Erlesene Mutterschaft XIV

„Sie hatte sich von ihren Freundinnen abgewandt. Sie wollte nicht, dass man sie als Mutter bezeichnete, ‚die ihre beiden Töchter allein aufzog‘, auch nicht als ‚unverheiratet‘ und noch weniger als eine, ‚die anfangen muss, sich ein neues Leben aufzubauen‘. Sie hatte nichts mit all diesen Verlorenen gemein, die sich dazu verstiegen, sie als eine der Ihren zu betrachten.

(…)

Die einzige Gesellschaft, die Claire jetzt ertrug, waren unverheiratete Freundinnen in ihrem Alter, die keine Kinder hatten. Das waren die einzigen Frauen, die ihrer Meinung nach unter ihr standen, mit denen sie sich also treffen konnte, ohne zu befürchten, dass der Vergleich zu ihren Ungunsten ausfiel. Aber sogar die machten sie am Ende nervös. Elise, seit zwei Jahren ihre beste Freundin, war vierzig. Sie hatte kein Kind, die Arme behauptete, das fehle ihr nicht. Claire hörte sich ihre Lügen an, mit der mütterlichen Geduld derjenigen, die weiß, dass die andere ihre Verzweiflung nicht eingestehen kann. Was sollte das sein, ein Frauenleben ohne Kinder, ohne diesen elemanteren Fixpunkt, um den sich das Leben organisiert, Claire dachte lieber nicht zu viel darüber nach und ertrug Elises Schmähreden wohlwollend, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Virginie Despentes – Apokalypse Baby

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