Die andere Belästigung: Fass‘ mein Kind nicht an

Neulich. „Mama, eine Verkäuferin hat mir in die Haare gegriffen und meinen Kopf gestreichelt. Ohne fragen, ich wollte das nicht.

Uff. Die Schiebetüre der Drogerie ist gerade hinter uns wieder zugegangen und wir stehen in der gleißenden Hitze. Ich rinne ab. Es hat 37 Grad. Es ist kurz vor Ladenschluss, wir haben noch einen leeren Kühlschrank. Das ist wohl einer dieser Schlüsselmomente, denke ich. Und dann: Nicht jetzt. „Magst du, dass wir zurückgehen und ich es ihr sage„, höre ich mich fragen.

Es ist nicht das erste Mal. Dem Kind greifen andauernd Menschen ungefragt in die braunen Locken. Es hasst das. Aber der Moment ist schnell vorbei und die Passant*in meist im Gewirr verschwunden. Was zurückbleibt, ist die Empörung oder Verletzung des Kindes und die elterliche Bestärkung, dass es im Recht ist. Und: Wenn ich so einen Übergriff nur miterleben würde, ich würde eingreifen. Versprochen.

Jetzt gibt es diese Chance. Ich denke an die Verkäuferinnen in ihren rosa T-Shirts im Geschäft, an ihre Erschöpfung an dem heißen Abend. Ich denke an die junge Frau, die heute an der Kassa stand und das Kind, wie sooft, geduldig die Kund*innenkarte über das Feld ziehen ließ. In den Gängen haben zwei ältere Kolleginnen Produkte von den Paletten eingeräumt und mit dem Kind gescherzt. Ich denke an ihre freundlichen Gesichter. An die bevorstehende Konfrontation. Den möglichen Konflikt. Ich fühle mich plötzlich gar nicht mehr so stark, sondern verletzlich.

Sag mir immer, wenn dir jemand weh tut oder dir etwas unangenehm ist, ich bin für dich da.“ Jetzt spüre ich die schwere Verantwortung hinter diesem Satz.

Mama? Ja, sag‘ es ihr, dass ich das nicht wollte.“ Das Kind nimmt meine Hand. Wir gehen wieder rein. Stehen erst einmal und schauen. „Die war es„, zeigt es schließlich auf eine Verkäuferin.

Ich gehe auf sie zu, spreche sie an. Erkläre ihr, dass meine Tochter es nicht mag, am Kopf angefasst und getätschelt zu werden. Stille. Und dann entschuldigt sich die Frau beim Kind.

Simple as that.

CocoRosie | Promise

10 thoughts on “Die andere Belästigung: Fass‘ mein Kind nicht an

  1. Wow, da gehört Größe dazu! Von euch beiden. Von deinem Kind, genau zu sagen was es nicht möchte und von dir, dass ihr noch einmal zurückgegangen seid. Sowas kommt heute nicht mehr so oft vor. Und schön, dass sie sich entschuldigt hat, auch das ist nicht selbstverständlich. Grüße aus der Region Meraner Land🙂

  2. Schön, wenn es so wunderbar ausgeht. Unsere Tochter hat keine Locken, ist aber „süß“ und muss solcherlei Übergriffigkeiten auch öfter über sich ergehen lassen. Sie reagierte darauf anfangs panisch (weil Pflegekind). Einmal, sie war mit dem Laufrad zwei Meter hinter mir zurückgeblieben, kam ein älterer Mann vorbei und begann über ihren Kopf zu streicheln. Sie erstarrte. Ich rief: „Nicht anfassen, bitte!“. Der Mann reagierte komplett verständnislos „Sind doch nicht alle Kinderschänder, Frechheit sowas“. blubberblubber. Da wurde ich nun sauer und meinte nur „Ich tätschele ihnen im Vorbeigehen ja auch nicht einfach den Kopf“. Er zog laut schimpfend mit seiner Frau ab und ich durfte erst mal meine Tochter beruhigen…

    • Ja, ich hatte auch Angst, dass das so endet. Umso toller fand ich es fürs Kind, dass es so ein positives Erlebnis in alle Richtungen hatte. Würde ich allen Menschen wünschen. Hach, tut mir leid für euch – ich glaube aber leider auch, dass die Frau in unserem Fall eine absolute Ausnahmereaktion gezeigt hat. Das ist ja das Problem, nicht jede unangenehme Berührung muss gleich überdramatisiert werden („Kinderschänder“), aber unangenehm ist eben unangenehm und jede*r hat das Recht, nicht unangenehm berührt zu werden. Punkt. Und, ja. Das fängt auch bei der möglicherweise ungeliebten Oma/Opa/Tante/Onkel-Umarmung-Abschmusung zur Begrüßung an.

      • Da hast du Recht, denn es geht (mir) vor allem darum, im Kind ein Bewusstsein für die eigenen Grenzen zu entwickeln. Ich habe den Eindruck, dass dies der – sagen wir mal – jüngeren Generation viel bewusster ist. Die Generation, deren Grenzen als Kinder ständig übertreten wurden, konnten dafür oft kein Gespür entwickeln und tendieren dazu, in die Extreme zu rutschen: gar kein Körperkontakt oder „übergriffige“ Bekuschelung. Ein Hinweis darauf (normalerweise spreche ich in vollständigen Sätzen und rufe nicht einfach, aber da ging es eben nicht anders) wird oft fehlinterpretiert als Kinderschänder-Angst.

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