#regrettingmotherhood – Wo sind die Geschichten ohne Aber?

Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir an der Debatte, die der Artikel in der Süddeutschen Zeitung Unglückliche Mütter. Sie wollen ihr Leben zurück ausgelöst hat, nicht gefällt und will versuchen, Worte zu dem Gefühl zu finden. Im SZ-Beitrag geht es um die qualitative Studie der Soziologin Orna Donath von der Universität Tel Aviv, die 23 israelische Mütter im Alter von Mitte zwanzig bis Mitte 70 in intensiven Interviews zu ihren Gefühlen gegenüber der eigenen Mutterrolle befragt hat (der Artikel der Wissenschafterin auf Englisch „Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis“ findet sich hier):

Nur ein einziges gemeinsames Kriterium war es, nach dem Donath die Studienteilnehmerinnen ausgewählt hatte. Allen stellte sie die Frage: „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie dann noch einmal Mutter werden, mit dem Wissen, das Sie heute haben?“ Was die Mütter in der Studie vereinte, war ihre Antwort auf diese Frage: „Nein“.

Eine in Kontext gesetzte Zusammenfassung dieses Bereuens von Mutterschaft, um das es in dem Bericht geht, findet sich bei fuckermothers.

Nun gab es als Antwort auf den in den sozialen Netzwerken vielfach geteilten und zitierten Artikel eine Reihe von Blogposts und Beiträgen, in denen Mütter ihre Erfahrungen schilderten (#regrettingmotherhood). Ich habe viele angefangen zu lesen und war meistens enttäuscht. Enttäuscht darüber, dass weniger über Reue – also der richtigen Reue über eine Lebensentscheidung – zu lesen war, sondern vielmehr über die ambivalenten Gefühle, die Mutterschaft auslösen kann.

Es ist sehr wichtig, auf diesen Unterschied hinzuweisen und Berlinmittemom macht das in schöner Deutlich- und Ausführlichkeit: „Bei Regretting Motherhood geht es um echte Reue, darum, dass diese Frauen es anders machen würden, wenn sie die Wahl hätten und die Zeit zurück drehen könnten. Dass sie festgestellt haben, dass Mutterschaft nichts für sie ist und dass sie ihre Kinder zwar lieben und versorgen, aber dass sie deren Nicht-Existenz in Kauf nehmen würden, wenn sie könnten. Und dafür lieber nicht Mutter sein.“ Sie berichtet dann von einer eher unsuprigen Autofahrt mit genervten Kinder, Stau und Dauerbeschallung mit Hörspielen. Eine Situation, der sie in diesem Moment liebend gerne durch eine Tür entfliehen wollte – und dann formuliert Anna das Wesentliche: „Ich möchte diese Tür nämlich nicht als magisches Utensil, um mein Schicksal zu ändern, sondern lediglich als Pausetaste in meinem Alltag. Ich möchte mal durchschnaufen, mal ausschlafen, mal schweigen können. Ich möchte mal nicht verantwortlich sein, mal nicht immer eine Antwort, ein tröstendes Wort, eine Lösung für das aktuelle Problem parat haben müssen. Ich möchte mich mal verkriechen und laut heulen können, wenn mir danach ist! Wer nicht?“

Wer nicht? Genau.

Aber daneben steht dieses eine tiefgreifende Gefühl von Frauen, die es wirklich und ehrlich und konsequent bereuen, Mutter geworden zu sein. So wie andere es bereuen, diesen Job angenommen, die Beziehung beendet, den Umzug durchgezogen, das Studium geschmissen, das Land gewechselt zu haben. Wie beim Bereuen jeder anderen Lebenssituation sind davon meistens auch andere Menschen betroffen. Anders als bei anderen Lebenssituationen darf es diese Reue im Fall von Mutterschaft aber nicht geben. Und zwar so intensiv und dringlich nicht, dass selbst ein expliziter Bericht über die Gefühle tatsächlich wissenschaftlich befragter Mütter (eine Anmerkung, weil die Anzahl der interviewten Mütter diskutiert wurde: in der qualitativen Sozialforschung geht es NICHT um Repräsentativität, sondern darum vielfältige Perspektiven tiefer zu ergründen und auf diese Weise Zusammenhänge ergründen zu können) es nicht schafft, Stimmen von Müttern in ähnlichen Situationen im deutschsprachigen Raum Platz und Gehör zu verschaffen.

Ich will immer und andauernd über die Ambivalenzen vom Muttersein lesen. Wirklich. Aber in diesen Kontext gestellt haben sie für mich einen flauen Beigeschmack, weil sie eine Dimension verfehlen: Sie überschreiben Berichte von tatsächlicher Reue. Sie machen diese unsichtbar, wenn nicht unmöglich. Denn sie schreiben die Erzählung fort, in der Mütter sich nun zwar eingestehen (können), dass Elternschaft schwierig, herausfordernd, belastend und furchtbar sein kann, aber am Ende des Tages hilft darüber nicht nur das besondere Glück, sondern auch das Einsetzen des – wie es fuckermothers formuliert, „Narrativ[s] der mütterlichen Opferbereitschaft“.

Also, ja, schreiben wir weiterhin jeden Tag über die Ambivalenzen von Mutterschaft. Das ist für mich ein wesentlicher Aspekt von Feminismus in Bezug auf Mutterschaft. Aber seien wirTM an Tagen wie diesen auch und vor allem Zuhörer_innen, wenn vielleicht die eine oder andere aus unserer Mitte ihre Geschichte erzählen will.

Eine Geschichte, in der kein „Aber“ vorkommt.

 

22 thoughts on “#regrettingmotherhood – Wo sind die Geschichten ohne Aber?

  1. Mutter-un-glück | phönix-frauen

  2. Reue | fuckermothers

  3. Bravo! Vielen Dank für diesen ungeheuer differenzierten Beitrag zum Thema. Ich habe bislang viele gelesen, die dann aber immer damit endeten, dass schließlich doch trotz aller Wenns und Abers die Mutterschaft ein großes Glück sei. Manchmal kommt es mir dabei so vor, als seien diese letzten Sätze eine Entschuldigung an die Gesell- (und Leser-) schaft dafür, dass die Schreiberinnen Mutterschaft als strahlendes Idealbild auch nur für einen Moment in Zweifel gezogen haben.

    Ich habe zum Glück wenig zu bereuen, denn ich habe keine Kinder. Das ist eine bewusste Entscheidung, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass auf mich die Prophezeihungen insbesondere auch diverser weiblicher Familienmitglieder nicht eintreten werden, die da lauten: „Wart’s ab, irgendwann wirst Du schon wollen!“ oder „Der Mutterinstinkt wird sich bei Dir auch noch einstellen!“ Natürlich ist es ungleich schwieriger, Reue einzugestehen, wenn man bereits eines oder mehrere Kinder hat. Aber auch die (weibliche) Entscheidung zur Kinderlosigkeit und Zurückweisung von Mutterschaft wird in dieser Gesellschaft weder gern gesehen noch ernstgenommen. Das ist ein weiterer Aspekt desselben Themas.

    Umso blöder, dass man obendrein auch noch nahezu dauernd betonen muss, deswegen keine Kinderhasserin zu sein. Ebenso, wie sich die reuigen Mütter dazu genötigt fühlen, extra anmerken zu müssen, dass sie ihre Kinder dennoch lieben.

  4. Danke auch dir – ebenso wie berlinmittemom – für diese klaren Worte. Genau das hat mich an der Diskussion ebenso gestört. Beiträge, die über Ambivalenz und Überforderung berichten oder die gesellschaftlichen Umstände, die die Elternschaft erschweren können, (mal wieder – und prinzipiell zu recht) anprangern. Aber da steckt immer noch eine „Ideologie“ dahinter: Nämlich, dass man doch eigentlich gern Mutter ist. Und das leugnet prinzipiell genau die Einsicht, die die Frauen aus dieser Studie für sich gewonnen haben: Dass sie sich unabhängig von diesen völlig normalen Problematiken und Überforderungen nicht noch einmal Mutter werden würden. So einfach kann das sein. Punkt. Warum darf man gerade so eine gravierende Entscheidung nicht bereuen? Man darf. Punkt.

    • Genau so denke ich das. Es ist aber schier unmöglich jemand (Mann oder Frau) zu finden, der zu dieses Gefühl steht. Jedesmal, das ich dies ausspreche, werde ich schief angeguckt – genau wie wenn ich sage, dass im Fall einer Scheidung, ich dafür kämpfen werde, dass mein Kind bei dem Vater bleibt.

  5. Bang. Volltreffer. Vollkommen d’accord.
    Jede „Ja, aber… ich…“ Geschichte überschreibt diese anderen Geschichten und schwächt deren Klarheit.
    Diesen EIndruck, den du beschreibst, hab ich auch bei Frische Brise gefunden

  6. #regrettingmotherhood - Lesesammlung - Vereinbarkeitsblog Vereinbarkeitsblog

  7. #regrettingmotherhood - bin ich glücklich wegen, trotzdem oder warum sonst? - ehrlichgesagt

  8. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Sport feat. Body-Shaming und die besten GNTM-Reviews – die Blogschau

  9. Verlinkt • Denkwerkstatt

  10. Liebe Cloudette, auch von mir einen Dank für deinen Beitrag, ich habe ihn sehr gern gelesen.
    Mir hat dieser differenzierte Blick gefehlt. Meine Freude über die Präsenz durch #regrettingmotherhood hat meinen Blick da wohl getrübt.

    Meine „Erleuchtung“ durch deinen Text wollte ich teilen und habe mit Freundinnen online darüber diskutiert.
    Und zu meiner großen Überraschung kamen wir da auf keinen Nenner. Was ja nicht schlimm ist, nur bin ich davon anfangs nicht ausgegangen.

    Ihre Einwände waren, dass es mit der Kritik um die „Verwässerung“ von #regrettingmotherhood beginnt um Wertung zu gehen. Um ein höher oder niedriger Einstufen von Erfahrenem (also Reue und Ambivalenz) und dass das ja nicht sehr förderlich für einen Dialog ist.
    Dass Gespräche im öffentlichen Raum halt nicht nebeneinander zu führen seien.
    Ich sehe den Punkt der gemeint ist, ich kann nur nicht zustimmen.

    Wenn Du magst, würde ich mich freuen zu erfahren wie Du dazu stehst.
    Liebe Grüße!

    • Eine Bloggerinnen-Verwechslung … Ich nehme zumindest an, du meinst mich und nicht Cloudette🙂 Ich finde schon, dass Ambivalenz und Reue ganz unterschiedliche Gefühle sind. Also, auf unterschiedlichen Skalen. Insofern sind es auch unterschiedliche Themen für mich und ich kann das Argument der Wertung nicht wirklich nachvollziehen. Reue zuzugeben hat etwas sehr sehr Trauriges. Da will eine dann vielleicht auch keinen öffentlichen Dialog, sondern nur einen Punkt machen. Oder wie ist das gemeint?

      • Oh shit. Natürlich meine ich Dich. Wie peinlich.

        Ich finde ja auch dass es ganz unterschiedliche Gefühle sind.

        Die Wertung kam ins Spiel als ich sagte, dass ich finde dass die Ambivalenzen nichts bei #regrettingmotherhood zu suchen hätten. Nicht weil ich das bewerte in schlimmer oder weniger schlimm sondern weil ich finde dass damit eine Raumeinnahme beginnt die unsichtbar macht was eh schon unsichtbar ist und aber unter diesem hashtag mal eine gewisse Sichtbarkeit erfahren hat.
        Also wurde in meinem Wunsch nach Trennung eine Wertung gesehen.

    • Kein Ding🙂
      Ich glaube wir sehen das ähnlich und das ist für mich ein Grund dafür, dass das eben wirklich noch ein Tabu ist … also, die Mutterschaft zu bereuen. Sehr schwieriges Thema. Warum bei der gewünschten Trennung zwischen Ambivalenz und Reue die Wertung beginnt, kann ich tatsächlich nicht wirklich nachvollziehen. Ein bisschen erahnen.. Vielleicht dass das jene so sehen, für die Ambivalenz-Aussprechen schon extrem schwierig/unmöglich ist? Dass die Existenz all dieser Gefühle immer abgesprochen wird, ist halt das „gemeinsames“ Grundproblem… der immer noch aufrechte Muttermythos. Ach, das hört wohl leider nie auf …

  11. Hm….nein, ich glaube nicht dass für Sie die Ambivalenz schon schwer auszusprechen ist.
    Ich weiß nicht ob mein Wunsch nach Trennung klingt wie „deine Ambivalenz is aber nicht so schlimm für dich wie das Bereuen, also halt den Mund“?!

    Aber ich will hier ja auch garnicht das Denken anderer, mir lieber Menschen, analysieren.
    Ich hab mich nur gefragt, eben weil ich so bei Dir bin bei dem Thema, ob Du da noch einen Gedanken zu hast, der mir vielleicht noch nicht gekommen ist.

    Der aufrechte Muttermythos. Versuchen wir ihn zu stürzen😉

    • Nein, leider, kein Zusatzgedanke dazu. Mein Wunsch nach dieser Trennung war auch eher so gedacht gewesen:“Red über Ambivalenz an den wenigen, aber vorhandenen Orten, die dafür da sind und lass Reue ihren bislang einzig überhaupt existierenden öffentlichen Ort #regrettingmotherhood.“ So wie du auch schreibst von wegen unsichtbar-machen. Ich würde keinesfalls werten wollen!
      Vielleicht ist es schon ein Gewinn, dass derlei Diskussionen überhaupt geführt werden!
      Also, nur weiter zu: Smash the Mother Myth \o/
      Danke für deine Gedanken. Gute Nacht!

  12. Von anderen Bloggern die... (Teil 2) - Nesting Nomads

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