Erlesene Mutterschaft XVII

„Xane drehte das Gesicht halb in das Kopfpolster, als sie Sally sah. Sallys Körper wollte rückwärts aus dem Zimmer, sie kämpfte wie ein Flugzeug gegen die Erdanziehung, noch drei Schritte, brumm, und sie saß neben dem Bett. Sie legte Xane die Bonbonniere auf die Bettdecke und bemerkte zu spät den Drainageschlauch, der darunter hervorhing. Sie riss die Schachtel in die Höhe. Entschuldige, tut das weh, fragte sie.

Nein, sagte Xane heiser, man kommt inzwischen ohne Bauchschnitt aus, und wieder zerfiel ihr das Gesicht und wurde rot und flüssig.

Xane, begann Sally, das ist keine Tragödie, du bist jung und …

Sag du mir nicht, was eine Tragödie ist, fauchte Xane unter Tränen, du hast ein Kind, das du gar nicht wolltest, warum bist du gekommen, ich wollte niemanden sehen.

Sally schwieg und sah auf die Bonbonniere.

Magst du eine, flüsterte Xane, und sie nickte.

Sally öffnete die Schachtel, und so aßen sie die Pralinen, eine nach der anderen.

Ich hab gar nicht gedacht, dass du eigene Kinder willst, sagte Sally.

Xanes Augen liefen wieder über, und sie rieb sich die Fäuste hinein. Sie wollte nicht weinen und weinte umso mehr, je wütender sie es zu bekämpfen suchte.“

 

Eva Menasse – Quasikristalle

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