Reden wir über Reproduktion

Nach der ORF-Diskussionsrunde Im Zentrum zum Thema Social (Egg) Freezing* bin ich erstaunt darüber, mit welcher Ignoranz, ja, Präpotenz Menschen anderen Vorschreibungen machen (wollen) – aber auch darüber, welch abstruse Weltbilder einer da begegnen.

Das von Alice Pitzinger-Ryba, Geschäftsführerin von „Family Business“, ist ein solches: „Mann trifft Frau, Frau trifft Mann, sie verlieben sich – und sie machen aus Liebe Babys und die kommen auf die Welt, wie es die Natur vorgesehen hat“, sagt sie in die Fernsehkamera. So hat das die Natur also vorgesehen? Ah, ja. Pitzinger-Ryba hat selber fünf Kinder und versichert der Welt, sie kenne sich auch aus mit Work-Life-Balance: „Ein Kind geht immer rein, zu jedem Zeitpunkt.“ Außerdem stellt sie die wirklich gewichtige Frage nach: What about teh menz? Die dürften ja dann – gesetzt den Fall, dass in Österreich „Social Freezing“ auch ohne medizinische Indikation erlaubt würde – plötzlich keine Kinder mehr aus Liebe zeugen! (man merke: eine neue Option für Frauen = ein Verbot für alle Männer) Aber gut, Alice Pitzinger-Ryba findet auch, die Pille hat die Befreiung des Mannes gebracht und dass jegliches Dilemma mit der Trennung von Sexualität und Fortpflanzung begonnen hat.

Die Journalistin Angelika Hager hingegen findet alles „gespenstisch“ und es sehr, sehr deprimierend, dass „wir“ heutzutage noch immer über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere diskutieren müssen. Ich finde es deprimierend, weil sie eigentlich wissen sollte, dass die antifeministischen Pamphlete, die sie in letzter Zeit im Magazin „profil“ veröffentlicht hat, ein entsprechendes Klima mittragen (Denn wieso schreibt sie ein Buch über das Versagen vom Feminismus und nicht vom Versagen der Gesellschaftspolitik, wenn sie sieht, dass Frauen/Eltern in Sachen Vereinbarkeit massiv mehr Unterstützung benötigen?). Und natürlich darf das Alte-Eltern-Niedermachen nicht zu kurz kommen: „Diese armen Kinder!“ Hager ist auch unheimlich, dass manche Frauen ihr Leben offenbar am Reißbrett planen wollen. Wo kommen wir denn da hin?

Abseits ideologischer Anrufungen

Teresa Bücker (Edition F) versucht bewunderswert ruhig eine breitere Dimension und mehr Differenziertheit in die Diskussion zu bringen, indem sie auf die gesundheitsvorsorgerische Situation in den USA hinweist (die Konzerne Apple und Facebook haben mit der Bekanntgabe, „Social Freezing“ für Mitarbeiterinnen kostenlos zur Verfügung zu stellen, die Debatte ja losgetreten) oder auf eine Umfrage, die zeigt: Die Frauen, die Eizellen einfrieren ließen, trafen diese Entscheidung weniger aus Karrieregründen, sondern weil schlichtweg das zweite Elternteil „fehlte“. Außerdem spricht Bücker klare Worte, wenn sie sagt, dass Frauen in der Diskussion beständig vorgehalten werde, sie wüssten nicht, was sie da tun.

Auch Leonhard Loimer, Gynäkologe einer Kinderwunschklinik, verzichtet auf ideologische Anrufungen und verweist darauf, dass eben nicht alle Paare mirnichtsdirnichts Kinder bekommen können. Er verurteilt Pitzinger-Rybas Hass-Plädoyer („fehlende Identität!“, „fehlende Liebe!“) gegen künstliche Befruchtung als „zynisch“ und eine „Katastrophe“. Immerhin unterziehe sich niemand freiwillig einer künstlichen Befruchtung.

Angenehm emotionslos auch die Vorsitzende der Bioethikkommission Christiane Druml. Sie finde keine gewichtigen Gründe, medizinische Möglichkeiten nicht für alle Frauen zugänglich zu machen. Gerade eben weil Frauen in unserer heutigen Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen immer später Mütter würden. Sympathisch auch ihre Spitze gegen Pitzinger-Ryba („Meine Kinder sind die Krönung unserer Liebe“), Liebe sei vermutlich oft auch Grundlage von Beziehungen, welche diese nicht immer vor sich hertragen.

Reproduktionsregulierung vs Reproduktionsrechte

Was die Diskussion (auch jene im Fernsehen) einmal mehr deutlich gezeigt hat: Nicht wenigen, die ihre Meinung zu dem Thema absondern, geht es tatsächlich um Reproduktionsrechte, sondern um Reproduktionsregulierung. Es geht nicht um Frauen und ihre Wünsche, sondern um gesellschaftliche Normen, die zementiert werden sollen.

Wahlfreiheit und sexuelle Selbstbestimmung spielen in diesen Argumentationen keine Rolle. Lebensrealitäten auch nicht. Und dass selbst bei einer Möglichkeit wie „Social Egg Freezing“, die wohl kaum zu einem Massenphänomen werden wird. Die reproduktive Autonomie der Frau bleibt weiterhin suspekt – und der Blick auf sehr grundsätzliche Fragen wie zum Beispiel Ethik und Pränataldiagnostik (ein empfehlenswerter Text dazu: Diagnose Mensch) weiterhin verstellt.

Gabriela Gasparini

(c) Gabriela Gasparini via artisticthings.com/gabriela-gasparini-body-stamp

* Mediale Analysen und Kommentare rund um die Möglichkeit, Eizellen einfrieren zu lassen [Social (Egg) Freezing], haben den Stabreim „Kind und Karriere“ natürlich gern und oft bemüht. Als ob nur Frauen mit Karrieren Vereinbarkeitsprobleme hätten! Aber wie @feministmum schon auf Twitter meinte: „ich denke der diskurs wird so geführt, weil die sogenannte vereinbarkeitsdebatte nur frauen mit ‚karriere‘ überhaupt zugestanden wird.“

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