: Can you see me? – aufZehenspitzen

  2. 52 wochen, ausgabe aberland | lundtblog

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