Still not loving Girls‘ Day

Was sind die drei klassischen Lehrberufe für (Wiener) Mädchen? Keine Sorge, wenn die Antwort nicht auf Anhieb einfällt, die Girls‘-Day-Machinerie erinnert uns jährlich daran: Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau und Friseurin. Klassisch deswegen, weil sie von 47 Prozent der Mädchen (in Lehre) gewählt werden.

Heute ist es wieder soweit und der Girls‘ Day oder, wie er in Wien heißt, Töchtertag, ist angebrochen. Der Tag ist mir seit jeher ein Rätsel und ich verstehe nicht, warum sich die Frauenbeauftragten aller Städte und Bundesländer so darauf stürzen. Also, ein bisschen schon – von wegen Positiv-Image-Kampagne für Politiker_innen, die sich dann mit schweißenden und hämmernden Mädchen fotografieren lassen können. Einen Beitrag zur Auflösung von beruflichen Geschlechterdichotomien leistet der Girls‘ Day jedenfalls keinen. Im Gegenteil. Die Frauen und Männern zugeordneten Berufe werden Jahr für Jahr aufs Neue definiert, präsentiert und zementiert. Wobei es natürlich meistens um „typische“ und „untypische“ Frauenberufe geht. Von untypischen Männernberufen liest man recht selten.

Außerdem finde ich die Fixierung auf spätere (schlechte) Verdienstmöglichkeiten wenig sinnvoll. Statt den Mädchen zu erklären, wenn sie in „typische Frauenberufe“ gehen und dort weniger Einkommen haben, sei es in gewisser Weise ihre eigene Schuld – man hätte sie ja vorab gewarnt, dass Verdienst- und Aufstiegschance tendenziell mau seien –, wäre eine Aufwertung eben dieser Berufe und der damit einher gehenden besseren Entlohnung gefragt.

Die Girls‘-Day-Rhetorik erinnert bisweilen an die Abwertung von so genannten Mädcheninteressen insgesamt. Der Aktionstag birgt darüberhinaus durch die grundsätzlich positive Konzentration auf die Förderung von Mädchen mit künftig niedrigen formalen Bildungsabschlüssen möglicherweise auch ein wenig beachtetes klassistisches Moment à la „Friseurin-Sein ist igitt“.

In meiner Schulzeit gab es den Girls‘ Day noch nicht. Wir hatten im Maturajahr eine Studienberatungsstunde mit einem uns unbekannten Lehrer, der eine skurrile Monolog-Rede hielt: „Frauen in die Technik!“ „Es leben die MINT-Fächer!“ „Entscheidet euch für Zukunftsstudien!“ Wir waren eine reine Mädchenklasse, die sich drei Jahre zuvor für den sprachlichen Zweig des Gymnasiums entschieden hatten. Mathematik, Informatik, Chemie und Biologie hatten wir – lange bevor wir uns dafür hätten interessieren können – (bis auf wenige Einzelstunden) abgewählt.

Aber was genau macht der Girls‘ Day anders?

Den Girls‘ Day also abschaffen? Mädchen die Chance nehmen, mit positiven Role Models zu plaudern und ihnen bei ihrer „frauenuntypischen“ Arbeit über die Schultern zu schauen? Jein. Berufliche Geschlechterstereotypen ließen sich in differenziert konzipierten Berufsinfotagen viel nachhaltiger auflösen, wenn bei der Auswahl der Berufsvertreter_innen eben auf einen Bruch mit Klischees geachtet wird. Sprich, eine Mechanikerin wird geladen, um vor Mädchen UND Buben über ihren Beruf zu sprechen, und ein Kindergartenpädagoge lässt sich von Mädchen UND Buben einen Arbeitstaglang begleiten. Darüberhinaus spiegelt oftmals auch die schulinterne Lehrer_innenschaft eine fachliche Geschlechterrollenverteilung wider, die durchaus diskutabel wäre (… und an dem Punkt könnte ich mich auch in einer Kritik von Unterrichtsinhalten und deren Unsichtbarmachen von Frauenleben und -leistungen verlieren, aber dazu vielleicht später).

Wenn man Jugendlichen tausendmal erklärt, Kindergärtnerin sei ein typischer Frauenberuf und Mechaniker ein typischer Männerberuf, dann kann das durchaus eine abschreckende Wirkung auf spätere Berufswünsche ausüben. Der Traumjob Mechanikerin kann wegen der Aussicht auf die Arbeit in einem reinen Männerbetrieb fallen gelassen werden. Parallel dazu werden Buben durch den Girls‘ Day extra darauf aufmerksam gemacht, dass klassische Frauenberufe – die man den Mädchen ausredet – neben dem ohnehin unattraktiven Image auch noch schlecht bezahlt sind. Aus welchem Grund genau sollten Buben dann derlei Berufsentscheidungen treffen?

Unterm Strich richtet der Girls‘ Day mehr Schaden an, als er gutmachen kann.

3 thoughts on “Still not loving Girls‘ Day

  1. „…wäre eine Aufwertung eben dieser Berufe und der damit einher gehenden besseren Entlohnung gefragt.“

    Ja!

    „…in differenziert konzipierten Berufsinfotagen viel nachhaltiger auflösen, wenn bei der Auswahl der Berufsvertreter_innen eben auf einen Bruch mit Klischees geachtet wird … vor Mädchen UND Buben“

    Jajaja!

    Klingt so einfach. Warum ist das so schwierig?

    Oh. Richtig. „Differenziert konzipiert“. Man müsste mal die Schubladen verlassen und das Hirn anstrengen.

  2. bei uns heißt er immerhin schon mal Girls-and-Boys-Day. über die zementierung der rollen habe ich so noch nicht nachgedacht – finde ich sehr weitsichtig!! allerdings ist es vielleicht wie mit der frauenquote: richtig super ist das nicht, weil das ideal wäre, dass es nicht nötig wäre. da das ideal aber noch weit weg ist, müssen wir mit der realität umgehen.
    dass die realität aber vielleicht schon vielseitiger und -schichtiger ist, als das in diesem konzept zugelassen wird, halte ich allerdings auch für möglich. bin gespannt wenn es meine tochter und später meinen sohn betrifft, wie sich das gestaltet.

  3. Stimme ich tendenziell zu,
    aber das jene genannten Berufe schlechter bezahlt werden hängt nicht damit zusammen das es meist Frauen sind die ihn ausüben (wobei ich 50/50 männliche/weibliche Kaufmännische und Friseure kenne). Sondern damit das sue in der Ausübung einfach weniger verdienen, billig Angebote, Lockmittel alles trägt dazu bei. Und ganz ehrlich würden sue gleich viel verdienen wie z.B. ein Mediengestalter wären letztere arm dran weil sie natürlich mehr unkosten aufbringen und geistige/kreative Berufe einen mal mehr auslaugen können.

    Meine Haare kann ich mal ebeb selbst vorm Spiegel schneiden, ist nicht schwer wenn man kreativ ist, jedoch jeden Tag 100 Ideen zu bringen schon.

    Ich finde die Sache wird hier faksch angegangen! Als aller ersres müsste der geringer ausfallende Frauengehalt wegfallen bzw an den der Männer angehoben werden. Denn den gibt es noch immer überall, nur bei Friseuren u.d Co nicht, evtl mit ein Grund das bestimmte Frauen diese Berufe bevorzugen?

    Es ist nicht mehr zeitgemäß der Frau die schuld für den Arbeitsausfall der Kinderwahl zu geben, zumal immer mehr Männer darauf zugreifen. Und doch ändert sich nichts mit einen ungenannten Begründung die totgeschwiegen wird „Frauen bekommen Kinder das kostet dem Unternehmen Geld ohne durch ihr Geld einzunehmen“.

    Nicht einzig der Girls Day trägt die Schuld. Hey ich kenne den Girls Day und ich hab einen geschlechtslosen Beruf😀
    Zudem hab ich in derSchule lieber Werken/Naturwissenschaft als Textilien gewählt. Es hängt also viel damit zusammen wie die Kinder aufwachsen einen sehr großen Anteil tragen die Eltern, Girls Day hin oder her wenndie Eltern den Kindern näher bringen welche Berufe es gibt umd alles würde es anders aussehen.

    Meine Ma war Putze, das wollte ich niemals wegen des geringen Lohns. Mein Dad Ingineur und Technischerzeichner, natürlich das ich mich da orientiere zumal es zum Teil auch in den Genen liegt. Kreativität und alles andere kann man nivht lernen.

    Man kann nur helfen seinen Kindern Berufe zu zeigen damit diese wissen was ihnen liegt. 1-2 besuche von Arbeitern werden da nicht helfen.

    Ein umdenken auch bei den Eltern wäre wunschenswert.

    Und das Abschaffen der Geschlechtsgehälter.

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