„Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur“

Es war ein Nebensatz in einem Beitrag von Barbara Vorsamer (Dürfen, Wollen, Müssen – über Erziehung und Consent), aber er hat mich sehr berührt:

Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur, weil sich mein Kind mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, gegen das Anziehen wehrte. Wegrennen, sich Verstecken, Rumbrüllen, Heulen, sich auf den Boden werfen, sich komplett schlapp machen oder sich alles, was ich ihr angezogen habe, sofort wieder ausziehen.

Diese überwältigende eigene Unzulänglichkeit, diese Unentfliehbarkeit einer schwierigen Situation und die innerlich brennende Wut, die Verzweiflung angesichts eines unkooperativen Kleinkindes gehören für mich zu den hässlichsten Gefühlen von Elternschaft. Die Einsamkeit in solchen Momenten ist bitter in ihrer Ausweglosigkeit und ihrer Unsichbarkeit.

Erst kürzlich stapelten sich derlei Situation an einem Vormittag zu einem unüberwindbaren Berg vor mir auf – ironischerweise nicht etwa, weil ich etwas für mich durchsetzen wollte, sondern um ein Treffen mit Freund*innen des Kindes vorzubereiten (Picknick-Rucksack packen, mit Sonnencreme einschmieren, anziehen). Die Dreieinhalbjährige und ich stritten ohne Ende, weil jeder Handgriff und jedes Wort von mir Aggressionen in ihr weckten, die ich nicht einordnen konnte. Schließlich verließ ich die Szene, rauschte in mein Zimmer ab, schmiss die Türe etwas zu fest zu und warf mich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch aufs Bett. Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen „zum Wohle des Kindes“ denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.

Ich wollte einfach alleine sein. Nur ich und meine Gedanken. Nur mein Tempo. Nur meine Bedürfnisse. Eine Decke schnappen und ein Buch, mich an das schattige Flussufer legen, die Beine in die Sonne strecken und einen Nachmittag vertrödeln. Stattdessen musste ich mein ausufernde Verzweiflung sammeln, die Tränen trocknen, meinen Körper beruhigen, die Wut veratmen … und Mutter sein.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Und auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt, weiß ich doch gewiss, dass nicht nur ich mit solchen Situationen kämpfe. „Kinder bringen uns an unsere Grenzen“, ja sicher, das hört und liest man oft. Aber was das bedeuten kann, schon seltener. Deswegen bin ich auch dankbar erfreut über den eingangs erwähnten Satz und den Tränen darin. Diese Verzweiflung kann Teil von Elternschaft sein, der für viele (alle?) völlig normal zum Alltag gehört. Es ist nicht außergewöhnlich, dass es schwer auszuhalten ist, wenn die eigenen Befindlichkeiten beständig hintan gehalten werden müssen, um Situationen nicht eskalieren zu lassen.

Überforderung.

Oh ja, ich bin manchmal ziemlich überfordert mit dem Kind. Aber das ist kein Dauerzustand – was bei mir auch an einer geteilten Elternverantwortung und an relativ unbelastenden Lebensumständen liegt. Wie überfordert jemand ist, hängt nicht zwangsweise mit der inneren Konstituierung zusammen, sondern massiv mit dem Umfeld und den Abhängigkeiten oder Zwängen darin.

Julia Geiser

(c) Julia Geiser via julia-geiser.ch

Kürzlich wurde auf fuckermothers auf den Beitrag Traurige Mütter von Márcia Elisa Moser verwiesen – aber erst jetzt erschließt sich mir dieser unverhofft in Bezug auf meine eigenen Mutterschaft. Wie oft habe ich gezögert, von ambivalenten Gefühlen etwa von der Geburt zu berichten, weil ich Angst hatte, es würde sofort als erfahrenes Trauma verstanden oder von den Anstrengungen des ersten halben Jahres, weil ich befürchtete, es würde als „Offenbarung“ einer postpartalen Depression gelesen (von der ich mit Sicherheit wusste, nicht betroffen zu sein). „Über neue, nicht-mutterzentrierte Beziehungs-, Fürsorge- und Familienmodelle löst sich postpartale Depression als Thema, Diagnose und Erfahrung nicht in Nichts auf„, schreibt Márcia Elisa Moser. „In Nichts auflösen könnten und sollten sich aber eben jene Mutterschaftsideale, die die auf Kinder bezogene Liebes- und Beziehungsarbeit hauptsächlich der Mutter zuschreiben und notwendigerweise jedes ambivalente Gefühl gegenüber dieser allumfassenden Fürsorgerolle pathologisieren.

Überforderung nicht nur im ersten Babyjahr zu normalisieren und als beständigen Teil von Elternschaft generell sichtbar zu machen ist wichtig, um die gemeinsamen (all-)täglichen Kämpfe kennen zu lernen. Auch, um die Ursachen für die Unterschiede dieser Kämpfe (und damit die Ansätze für Unterstützungsangebote) klarer sehen zu können.

9 thoughts on “„Auch ich stand schon mit Tränen in den Augen im Hausflur“

  1. „Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen “zum Wohle des Kindes” denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.“

    Danke für diesen Satz. Der trifft es auf den Punkt.

  2. Der beschriebene Aspekt ist mir als ehemals alleinerziehendem Vater (und als Partner aalleinerziehender Mütter, was noch viel schwierrger ist) gut bekannt. Dafür ist da „Gefällt mir“ nicht, aber für die klare, nachvollziehbare Äußerung dieses meist verschwiegenen Dilemmas der Elternschaft.

  3. Ich gestehe es mir oft ungern ein, es trifft aber, wenn ich es überprüfe, erstaunlich oft zu. Wenn mein Kind einen Wutanfall bekommt, wenn es sich nicht anziehen will, wenn es schreit oder spuckt: meistens spiegelt es mich, Meistens bin ich schon in Not und es äußert die Gefühle quasi vertretend für mich. Oder ich enge es mit meiner Not ein und bewerte es. Mir helfen dann zwei Dinge: Ich versuche mich um mich zu kümmern, auch wenn es nur 20 Sekunden Selbstempathie sind. Und ich versuche diese Ausbrüche bei meinem Kind nicht „wegzumachen“ mit Ablenkung, Überredung o.ä., sondern ich versuche es, in seinen Gefühlen zu sehen, nicht zu dramatisieren und meine Interpretation nicht mit rein zu bringen. Und dabei hilft mir wiederum der absolut einzige „Familienratgeber“, der m. E funzt, immer (übrigens auch als „Ratgeber“ für den Umgang mit Erwachsenen und mit mir selbst: von Naomi Aldort „Von der Erziehung zur Einfühlung“. Ganz groß.

  4. Was ich nicht immer verstehe: wenn wir doch alle verstehen können, dass Kinder sich nicht besonders gut selbst regulieren können, dass sie manchmal ausflippen und dann gar nix mehr geht, dass sie manchmal nicht verstehen, warum sie ihre eigene Meinung nicht durchsetzten können, warum soll das im Umkehrschluss heißen, dass wir Erwachsene das perfekt beherrschen? Wohl können wir das in manchen Situationen besser, als ein Kleinkind. Aber wenn mich was echt aufregt, warum darf ich dann niemals laut werden, mit den Türen knallen? Warum muss ich für alles Verständnis haben? Und warum dreht sich alles immer nur um’s Kind? Und warum wird immer unterstellt, wenn ich mich nicht perfekt verhalte, wie’s im Ratgeber steht, dann trägt das Kind sicherlich einen lebenslangen Schaden davon? I

    Ich finde, dieses Ratgeberfamilienleben mit gewaltfreier Kommunikation und Bedürfnisorientierung ein durchaus schönes Bild. Aber ich werde das niemals so rosarot leben können. Ich kann das nicht und will das auch nicht. Da müsste ich eine Rolle spielen und das will ich aus vielen Gründen nicht. Also schreie ich mein Kind Kind manchmal an, dass ich jetzt genug habe. Und dann machen wir eine Pause und beruhigen uns allesamt. Und dann geht’s wieder.
    Eine Ratgebermutti antwortete mir mal, wenn ich das mit der gewaltfreien Kommunikation und Bedürfnisorientierung nicht gut umsetzen könne, dann hätte ich zurecht ein schlechtes Gewissen und würde eben nicht hart genug an mir arbeiten oder wahlweise mein Kind nicht genug lieben. Seither würde ich am liebsten jeden, der es ja so viel besser weiß und kann und mir das auf’s Auge drückt am liebsten in der Luft zerreißen.
    Ich bin eine fantastische Mutter und meine Kinder sind auch fantastisch und die werden im Wissen groß, dass ich sie liebe. Dass wir uns wie normale Menschen verhalten, brauch ich mir nicht vorwerfen zu lassen.

    Und doch, dass es so schwierig ist, beweist eigentlich nur, dass Kinder-Eltern wahrscheinlich die einzige zwischenmenschliche Beziehung darstellt, die echte Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und echte Beziehungsarbeit erfordert. Man kann sich von allen Menschen trennen, aber Eltern und Kind können sich nicht trennen. Mit diesem Zwang zur Auseinandersetzung sind wir nicht oft im Leben konfrontiert und haben darum wenig Übung. Aber viele von uns sehen es als Chance und finden ihren Weg. Darum braucht sich niemand zu schämen, wenn er mal nicht der einen oder Ideologievorstellung entspricht. Und die Kinder? Die können ne ganze Menge ab.

    • Jede Mutter ist gelegentlich überfordert und an ihren Grenzen – leider reden die wenigsten darüber, so dass die Gesellschaft ein recht falsches Bild der Elternschaft hat.

      Danke für diesen Beitrag!

  5. Kann ich sehr gut nachvollziehen – ich bin oft genauso am Schreien wie mein Kind weil irgendetwas in mir angetriggert wird – Wut, Hilflosigkeit, Erinnerungen an früher als es umgekehrt war. Manchmal verstehe ich sie so gut und kann trotzdem nicht aus meiner Haut raus😦 Ich blogge übrigens oft über mein unperfektes Mamasein und werde von den Lesern kritisiert, hätte mir doch kein zweites Kind anschaffen sollen ^^ Es geht also auch andersrum… Hm…

    Liebe Grüße, Frida

  6. „Wenn ich in solchen Momenten an Ratgeber-Besserwisser*innen und ihre Handlungsanleitungen “zum Wohle des Kindes” denke, wird mir übel und ich möchte sie alle mit ihren eigenen Büchern bewerfen.“
    Ich habe ungefähr zwei Wochen gebraucht, um nach der Geburt bereut zu haben, jemals einen Ratgeber gelesen oder mit einem „Experten“ gesprochen zu haben. Wenn man all diese Regeln bekommt, was man machen „muss“ oder nicht machen „darf“ und dann feststellt, dass man bei bestem Bemühen nicht weiß, wie man das hinbekommen soll … Als ob alles nicht schon kompliziert genug wäre, wird einem doch die eigene Unzulänglichkeit noch mal zusätzlich schmerzhaft unter die Nase gerieben.

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