Erlesene Mutterschaft XVI

„Er fehlte ihr sehr viel mehr, als sie erwartet hatte, doch ehe sie begriff, wie lange sie brauchen würde, über ihn hinwegzukommen, wie viele Wochen, Monate oder Jahre, ergab sich schon ein neues Problem. Ihre Tage blieben aus. Als sie Alice davon erzählte, schleppte ihre Freundin sie sofort zur nächsten Apotheke, wo sie einen Schwangerschaftstest kauften. Das Ergebnis war positiv, oder anders gesagt: negativ, verhängnisvoll und unwiderruflich negativ. Sie dachte, sie hätten sich sehr umsichtig verhalten, sich so in Acht genommen, um genau das zu verhindern, aber irgendwann musste ihnen ein Ausrutscher unterlaufen sein, und wie sollte es jetzt weitergehen? Wer der Vater war, konnte sie keinem erzählen. Nicht einmal Alice, die ihr deswegen immer wieder zusetzte, und erst recht nicht dem Vater selbst, diesem Jungen von 16 Jahren; wozu ihn mit dieser Neuigkeit quälen, wenn die Verantwortung für diese ganze schmutzige Angelegenheit doch bei ihr lag? Sie konnte nicht mit Alice reden, sie konnte nicht mit Ben reden, und sie konnte nicht mit ihren Eltern reden – weder darüber, wer der Vater war, noch darüber, wer sie selbst war. Eine Schwangere, ein dummes Collegemädchen mit einem Baby im Bauch. Ihre Eltern durften nie erfahren, was passiert war. Schon beim Gedanken daran, wie sie ihnen das erzählen könnte, wäre sie am liebsten tot umgefallen.

Wäre sie mutiger gewesen, hätte sie das Kind bekommen. Die Umwälzungen, die eine Schwangerschaft mit sich gebracht hätte, schreckten sie nicht, sie hätte das durchgezogen und das Kind zur Welt gebracht, aber sie fürchtete sich vor den Fragen, die man ihr stellen würde, schämte sich, ihrer Familie gegenüberzutreten, war zu schwach, ihren Willen geltend zu machen und die Schule zu verlassen, um sich den Reihen der ledigen Mütter anzuschließen. Alice fuhr sie in die Klinik. Man versprach ihr einen raschen, unkomplizierten Eingriff, und in medizinischer Hinsicht lief auch alles glatt, aber sie fand die Prozedur grausam und demütigend und verabscheute sich dafür, dass sie gegen ihre innersten Wünsche, ihre tiefsten Überzeugungen gehandelt hatte. Vier Tage danach schluckte sie zwanzig Schlaftabletten und trank eine halbe Flasche Wodka dazu.“

Paul Auster – Sunset Park

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