Immer Ärger mit Still-Studien (und der Berichterstattung dazu)

Weil gerade „alle Welt“ wegen der Ergebnisse einer brasilianischen Langzeit-Still-Studie (Horta) aus dem Häuschen ist (ORF: „Studie: Stillen fördert Intelligenz“, Tiroler Tageszeitung: „Stillen führt zu höherer Intelligenz und höherem Einkommen“, Süddeutsche: „Muttermilch macht Besserverdiener“, Spiegel Online: Stillen und Muttermilch: „Gestillte Kinder haben höheren IQ“, Zeit: „Stillkinder punkten als Erwachsene im IQ-Test“), ein paar „vergessene“ Hinweise:

• Drei Monate volles Stillen „bringen“ also durchschnittlich 0,7 IQ-Punkte mehr, ein ganzes Jahr ausschließlich Muttermilch macht ein Plus von vier Punkten … ähm … ja, wirklich beeindruckend.

• Die Liste der Studien, die mögliche Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Stillen belegen (wollen), ist lang. Viele davon wurden im Nachhinein wegen schlechter Datengrundlage kritisiert.

• Es gibt ebensolche Geschwister-Studien (Flaschenkind im Vergleich zum Still-Geschwisterl), die Vorteile bei sozialen Aufsteig und Einkommen für Stillkinder belegen, wie solche, die keine Zusammenhänge finden konnten.

• Vor drei Jahren wurde eine Stillstudie veröffentlicht, die auf das Timing beim Stillen hinwies: Die Intelligenz von Babys würde gesteigert, wenn sie dann gestillt wurden, wenn sie es verlangten – und nicht etwa nach einem fixen Zeitplan. Aber – oh Schreck! – diese Erkenntnis gab es auch für Flaschenkinder. (Hm … vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass Babys merken, wenn Erwachsene auf ihre Bedürfnisse – Hunger! – hören und achten? Zuwendung hebt den Intelligenzquotienten? Tell me about it!)

• Die Faktoren, die Einfluss auf unsere Intelligenz haben, sind vielfältig. Ebenso ihr Zusammenspiel. Und so gibt es auch eine Reihe von Studien, die Zusammenhänge zwischen Stillen und Intelligenz als absurd erklären.

• Zumindest in Industrieländern sind Still-Entschluss und Stilldauer eng mit dem sozi-ökonomischen Status der Eltern verknüpft. Stillende Mütter sind durchschnittlich besser gebildet und haben dadurch viele Vorteile wie etwa ein besseres Einkommen (Anm.: laut der aktuell veröffentlichten brasilianischen Studie, für die 3.500 Neugeborene 30 Jahre lang untersucht wurden, spielen soziale Herkunft, das Einkommen und der Bildungsstand der Mütter keine Rolle für das Stillen. Eine kurze Internet-Recherche zeigte: Stillen ist in Brasilien sehr üblich und an öffentlichen Orten sehr akzeptiert. Eine us-amerikanische Mutter berichtet hier von ihren Erfahrungen mit dem Stillen in dem Land im Vergleich zu ihrer Heimat.)

• Korrelation und Kausalität zu verwechseln ist falsch und gefährlich (z.B. Ist es vielleicht nicht so, dass Mütter, die stillen, „automatisch“ Zeit mit ihren Kindern verbringen bzw. regelmäßig Zuneigung zeigen?)

Aber, hey: Die Studienautor_innen betonen, dass kein Druck auf Frauen ausgeübt werden soll. Phu, Glück gehabt!

phew

3 thoughts on “Immer Ärger mit Still-Studien (und der Berichterstattung dazu)

  1. Danke für den Hinweis, ich werde mir das mal in Ruhe durchlesen.0.7 Punkt ist ja nicht alle Welt – die zitierten Überschriften zeigen aber wiedermal die Kompetenz der Journaille, ein solches Resultat korrekt zu interpretieren. Die wurden offenbar zuwenig lang gestillt😉

  2. Ich kann es gar nicht sagen, wie sehr mich dieser Stilldruck auf die Palme bringt. Habe in letzter Zeit von zwei Bekanntinnen, die nicht stillen, Geschichten aus der Geburtsklinik gehört. Wie man ihnen seitens der Klinik mit fast Erpressung zu nennendem Gestus das Stillen antrug, obwohl beide schon vorher entschieden haben, dass sie nicht möchten.

    Sowas macht mich rasend. Überhaupt das ständige Rechtfertigen-müssen, dass man Müttern, jedoch kaum einem Vater abverlangt. Argh.

    Ich selbst stille, weil mir das schlichtweg so passt und ich es gerne wollte. Meine Tochter ist nun 13 Monate alt. Das ist aber wiederum auch nicht recht, weil „zu lang“ – schließlich verpasse ich ihr damit eine Bindungsstörung und mache sie abhängig von mir (sicher, ist klar). Sollte sie später mal Profikillerin oder Bestatterin von Beruf werden: ich bin schuld.

  3. Stillen als Möglichkeit | fuckermothers

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