Die Perfidität des (Nicht-)Aufräumens

Ich sitze auf dem Sofa. Mir gegenüber zwei Hocker, auf denen sich Bücher, Spielsachen und Westen ausbreiten. Dazwischen steht ein kleines Tischchen, auf dem sich undefinierbare Flecken abzeichnen. Dahinter sehe ich den Esstisch mit einem Stapel alter Zeitungen, leerer Gläser und einem Haufen undefinierbarer (Un-)Wichtigkeiten. Rechts daneben die große Kommode, auf deren Ablagefläche Handtaschen, wieder Bücher, Rechnungen, Karten, zerbrochene und auf das Kleben wartende Alltags- und Spielsachen, mehrere Tiegel Creme und Schokolade zu einem Mosaik der Unordnung angetreten sind. Davor steht eine Klappbox mit alten, vollgeschriebenen Blöcken und Kindheitserinnerungen, die ich neulich angeschleppt habe und die ausgeräumt werden will. Weiter lasse ich meinen Blick lieber nicht schweifen (Küche!).

Diese Wohnung gehört dringend aufgeräumt. Und ich rede nicht vom Putzen, das ist ein anderes Thema. Aber da ich dieser Tage vorübergehend alleine für das Kind verantwortlich bin und es ohnehin viel zu tun gibt, mag ich dafür nicht auch noch Zeit abzweigen. Parallel dazu bin ich auf besonders viele Tweets und Posts von Müttern gestoßen, die sich über aufwändiges Aufräumen beschwerten, das ihre (Home-Office-)Zeit empfindlich reduziert: Betten machen, Spielchaos beseitigen, Tische abwischen, Blumen gießen, Klopapier stapeln, Schuhe zurück ins Regal stellen, Schmutzwäsche aus den Ecken in den Korb klauben, Post hereinholen.

Die Banalität des Aufräumens ist mit keiner anderen der klassischen Putz-Tätigkeiten zu vergleichen – vielleicht gerade deshalb, weil sie schwer auszulagern ist. Und weil es so banal ist, klebt das Aufräumen besonders hartnäckig im Verantwortungsbereich von Frauen. Wurden „wir“ tatsächlich sozialisiert, die Unordnung zu sehen und sie als störend zu empfinden? Es ist eine dieser vielen unsichtbaren Aufgaben, die so viele Frauen „nebenbei“ erledigen („Es sind doch nur ein paar Handgriffe“). Ich erinnere mich an Stehsätze aus meiner Kindheit: „den Kindern hinterherräumen“ oder „dem Mann nach dem Kochen hinterherräumen“. Vermutlich liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung, welche Tätigkeiten insgesamt zu Hausarbeit und entsprechend erledigt gehören, auch die Ursache dafür, dass Männer subjektiv gefühlt mehr arbeiten, als dies von ihren Partnerinnen geschätzt wird und umgekehrt, wie eine Anfang des Jahres veröffentlichte Umfrage zeigt: „Aus der Sicht der Männer verrichten sie selbst 37,1 Prozent der Haushaltstätigkeiten. Geht es nach den Frauen, erledigen ihre männlichen Gefährten im Durchschnitt aber nur knapp über ein Viertel (26,2 Prozent) der anfallenden Aufgaben. Umgekehrt sind Frauen der Meinung, 73,8 Prozent der Arbeiten zu erledigen, während ihre Partner den Anteil der von den Frauen erledigten Arbeiten auf 62,9 Prozent schätzen.

Selbst wenn wir hier das Aufräumen recht gerecht zu gleichen Teilen übernehmen, bin es doch schlussendlich ich, die ein schlechtes Gewissen hat, wenn es nicht passiert und Besuch Zeug_in der Unordnung wird – aus Unbehagen eben darüber, dass ich als Frau es bin, die in dessen_deren Augen nun als schlampig und nachlässig gilt. Wenn in Familien also die Haushaltsarbeit aufgeteilt wird, dann ist es wesentlich alle Tätigkeiten auf den Tisch zu bringen. Auch, was nebenbei erledigt wird, ist Arbeit und kostet Zeit.

Ich erinnere mich mit Schaudern an die Monate, in denen das noch kleinere Kind die Wohnung innerhalb von Minuten (Sekunden?) in ein Desaster verwandelte. Nicht, dass das heute nicht mehr passiert, aber es wird seltener und dauert länger – dafür ist das Chaos dann auch sorgfältiger arrangiert und ich muss vor dem Aufräumen noch ein Legitimationsgespräch darüber führen, weil mein Ordnungssinn nicht dem des Kindes entspricht.

Bluemilk hatte zum Thema Aufräumen vor langer langer Zeit einen kurzen, aber so wahren Beitrag, den ich zum Glück wiedergefunden habe: „Sometimes it is an explicit negotiation, like take the kids out alone for the morning and in exchange I will pull this house back from the edge of disaster. Mostly it is just an implicit understanding in our house – any time any parent leaves the house for more than fifteen minutes with at least the toddler, if not both children in hand, the other parent (besides skipping about celebrating freedom) will spend a minimum of 15 minutes cleaning the house. (…) But twice in the last week I have returned home with Cormac to find not a bit of shit has been done. It feels like our bond of sacred trust has been broken in this relationship.“ In einem anderen schreibt sie vom „Preis einer Sechs-Minuten-Dusche“ und ich erinnere mich an den heutigen Morgen, als das Badezimmer während meiner Dusche in ein fantasievolles Lego-Playmobil-Land verwandelt wurde. Das räume ich dann morgen weg …

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11 thoughts on “Die Perfidität des (Nicht-)Aufräumens

  1. Danke fürs Verlinken. Sehr gut getroffen mit dem Aufräumen. Das Schlimme ist, dass es auch immer irgendwie zwangsläufig vor dem Putzen kommen muss. D.h. wenn man aufgeräumt hat, ist noch nicht wirklich was sauber aber man selbst schon durch. Zumindest bei mir so. Und selbst wenn man Putzhilfe holen würde, vorher Ordnung machen muss man doch. Mich ärgert auch diese ganze Aufräum-/ Vereinfachungsliteratur (Du musst nur….), hatte ich auch mal drüber gebloggt. Lieben Gruß, Corinne

  2. wie wahr. Inklusive der Schätzungen zum Aufräum(und Putz)Anteil, das trifft es recht gut und ist nicht versiegende Quelle von Auseinandersetzungen.
    (Wobei sich hier das Chaos mit dem Alter des Kindes nicht reduziert) *seufz*

  3. An der Stelle darf ich mich dann wohl als Frau outen. – Aufräumen ist mein zweiter Vorname, meine Holde hasst meinen „Räumwahn“, und ich stehe dem Räumen nicht minder abgeneigt gegenüber.
    Einzig: Das Chaos mit zwei Kids und einer bevorzugt kreativ tätigen besseren Hälfte wird nicht weniger, wenn ich es sein lasse. Glücklicherweise sind die beiden Chaoten noch klein genug, dass ich mit ihnen nicht in die Diskussion des Sinns und Unsinns vom Räumen gehen muss; mit einem simplen, aus der KiTa abgekupferten Gesang „Aufräumzeit, es ist soweit – alle helfen mit…“ als Mantra geht es zuweilen mit mehr als zwei Händen vorwärts. Und fixer.❤ (Mal sehen, wie lange noch.)

  4. Lustig, für mich ist es ganz anders. Ich räume leidenschaftlich gerne auf, weil es so verdammt effektiv ist. Es gibt den Punkt, an dem frau fertig ist und etwas anderes/sinnvolles machen und sich dabei in der aufgeräumten Wohnung wohl fühlen kann. Vor dem Putzen setz ich einfach die Brille ab, dann ist es nicht mehr nötig oder jemand anderes machts, oder ich, wenn ich grad Lust drauf hab. – Essen machen dagegen ist das frustrierendste überhaupt: weil man danach noch die Küche wieder instandsetzen muss und irgendjemand immer noch Appetit hat, kleckert, Getränke umschubst oder frau sich überfrisst, zu wenig abbekommt oder müde wird und überhaupt der nächste Hunger in ein paar Stunden zu erwarten ist. Wenn ich mit den Kindern alleine bin, ist weder das aufräumen, die nervliche Belastung, die alleinige Verantwortung am belastendsten, sondern die ein, zwei Minuten, die für die Brotbüchse/Lunchbox draufgehen. Wenn diese Arbeit getan ist, ist sie eben noch nicht getan, und wahrscheinlich trifft frau mit dem, was sie eingepackt hat, Hunger oder Appetit des Kindes nicht, macht die Arbeit also vielleicht umsonst oder nicht in ausreichendem Maß. Andererseits _muss_ eine_r ja essen, kann diese Arbeit also nicht liegenlassen wie das Aufräumen. Mich ärgert das von Grund auf, und ich bin ebenso von Grund auf dankbar, dass der Mann gerne kocht und diesen Batzen Arbeit scheinbar gerne komplett übernimmt.
    (Wir teilen nach Vorlieben innerhalb einer großen 50/50-Rechnung, in die noch anderes mit einfließt, wie Wäsche waschen, einkaufen, Kinderklamotten nachkaufen/loswerden, Geburtstagsgeschenke, Reparaturen, organisatorischer Kram.)

  5. Das GIF ist ist ja herrlich! Gibt genau meinen Gefühlszustand wieder, wenn ich feststelle, dass mir das prekäre Unordnungsgleichgewicht (nur so unordentlich, dass ich das Gefühl habe, ich könnte theoretisch an einem Tag wieder Ordnung schaffen) zu entgleiten droht. Was ich genau so lautstark wie die Dame im Bild äußern muss und mir äußerst schlechte Laune bereitet.

  6. Ja. ja. ja. Oh, wie ich oft sauer bin über meinen Mann und die Kinder und die Wohnung, die immer unordentlich wird. Und dann räum ich doch wieder auf. Weil es die anderen ja nicht zu stören scheint. DAAAAAAAAAAAAAAAAAANKE für diesen Artikel. Sollte ich ausdrucken und irgendwie am Klo liegen lassen. Vielleicht liest ihn dann mal mein Mann🙂
    http://mamaleoni.blogspot.de/

  7. Danke für diesen Artikel! In letzter Zeit fordere ich verstärkt von meinen Kindern ein, ihre Sachen selbst wegzuräumen. (Und auch andere Arbeiten). Weil ich mit diesem Gefühl nicht mehr leben kann, dass es meine Lebenszeit ist, die all diese Arbeit wegfrisst; dass ich mir dringend ein kleines Stück „Raum“ an den Wochenenden mit Kindern zurückerobern muss, das nicht für diesen Haushaltskram draufgeht. Heftige Kämpfe fechte ich das mit meinen Kindern aus, aber lohnende, hoffe ich.

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