Oh, Elternarbeit „entmännlicht“

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird der Schauspieler Christian Ulmen über und für seine Ausübung von Elternarbeit interviewt – Arbeitstitel siehe URL: „im Interview über Männlichkeit“ (mein Arbeitstitel: „kotz“). Er darf sich zu Beginn an sein Elternhaus zurückerinnern, in dem auch sein Papa die Brote schmierte und kranke Kinder pflegte. Dieser Papa, wohlgemerkt, war nichtsdestotrotz lange Zeit der Alleinverdiener in der Familie. Für Christian Ulmen war dieses Zuhause dennoch – aufgepasst! – ein „maximal gleichberechtigt[es]„. Nun denn … in seiner eigenen kleinen Familie ist ebenfalls den Zeiten entsprechend alles ganz modern. Sowohl er als auch die Mutter vom Kind (geb. April 2012) gehen arbeiten. Bei der FAZ ist man deswegen jedenfalls hin und weg – darum ja auch das ausführliche Interview mit so investigativen Fragen wie „Sie müssen das alles als Paar miteinander aushandeln [tell me!]. Ist das schwierig?“ Und die erstaunliche Antwort Ulmens: „Klar.

Ja, klar. Gleichberechtigung IST anstrengend. Wenn der Mann nicht einfach machen kann. Nicht einfach mal jeden Abendtermin zusagen, jede Geschäftsreise oder jedes Wochenend-Meeting abnicken kann. Das ist innerhalb der Firma/Agentur/… manchmal mühsam und kompliziert, aber natürlich auch innerhalb der Familie. Tja. So funktioniert das aber, wenn nicht eine Person als Back-up ständig zuhause beim Nachwuchs sein mag/kann. Aber an dieser Stelle muss ich mir wohl selber ein „tja“ entgegnen. Denn: „Leider ist es immer noch wichtig, dass Aussagen bekannter Väter, wie Ulmen einer ist, so gepusht werden„, schreibt Ninia La Grande so treffend über dieses Interview: „Um anderen Vätern zu zeigen, dass es völlig cool ist, wenn jemand sich gleichberechtigt um’s Kind kümmert. Jetzt muss ich gleich anfangen zu weinen, weil wir das Jahr 2015 haben und immer noch Väter-Vorbilder brauchen. Väter-Vorbilder, die aber immer noch gut einparken können und Sendungen namens ‚Who wants to fuck my girlfriend‘ drehen.

Eigentlich sagt Ulmen dann auch etwas Wesentliches: Er spricht von einem Au-Pair-Mädchen für die Nachmittage und von Großeltern: „Nur so funktioniert es.“ Aber jetzt kommt’s: Die Interviewerin, Lisa Nienhaus, hat Volkswirtschaft und Politik studiert. Sie ist Redakteurin im Wirtschafts-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nienhaus fällt trotzdem nichts Besseres ein, als Ulmen daraufhin die banale Frage „Nervt es, das immer aushandeln zu müssen?“ zu stellen. Und: „Finden Ihre Eltern das anstrengend, wie Sie das organisiert haben?“ Das Private soll eben weiterhin schön privat bleiben. Wenn Männer sich freiwillig für „Frauen-Sachen“ wie Sorgearbeit entscheiden und ihre Biografien „verweiblichen“ wollen, dann behandeln wir sie bei der FAZ auch schlichtweg so. Dann verhandeln wir maximal über den möglichen Verlust ihrer Männlichkeit mit ihnen.

Wie gleichberechtigt die Beziehung von Ulmen und seiner Partnerin sei, will die Interviewerin dann anhand von – ihre Worte – „ein paar echte[n] Männerfragen“ klären„. Da geht es dann um so Dinge wie, wer Nägel in die Wände schlägt, wer Auto fährt und navigiert, wer im Restaurant zahlt und besser einparken kann, wer besser mit Geld umgehen kann, wer sich häufiger betrinkt et cetera et cetera – kurz, Stereotypen-Reproduktion Galore!

Nienhaus suggeriert in einer Feststellung, dass „die anderen Männer“ (?) denken, Männer, die die Nabelschnur ihrer Babys durchschneiden und diese wickeln, von ihren Partnerinnen manipuliert worden seien. Und, so konstatiert sie, Ulmens Getränke-Wahl – ein Reisdrink – sei unmännlich. An dieser Stelle des Interviews bin ich mir mittlerweile fast sicher, dass dasselbe unter Einfluss von 40 Grad Hitze, Alkohol und oder Fieberzuständen geführt wurde.

(c) Julie Blackmon "The After Party"

(c) Julie Blackmon | The After-Party

… oder ich bin bei dem Thema einfach ironieresistent und humorlos. Allerdings vergeht mir bei den Väterkarenz-Zahlen schlichtweg nach wie vor das Lachen. Denn auch wenn die aktuelle AK-Studie für Österreich zeigt, dass es mehr Väter in Karenz gibt: deren Zeiten haben sich verkürzt – oder wie es die AK-Expertin Ingrid Moritz auf derstandard.at ausdrückte: Männer würden sich an der kürzest möglichen Kindergeld-Bezugsdauer orientieren, Frauen an der längst möglichen: „Der Anteil der Männer, die Kindergeld beziehen, hat sich von 2006 auf 2012 von acht Prozent auf 17 Prozent ordentlich gesteigert. Aber: Nur die Hälfte (56 Prozent) unterbrach tatsächlich die Arbeit während des Kindergeldbezugs. Und 70 Prozent der zuvor gut erwerbsintegrierten Männer ist spätestens nach drei Monaten wieder berufstätig.“

DREI MONATE – wenn man weiß, wie es in Österreich mit Kinderbetreuungsplätzen aussieht (gerade in ländlichen Gegenden gibt es solche vielfach erst ab zweieinhalb Jahren und oft nur vormittags), dann ist klar, wie schwer eine dreimonatige Väterkarenz wiegt.

One thought on “Oh, Elternarbeit „entmännlicht“

  1. ein rasch angehängter nachtrag … ich bin ja eindeutig (!!) zu langsam für dieses Internet. bild-kommentator franz josef wagner empörte sich heute doch tatsächlich darüber, dass die arme menschheit – ähm, deutsche menschheit, jährlich um 200.000 babys ärmer werde. und zwar weil die bösen bösen mütter immer mehr zu männern würden! sie machten nämlich einfach karriere. so mir nix, dir nix. und weiter: sie tragen hosenanzüge. sie verdienen mehr als männer, sie sind business-frauen, sie laufen sich ihr fett ab und sie sitzen im aufsichtsrat. kurzum: sie sind einfach keine mütter mehr. oooch😦 und das schlimmste: sie. trinken. s.m.o.o.t.h.i.e.s. potzblitzunerhört! und dabei gibt es doch nichts schöneres, als ein baby, das schläft, zuzudecken. ich vermute: der gute mann ist als baby bei so einer hitze wie hierzulande aktuell wohl einmal zu oft zugedeckt worden. darauf erst einmal einen smoothie!

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