Codes am Spielplatz

Pinke Kinderkleidung ist so eine Sache – ihre Abwertung auch (siehe Pink stinkt nicht, ihr Lauchs! und Das Pinkprivileg). Pinkstinks (TM) und je billiger desto rosa – daraus resultieren gleich zwei Problematiken: Ich sehe am Spielplatz im gentrifizierten Stadtteil, wie Eltern anerkennend bemerken, wenn ein Bub rosa Kleidung oder violette Schuhe trägt. Das wird ebenso wohlwollend hervorgestrichen wie besprochen wie die waghalsigen Kletterkünste des Mädchens. Ich sehe aber auch die abschätzigen Blicke, wenn ein Mädchen mit rosa Flausch eingehüllt ist. Cool, weil gendersensibel-offen-tolerant, ist ersteres – ein Etikett, mit dem sich gehobene Mittelstandseltern gerne schmücken. Das andere? Es werden maximal Augenbrauen gehoben: Abeiter_innenklassenkind eben. Die eigene Engstirnigkeit, die klassistische und anti-feministische Haltung, die dadurch zum Ausdruck gebracht wird, verhallt unreflektiert. Sagenhaft eigentlich, was von einer vermeintlich kritischen Position übrigbleibt. Leidtragende sind Mädchen, die gerne rosa tragen, und Mädchen, die vielleicht nicht so gerne rosa tragen, aber deren Eltern beim Kleidungseinkauf nicht die große Auswahl haben (sprich: es gibt eben nur „rosa“ oder „Cars“).

Herbert List | Galerie Stephen Hoffman

Die klassistische Trennlinie am Spielplatz verläuft aber nicht nur entlang Kleidungscodes, sondern spiegelt sich auch bei den mitgebrachten Snacks. Die einen verteilen Reiswaffeln und Dinkel-Cracker, die anderen Bananen und Käsebrote und wieder andere Erdnussflips und Lutscher. Das könnte eigentlich herrlich nebeneinander existieren, wenn die Reiswaffel-Fraktion nicht dermaßen hyperventilieren würden, wenn ihr Kind auch nur in die Nähe eines Chips kommt.

Ich bin ebenso wenig ein Fan von pickig-süßen und salzigen Snacks (eigentlich bin ich generell kein Fan von Snacks am Spielplatz), aber – Allergien und Babys außen vor lassend – Kleinkinder überleben einen (! und um mehr geht’s meist ja nicht) Mund voll davon. Gegen klare Neins ist auch nichts zu sagen, wenn diese aber einhergehen mit klirrenden „Nicht!“-Schreien und Schnappatmen und Hechtsprüngen über die Sandkiste hinweg, bleiben am Ende im besten Fall irritierte, im schlimmsten Fall sich herabgesetzt fühlende Eltern und Kinder übrig.

Chris-JL

(c) Chris JL on Flickr

Nabelschau: Ich hatte früher im Geiste kein gutes Wort für Eltern übrig, die gesunde und optisch ansprechende Häppchen in kleinen entzückenden Dosen feil boten. Ich fand es übertrieben, anderen ein schlechtes Gewissen machen wollend und las darin fast ein anti-feministisches Manifest, gegen das ich mich zur Wehr setzen wollte („Ich bin eine gute Mutter, auch wenn ich Brei aus dem Glas und Brot beim Billa kaufe!“). Aber es waren Texte wie dieser, die mir die Augen öffneten, dass ich nur meine eigenen Vorurteile anderen in die Schuhe geschoben hatte. Sternbrot ist nicht gleich Sternbrot – und selbst wenn: I do not care! Und sonst: Ich erinnere mich noch sehr gut an das Gefühl, das ein Kommentar eine Freundin in Teenager-Jahren bei mir ausgelöst hatte: „Was, deine Mama kauft bei Hofer [Aldi] ein? Also, meine Mama kauft nur Marken und Qualität.“

16 thoughts on “Codes am Spielplatz

  1. Dazu habe ich mir einen Satz von Pinkstinks von innen an die Brille tätowieren lassen: „Es geht nicht darum, nicht Prinzessin sein zu dürfen. Es geht darum, dass nicht alle Prinzessin sein müssen.“
    Aber ich selber habe über 20 Jahre benötigt – in denen ich grundsätzlich alles „typisch Weibliche“ ablehnte – um wirklich zu verstehen, um was es geht.

  2. Danke für diesen Post, es stimmt – es schadet gar nichts, sich gelegentlich selbst daran zu erinnern. Meine Tochter ist noch nicht ganz im Spielplatzalter, aber das beschriebene Phänomen findet ja auch schon in der Krabbelgruppe oder beim Stilltreff statt. Und ich muss leider zugeben, auch ich dachte neulich beim Anblick einer stets in rosa gehüllten Spielkameradin meiner Tochter: „Wie sind die denn eigentlich drauf?!“ (die Eltern des Mädchens). Sehr engstirnig, das.

  3. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Kleiderkommunismus und klassistische Kinderspielplätze – die Blogschau

    • danke für deinen Hinweis. Die Diskussion dahinter war auch Anlass für meine Verlinkung auf den Post von Heng bei der Mädchenmannschaft („Pink stinkt nicht, ihr Lauchs“). Zum einen wird darin auf den unglücklich gewählten Namen hingewiesen und zum anderen heißt es dort: „Der Vorschlag, Eltern könnten mit ihren Kindern über das Thema sprechen, kann nur an privilegierte Familien gerichtet sein. Faktoren wie Sprache, digitale Kompetenzen, thematisches Vorwissen und Zeit stellen für einige Eltern(teile) Barrieren dar, sich mit Pinkstinks auseinanderzusetzen.“

  4. In Verteidigung der Prinzessinnen | aufZehenspitzen

  5. Kein Rosa ist auch keine Lösung. Oder: Wie Kinder ihre Geschlechtsidentität entwickeln. - Liebenslust

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