Mother. Daughter. Individual.

Ein Kleinkind schreit durch den Wagon. Es ist jene Zeit, in der die Büromenschen bereits vor ihren Bildschirmen und an ihren Besprechungstischen sitzen. Kinderwägen, ältere Menschen, Radfahrer_innen, Studierende und Tourist_innen teilen sich das Abteil in einer stillen Übereinkunft. Wir sind eine Parallelgesellschaft, nicken sie sich zu. Kein Nine-to-five. 24/7. Keine Laptoptaschen. Nur ein Bruchteil starrt ins Smartphone. Die U-Bahn zischt und pfaust heute. Sie ruckelt und zuckt wie ein altes Arbeitstier. Das Kind schreit unbeirrt weiter. Übergangslos wechseln die beiden alten Frauen gegenüber vom Gespräch über das Klavierspielen zu den Erzählungen über ihre Enkel_innen, um schließlich bei den eigenen Kindern anzulangen. Ach, die Marie. Beim Umwickeln hat sie sich ständig nackig gemacht. Und geschlafen. Geschlafen hat sie schlecht. Und mein Robert: Immer eine halbe Stunde vorm Einschlagen geschrien, genau so. Ein Nicken in Richtung Kinderlärm. Nur noch lauter. So? Da waren meine ja Engel dagegen. Der U-Bahn-Musikant drängt sich zur Gesellschaft. Er schickt ein spanisches Liebeslied los. Beim Refrain zupft er ausdauernd, fast forsch. Das grüne Eimerchen, das am Wirbel baumelt, wackelt abenteuerlich hin und her. Keine Münze klingt darin. Die Anrufung in der fremd-vertrauten Sprache vermischt sich mit dem aufgeregten Besserwisserinnen-Schlagabtausch einer deutschen Touristinnengruppe. So eine U-Bahn-Fahrt ist für ein Kind einfach zu lang, darum weint es. I wo, es hat einfach Angst. Stell‘ dir doch diese Geräusche aus der Perspektive eines Kindes vor – da hättest du auch Angst. Die junge Frau neben ihnen lächelt und wiegt den Kopf zur Musik. Sie ist viel zu warm für einen Maitag gekleidet: dicke Jacke und gestricktes Stirnband. Aber sie trägt eine schöne grüne Hose und eine Stofftasche, auf der sich die Worte in der zusammengeknüllten Position zu einer Buchstabenchiffre anordnen. Ihre schwarzen Haare sind von weißen Fäden durchzogen. Wie alt ist sie wirklich? Sie lächelt so beharrlich, wie das Kind weint.

Daughter | Youth

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