Liebes Profil, liebe Angelika Hager!

Manchmal, in eigenwiligen Momenten, bin ich versucht zu glauben, wir Feminist*innen halten Muttermythen um Rabenmütter aufrecht, indem wir sie durch die Kritik daran reproduzieren. Danke, liebes Profil, dass du mich daran erinnert hast, wie absurd dieser Gedanke ist.

profil„Nicht alle Mütter haben das Talent für bedingungslose Liebe. Manche verwechseln ihre Kinder mit einem Kampfauftrag. Sie geben ihnen ein gewaltiges Konfliktpotenzial – Aggressionen, psychische Defekte, Bindungsstörungen – mit auf den Weg. Experten erklären, welche Muttertypen es gibt und welche Langzeitschäden sie anrichten können“, schreibt Angelika Hager.

Was für eine Einleitung. So provokativ, so polarisierend! Ich sehe das Entzücken der Herausgeberschaft bildlich vor mir. Damit auch niemand auf die Idee kommt, es könnte sich hierbei um ein misogynes Glanzstück handeln, wirft Hager vorbildlich den Satz ein: „‚Bei 80 Prozent meiner Klienten ist die Ursache in den frühen Bindungen zu ihren Eltern zu finden‘, so der Kinder- und Jugendpsychiater Alexander Artner. Dass dabei die Mütter den Löwenanteil an Verantwortung tragen, ist keine antifeministisches Polemik, sondern statistisch nachvollziehbar.“

Hm … wie soll ich nun erklären, dass die durch Titelbild und Titelzeile vorgegebene Stoßrichtung allein schon ausreichend sind, um die aktuelle Titelgeschichte zur „antifeministischen Polemik“ zu machen? Irgendwo unter ferner liefen Élisabeth Badinter zu befragen ist halt ein bisschen wenig. Oder wieder einmal Siegmund Freud und seine teils überholten oder zumindest radikal veränderten Theorieteile zu bemühen – wo doch dieselbe Autorin den Psychoanalytiker im selben Magazin vor ein paar Jahren für tot erklärt hat. Oder die Macchiato-Mütter aufs Tableau zu bringen, die „mit verklärtem Blick den Nachwuchs in einem todschicken Bugaboo-Flitzer spazierenführen“ und ihren „Mutter-Chauvinismus“ ausleben. Das ist wirklich ekelhaftes Mütter-Bashing at its best [eine schöne Replik dazu: hier (Meine Frau. Das Arschloch)].

„Wir haben eine nicht sehr positive Muttertagsgeschichte geschrieben, weil wir uns einfach gedacht haben, was können denn Mütter auch mit uns anrichten“, sagt die Autorin Hager im Videoblog zu der Titelgeschichte. Ich darf also kurz zusammenfassen: Es gibt das steigende Phänomen der psychischen Störungen und daran sind, wie praktisch, die Mütter schuld. Der Grund ist rasch gefunden – in jüngster Zeit gibt es nämlich ein paar neue Formen von Müttern, die dem Profil Unbehagen bereiten: Da wäre die Helikopter-Mutter, deren Kind in einer Gummizelle an Zuwendung lebt, die Eislauf-Mutter, die ihr Kind generalstabsmäßig mit Freizeitaktivitäten verplant, die depressive Mutter, die das Kind im leeren emotionalen Raum lässt, die späte Mutter, die später als in der Evolutionsbiologie vorgesehen Mutter wird (ähm?), und die Über-Mutter, die den Boden für Größenwahnsinn bereitet.

So weit so schlicht. Es lebe die ignorante Kausallogik!

Am unglaublichsten finde ich allerdings die Erklärung, warum die Mütter und nicht etwa die Väter oder Eltern generell Schuld an allem sind: „Nur vier bis sieben Prozent aller Väter nehmen eine Kurzzeitkarenz überhaupt in Anspruch. Schätzungsweise 150.000 Mütter in Österreich ziehen ihre Kinder im Alleingang auf. Dem gegenüber stehen 19.000 statistisch erfasste Solo-Väter.“ Ach so! Da gäbe es möglicherweise noch weitere mit-verantwortliche Personen für Kindererziehung. Die nehmen diese Aufgabe aber nicht wahr. Egal, Schuld an allem sind die, die die Aufgabe wahrnehmen müssen. Außerdem: Rahmenbedingungen? Who cares? Wie einfach Gesellschaftspolitik und Gesellschaftskritik doch sein können!

Aber, liebe Autorin, lassen Sie mich Ihnen mit einem kleinen Beispiel helfen: Sie haben einen Tag Zeit, die nächste Titelgeschichte für das Profil zu schreiben. Leider sind alle Handys kaputt, Sie wurden vom Büro ausgesperrt, wo es zumindest noch Festnetztelefone gibt, Sie haben Ihr Geld und damit die Möglichkeit von Telefonzellen verloren (von denen es übrigens viel zu wenige gibt) und auch in Internetcafés dürfen Sie deswegen nicht. Die einzige Recherchemöglichkeit die bleibt: Sie müssen zu jeder zu befragenden Person persönlich fahren. Mit etwas Glück werden Sie nicht ohne gültigen Fahrausweis gefasst und treffen einzelne Informant_innen an, um zumindest ein paar Inhalte und Zitate für die Geschichte zu bekommen. Die Zeit läuft Ihnen davon, denn Sie müssen den Beitrag noch mühsam auf Ihrer alten Schreibmaschine tippen und ihn dann persönlich ihm Briefkasten der Redaktion abliefern.

Nach Profil-Logik müsste ich nun Ihre Leser_innen fragen: Wie schlecht ist diese Journalistin? Aber keine Angst, ich bin Kontext-besessen. Es stellt sich mir also die Frage: Wie schlecht ist Ihr Chefredakteur? Wie schlecht ist Ihr Herausgeber?

6 thoughts on “Liebes Profil, liebe Angelika Hager!

  1. Die haben recht. Beweis gefällig?
    Ich kam in die 5. Klasse zu einem Klassenlehrer, den ich sofort unsympathisch fand. Typ alter autoritärer Sack, der einen gern rumkommandiert. Das spitzte sich dann schnell zu und ich machte keine Hausaufgaben mehr in diesem Fach, weil ich keinen Bock hatte. Da gab es viel Geschimpfe vor der ganzen Klasse. Ich wurde dann wütend und nannte seinen Unterricht ‚eh für die Katz‘ und ‚Zeitverschwendung‘. Also lies er meine Mutter antraben. Die kam nach 5 Minuten aus der Besprechung bei ihm und sagte (so dass er es noch hören konnte): ‚Das ist ja ein Arsch. Zu dem geh ich nicht noch mal zum Gespräch. Ganz egal was er von dir will.‘
    Ganz eindeutig: Meine Mutter ist schuld! Die hat ALLES falsch gemacht!

  2. Sehr guter Beitrag. Mütter reißen sich jeden Tag für die Familie den A.. auf, fühlen sich ständig irgendwie schuldig und haben ein schlechtes Gewissen und nun wissen wirs, sie sind auch schuld!

  3. Toll, das heißt, wenn ich mich jetzt auch einfach nicht mehr um meine Kinder kümmere, dann kann ich auch nicht Schuld sein, wenn sie später einen Knacks weg haben? Also hat mein Vater doch alles richtig gemacht, als er sich nach der Trennung von meiner Mutter einfach so gut wie gar nicht mehr um die gemeinsamen Kinder gekümmert hat, damit können meine späteren psychischen Probleme ja auf keinen Fall an ihm liegen… Gut, dass mir das jetzt endlich mal jemand erklärt hat! (Ironie Ende)

  4. Black Fairy, böse Mütter & Riot Grrrl TV « Reality Rags

  5. Ja, wiedermal das leidige Thema, dass Mütter für alles verantwortlich sind und die abwesenden Väter nicht zur Verantwortung gezogen werden.
    Mich interessiert aber vielmehr die Frage: Wieviel Schuld haben Eltern wirklich an einer emotionalen Fehlentwicklung ihrer Kinder?

    Ich glaube Erziehung kann nie perfekt sein. Schon alleine hier einen Perfektionsanspruch zu erheben ist der größte Fehler. Und ja, ich glaube auch, dass uns Eltern immer einen „Schaden“ mitgeben. Manchmal ist er größer und manchmal kleiner. Das bedeutet aber nicht, dass sich daraus gleich eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (vormals Borderline) entwickeln muss. Und bitte nicht vergessen: Wir werden auch von unserem Umfeld geprägt. Da gibt es den Horrorschauplatz Schule, die Peergroup, Liebesbeziehungen usw.

    Letzendlich ist es aber Aufgabe jedes Menschen sich zu überlegen, was er/sie mit den mitgegebenen Verletzungen machen möchte. Eine Möglichkeit ist immer den Eltern die Schuld dafür zugeben. Ein anderer Weg kann die Entscheidung sein, darüber zu reflektieren, daran zu wachsen und im Sinne von Selbstliebe gut für sich zu sorgen.

    • Ich hätte es nicht besser sagen können. Ganz davon abgesehen, dass viele Menschen immer vergessen, dass jeder Mensch von Natur aus eine unterschiedlich disponierte psychische Stärke mitbringt. Was den einen umhaut, bringt beim anderen nur ein müdes Schulterzucken hervor.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s