Über das Gebären reden

Angeregt von der Montagspost von FeministMum will ich eine neue Kategorie versuchen. „Funken“ – für kurze, aber wichtige Gedankensplitter zwischendurch!

Eine Geburt ist eine extreme Erfahrung, für die in unserer Gesellschaft Worte und Raum fehlen – besonders dann, wenn wir den Umstand „Baby“ ausblenden. Was ich damit meine? Elternwerden, gerade dann wenn es das erste Mal ist, verändert sehr viel im Leben. Vorher gab es kein Kind, das gepflegt und geliebt werden wollte, danach (fast immer) schon. Der Alltag, die Aufgaben und der Rhythmus ändern sich. Es treten neue Personen ins Leben (Hebamme, Mit-Eltern usw.) – im besten Fall kommen sie zum bestehenden Umfeld hinzu. Als Zwei-Erziehende gilt es Aufgaben neu zu verteilen und zu organisieren. Es ist für vieles keine Zeit, und Neues verlangt viel Zeit. Über all diese Dinge wird vermutlich auch zu wenig geredet.

Worauf ich aber hinaus will, ist der Körper der Frau, die das Kind geboren hat.

Die (eigene) Erfahrung der vaginalen Geburt (meine Erfahrungsperspektive) ist eine Grenzerfahrung, die oft nur am Rande oder in abgemilderter Form weitergegeben wird. Kinderlose Freund_innen sollen nicht verschreckt werden, andere Mütter nicken oft wissend, aber es werden meist Blicke statt Worte gewechselt. Keine will im möglichen Trauma einer anderen stochern. Keine will selber von oft unter Verschluss gehaltenen Emotionen überrascht werden. Eine vaginale Geburt geht mit teils schweren körperlichen Verletzungen einher. Der Heilungsprozess kann sich über Wochen ziehen. Aber anders als bei Menschen, die etwa einen Radunfall hatten, gibt es dieses freundlich-interessierte, aber auch aufmunternde Nachfragen nach der Genesung nicht wirklich*. Das Thema ist schambesetzt, die Grenzen sind klar gesteckt. Es gibt ein ausverhandeltes Schweigen. Der Vorgang der Geburt ist kein Tischgespräch, schon klar. Aber es gäbe viel zu erzählen.

* Ich bin mir nicht sicher, wie Frauen mit Kaiserschnittgeburten diesen Aspekt erleben?

Lesetipp:

• Ein Gespräch entstehen lassen | Thema Gebären(„outside the box“-Magazin)

an.schläge | Thema „Gebären“

(c) Igur Kraguljac | http://www.igorkraguljac.net

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13 thoughts on “Über das Gebären reden

  1. hallo,
    finde ich gut das thema zu be sprechen…
    ich habe nur mit einer engeren feministischen Freundin (hebamme, mutter) wirklich über die Geburt sprechen können. da du nach kaiserschnitt fragst hier ein kleiner schnipsel: es war kein schönes erlebnis, da mehr oder weniger notkaiserschnitt für die umstände ok, da keine vollnarkose, d.h. ich konnte das kond gleich sehen und berühren.
    und ich hatte lange ( mehrere Jahre) damit zu tun. körperlich und seelisch.
    aber sowas wie zuspruch oder gute besserungswünsche bekam ich nicht. eher oh, wie schrecklich, lass mal schnell das thema wechseln. oder am schlimsten für mich von anderen Kaiserschnittmüttern: ach, ich hab da kein problem, versteh gar nicht was du hast, ist doch nur eine kleine narbe… ( ich mein, das ist ja schön fur diejenige, der es so gut damit geht, aber das gilt dann doch nicht für alle)
    zu dem thema ungeplanter kaiserschnitt gibt es aber ein tolles buch

    Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter: Frauen erzählen, was sie erlebten und wie sie ihren Kaiserschnitt verarbeitet haben Taschenbuch – 2013
    von Brigitte R Meissner

    was zumindest mir geholfen hat…

      • Ich hab mit etlichen Frauen über ihre Geburten gesprochen, weil ich nach meinem als schrecklich empfundenen Notkaiserschnitt das starke Bedürfnis danach hatte. Nur eine Frau fand die Geburt wirklich „schön“ im Sinne von kraftvoll, selbstbestimmt, auch physisch gut erträglich. Die anderen hatten mehr oder weniger drastische Geschichten zu erzählen.

        Ich selbst habe lange gebraucht, um mein Geburtserlebnis überhaupt irgendwie einsortieren zu können. Habe dann darüber geschrieben und mich mit vielen anderen „Kaiserschnitten“ ausgetauscht. Das half. Wenn eins nachlesen möchte, der Blogartikel heißt „Aus dem Bauch heraus“.

        Und das Buch von Frau Meissner kann ich auch sehr empfehlen, das ist toll.

  2. Ich bin nicht sicher, ob dieses Tabu über’s Gebären nicht auch für alle anderen „Krankheiten“ gilt, die Mann oder Frau nicht in kurzer Zeit „gesellschaftsverträglich“ verarbeiten. Mein Eindruck ist, dass alles, was nicht schnell abgehakt werden kann, in unserer Funktionsgesellschaft entweder einfach stört und/oder dass viel mehr Menschen viel zu sehr in ihre eigenen Traumata verstrickt sind, als dass sie sich mit den Sorgen und Nöten der nächsten Mitmenschen beschäftigen wollen oder können. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass dem Thema Kinderkriegen nichts Normales mehr anhaftet, sondern dass jeder, der ein Kind bekommt, gefälligst so glücklich zu sein hat wie eine Mutter aus der Werbung, die die garantiert richtigen Windeln kauft. Ansonsten hat man eben Pech gehabt, wenn es nicht funktioniert mit dem Glücklichsein. Kein Wunder, dass bei soviel Realitätsferne keiner mehr Kinder bekommen will.

    • Ja, das denke ich auch. Was mich irritiert, ist das Ignorieren von physischen Verletzungen. Was wiederum psychische Auswirkungen haben kann. Das ist sozusagen der Startschuss zum gesellschaftlichen „Ab jetzt zählt nur mehr das Kind“, überspitzt gesagt. Da spielt auch viel Unwissen (und somit Tabuisierung) eine Rolle, denke ich. Ich meine, ja, es fließt Blut, es kann schwere Hämatome geben, Risse, Schnitte, Kreislaufschwäche … nur weil eine jetzt ein Baby in Händen hält, sind die Schmerzen und Erinnerungen ja trotzdem da. Aber für die Gratwanderung zwischen Respekt von Intimsphäre und Empathie gibt es keinen gesellschaftlich ausverhandelten Weg..

      • Mich irritiert in diesem Zusammenhang, dass ich auch in Elternforen gefühlt nix finde zu diesem Thema. Eben, es zählt nur mehr das Kind. Bis zur Geburt hin werden lang und breit alle Befindlichkeiten erörtert und dann ist damit Schluss.
        Ich hab mir allerdings angewöhnt alle frisch Gebärenden mir Nahestehenden gleich zu fragen, wie die Geburt für sie war, wie es ihnen ergangen ist. Und da kam gleich ein Wortschwall jedes Mal. Hatte das Gefühl, dass es echt kaum jemanden gibt, der/die direkt danach fragt. Mich hat bei meinem Notkaiserschnitt irritiert, dass die Leute gleich nach der Narbe fragten, ob die schmerzt (was nicht der Fall war), aber dafür komplett negierten, dass der Kaiserschnitt vl auch irgendwie an sich eine schmerzhafte Erfahrung gewesen sein könnte.

        Was mir aber auch auffiel, ist dass alle Mütter, die zwar über ihre argen vaginalen Geburten berichteten auch gleich danach betonten, dass es das ja wert gewesen sei. So als dürfe eine auf keinen Fall negative Gefühle zur Geburt haben.

      • Ich habe auch gute Erfahrungen damit gemacht, überhaupt erstmal die Mutter zu beglückwünschen und sie zu fragen, wie es war. Schließlich ist das eine Meisterleistung, die der weibliche Körper da absolviert. Und das gehört an die erste Stelle. Und jeder, der ehrlich ist, wird zugeben, dass die ganze Umstellung nach der Geburt einfach ein ganz schön langer und harter Weg sein kann. Aber es gehört zusammen, die Freude über das Kind und die Schmerzen. Nur sagt einem das vorher keiner und hinterher gehen viele Menschen eben einfach wieder zu ihrer Tagesordnung über. Weil’s einfacher ist und nicht soviel Zeit kostet. Dennoch: wirklich gute Freunde teilen auch das mit einem und davon hat man vileleicht nicht so viele, wie man in einer Situation, die auch traumatisch sein kann, sich wünschen würde. Ich war schon immer verblüfft, was für ein Kommen und Gehen in manchen Zimmern kurz nach der Geburt herrscht. Mutter und Kind kommen überhaupt nicht zueinander. Da ist doch kein Platz für Geburtsberichte…

  3. Ich habe mit 2 sehr engen Freundinnen über unsere Geburten gesprochen. Vor allem mit der einen Freundin habe ich meine Kinder auch jeweils quasi gleichzeitig bekommen, vermutlich hat unser beider Redebedürfnis also eine Rolle gespielt.

    Rücksicht auf den fragilen Zustand nach der Geburt habe ich zwar im Freundeskreis erfahren, im Allgemeinen habe ich aber das Gefühl, dass die Menschen denken, wenn eine nicht mehr schwanger sei, bräuchte sie auch im Bus keinen Sitz angeboten (wenn mit offensichtich sehr jungem Baby unterwegs).

    Zum Thema Kaiserschnittgeburt: ich vermeide eher selbst, darüber zu reden aus Angst vor negativen Meinungen. Beide Kinder mussten aus medizinischen Gründen per KS geboren werden, was ich beim zweiten besser verarbeiten konnte als beim ersten (Not-KS unter Vollnarkose). Ich fühle mich verpflichtet, immer zu erwähnen, dass die Geburt ohne Gefahr für unser Leben in beiden Fällen nicht anders möglich gewesen wäre, wegen eines empfundenen Stigmas der „nicht natürlichen“ oder gar „faulen“ Geburt. Im Freundeskreis habe ich eher Zuspruch erhalten und Verständnis für mein Aufarbeitungsbedürfnis vor allem nach der ersten Geburt. Meiner Erfahrung nach sind andere manchmal sogar erleichtert, wenn ich von meiner komplizierten Gefühls- und Körperwelt zum Thema Geburt tatsächlich spreche und freuen sich, auch über unangenehmere Details zu reden. Oder darüber, dass sie auch mit vielem nicht glücklich sind, was bei ihren Geburten passiert ist und/oder wie sie sich danach körperlich und seelisch gefühlt haben.

    • das Bus-Beispiel trifft es, ja. Ich hab auch die Erfahrung gemacht, dass selber reden durchaus offen angenommen wird. aber manchmal ginge es einfach auch um das pragmatische Anerkennung von besonderen Umständen – wie eben das Bedürfnis nach einem Sitzplatz

  4. Danke für diesen Beitrag.
    Über Geburten sprechen- das erlebe ich tatsächlich nicht als Tabu. Ich spreche und ich höre. Sicherlich mehr im Bekannten- und Freundeskreis als mit ferneren Menschen aber auch denen erzähle ich, wenn auch weniger detailliert dann, von meinen Geburten wenn danach gefragt wird. Und das passiert tatsächlich.
    Ich habe beide Geburten als schönes Erlebnis empfunden. Sie haben mich gestärkt. Sicher erleichtert mir dieser Zustand das darüber sprechen.

    Aber! Und nachdem ich das hier gelesen habe, hat mich dieser Zustand und auch mein eigener Umgang damit verärgert.
    Das reden über Verletzungen. Mit engen Menschen findet auch das statt. Bei Bekannten habe ich selbst dann, damit sich ja keiner peinlich berührt fühlt irgendwie vorgewarnt bevor ich aussprach dass ich einen Labienriss hatte. Als wäre es etwas ekliges das ich keinem Menschen zumuten könnte.
    Und Nachfragen nach der Genesung gab es tatsächlich nie.
    Dabei ist es doch durchaus sehr deutsch über Leiden und Krankheit zu sprechen…also jeder verstauchte Knöchel findet doch mehr Beachtung.

    Also nochmal- Danke. Danke für den Gedankenanstoß und die Möglichkeit dass ich nun meinen eigenen Umgang damit nochmal überdenken und radikal ändern kann.

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