Berufstätige Väter … oder so

In der „Zeit“ (06/2014) erklären Marc Brost und Heinrich Wefing, +++BREAKING NEWS+++ dass das mit der Vereinbarkeit eine Lüge sei, denn Kinder und Karriere lassen sich nicht vereinen: Geht alles gar nicht. Ich möchte die Kind-und-Karriere-Begriffsunsinnigkeits-Diskussion einmal hintanstellen, immerhin geht es in dem Fall der beiden Journalisten tatsächlich um eine Karriere (im Sinne von Geld, Einfluss/Macht, Ruhm).

Jedenfalls jubeln den beiden nun viele Menschen von vielen Seiten zu.

So weit so gut? Die Sache mit der Vereinbarkeit – oder besser, der Nicht-Vereinbarkeit: Das haben vor den beiden Zeit-Journalisten bereits andere festgestellt. Andere Frauen. Aber wie sooft: Sorry, that’s no news. Das ist dann auch vermutlich der Grund, warum neuerdings immer öfter Männer zu Wort kommen, wenn es strukturelle Probleme im Leben als Elternteil aufzuzeigen gilt. Das ist einerseits tatsächlich super und schön – also, dass diese Probleme scheinbar nach und nach auch Männer (sprich: Väter) zu betreffen scheinen (im Sinne des Gleichberechtigungsgedankens; für sie persönlich ist das natürlich ebenso schlecht wie für Frauen). Andererseits ist es aber unschön, dass dadurch verdeckt wird, dass diese Problematik nach wie vor eine sehr „weibliche“ ist (siehe: jede Statistik zu Karenzzeiten, Alleinerziehenden, Minijobs).

Warum aber jubeln so viele Menschen ob dieser „erschütternden“ Ehrlichkeit? Ist es dasselbe Jubeln wie bei den in Karenz gehenden, wickelnden, Flascherl gebenden, am Spielplatz sitzenden Neuen Vätern? Was für „Mama“ selbstverständlich zum Repertoire gehören muss, ist bei „Papa“ eine Spitzenleistung?

Screenshot

(Screenshot: aZ – Google-Suche: „working father„)

Dabei schreiben Brost und Wefing so Sätze wie: „Wir wollen Frauen, die tolle Mütter sind, erfolgreich im Beruf und kulturell interessiert. Dass sie manchmal müde sind und abgespannt und keine Topmodelhaut haben, geschenkt. Wir verlangen ja nichts Unmögliches.“ Ähm, ja!?

Oder: „Und dann? (…); musste die Partnerin doch wieder einen Babysitter organisieren, weil man ausgerechnet an dem Abend, an dem sie überraschend in ein Meeting musste, noch ein wichtiges Hintergrundgespräch hatte (…).“ Ach, wer erbringt da im Hause Bost und Wefing die (mühsam-anstrengende!) Organisationsarbeit?

Irgendwann kommt auch dieser Text bei der Schuldfrage an. Diese wird elegant platziert und soziologisch untermauert. Es sind – fast überraschend nicht „die“ Feministinnen –, sondern Frauen generell schuld. Oder besser gesagt, ihr Gebäralter: „Es gibt auch handfeste soziologische Gründe dafür, dass wir derart unter Strom stehen. (…), weil immer mehr Frauen ihr erstes Kind um die dreißig oder später bekommen und deswegen die zehn, fünfzehn intensivsten (aufregendsten, schönsten) Jahre der Erziehung und der Fürsorge für die Kinder gerade bei hoch qualifizierten Frauen und Männern exakt mit den Jahren der ersten Karrieresprünge zusammenfallen. Bertram nennt das die ‚Rushhour der Biografien‘. Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.“

Was mich ebenso an dem Text stört, sind die vermeintlichen Zusammenhänge, die aufgezeigt werden: „Dass Frauen Karriere machen, ist gut. Gut für die Frauen, gut für die Gesellschaft. Dass Männer sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist auch gut. Gut für die Kinder, für die Männer und für die Gesellschaft. Und wenn sich immer mehr Männer um ihre Kinder kümmern wollen, erzeugt das Druck auf die Wirtschaft, flexibler zu werden. Auch das ist gut.“ Nein! Karrieren sind nicht immer gut und erstrebenswert – weder für Frauen, noch für Männer. Und – wenn schon in dieser Logik denkend – vielleicht ist es auch gut für Kinder, wenn Frauen Karriere machen? Außerdem: Über „Flexibilität“ in der Wirtschaft können viele viele Mütter (z.B.: Jein zu flexiblen Arbeitszeiten) übrigens ein Lied singen – aber warum auf dieses Wissen zurückgreifen, wo wir doch jetzt alle die einmalige Gelegenheit haben, dass uns weiße heterosexuelle Männer auf Verbesserungswürdigkeiten (White Heterosexual Male Privilege: A True and Not So Simple Story, part 1 of 3) hinweisen?

Das Narrativ von den glücklich machenden Kindern oder das von „Karrierefrauen“, die sich wegen der Unvereinbarkeit gegen Kinder entscheiden, kann den Text erst recht nicht retten.

Sehe ich Gespenster? Zumindest sehe ich Ausschnitte der Wirklichkeit, die dem „Zeit“-Gesellschaftsressort offenbar verborgen sind. In dem Artikel merken die beiden Journalisten natürlich an, dass sie aus einer privilegierten Situation heraus schreiben, dass sie eine Partnerin haben und keine „Überlebenssorgen“. Ihnen ist tatsächlich kein allzu großer Vorwurf zu machen. Es ist eben ihre Perspektive.

Was ich aber schlimm finde, ist der Umgang mit dieser Perspektive in den Medien. Ich kritisiere, den Raum, den diese Perspektive erhält. Oder vielmehr: den Raum, den andere Perspektiven, nicht bekommen.

Das führt nämlich dann zwangsweise zu der irrsinnigen Annahme, es gäbe so etwas wie Gleichberechtigung bereits und nun müsste dafür gesorgt werden, dass Männer und Frauen gleichermaßen gefördert werden … zuletzt gelesen hier („Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie den Beitrag von Vätern mehr anerkennt, die durch ihre berufliche Hochleistung das finanzielle Rückgrat vieler Familien bilden – und damit erheblich zur guten Entwicklung ihrer Kinder beitragen. Gesellschaftlich, steuerlich und rechtlich werden im Moment eher Ehefrauen, oder Geringverdiener gefördert.“) und zuletzt diskutiert vergangene Woche bei einem Uni-Workshop (Ein netter Kollege aus gutem, sprich: wohlhabendem, Haus mokierte sich über ein speziell für Frauen ausgeschriebenes Stipendium, er fühlt sich dadurch diskriminiert, weil er [sic!] von strukturell-gesellschaftlicher Diskriminierung von Frauen nichts mehr bemerken könne – er blieb, nona, uneinsichtig).

(c) Hans Ning

(Bild via www.hansning.com „Fatherhood“ (c) Hans Ning)

PS: Es geht auch konstruktiv: 10 tips for feminist fathers

7 thoughts on “Berufstätige Väter … oder so

  1. was mir auch auffällt – abgesehen von dem von allen berufstätigen müttern richtig beobachteten fakt, dass es nun news-worthy ist, weil es auf einmal MÄNNER sind, die feststellen, wie anstrengend das leben mit kind und arbeit ist: die frage, die den frauen gerne gestellt wird, wenn sie sich darüber äußern, wie anstrengend es ist, wird den männer AUCH WIEDER NICHT gestellt, nämlich: warum sich nicht nur für eines entscheiden? wenn frauen also beides wollen – kind und eine halbwegs sinnvolle tätigkeit außerhalb des hauses – und feststellen, dass es schwer ist, dann ist es berechtigt ihr zu sagen, sie müsse ja nicht beides etc. wenn jetzt aber die männer darüber sprechen, dann fragt niemand, warum sie überhaupt vater geworden sind… von der frage, warum sie eine arbeit wollen, mal ganz zu schweigen.

  2. Zu den Sätzen von Herrn Bertram: „Noch bei unseren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben, die Zeit der Doppelbelastung also kürzer. Bei uns bedeutet es: noch mehr Stress.” möchte ich gerne hinzufügen: Wieviele Mütter unserer Elterngeneration haben denn wirklich Karrieresprünge gemacht, wann auch immer? In meinem Umfeld waren die Mütter i.d.R. gar nicht berufstätig, als die Kinder klein waren, oder sie waren es aus der Notwendigkeit heraus, Geld zu verdienen. Mütter, die später wieder angefangen haben zu arbeiten, sind in ihrer Karriere dann nicht ansatzweise so weit gekommen wie ihre Männer, die ohne Elternzeit durchgearbeitet haben. Dieser Umgang mit dem Thema ärgert mich.
    Ja… Und die Sache mit der Perspektive. Erschreckend, dass auch gebildete Männer mit Bewusstsein oft nicht über den eigenen Tellerrand hinausblicken können.

  3. Was mich an dem Artikel besonders gestört hat, war, dass das Kernproblem die böse neue Arbeitswelt sei. Die Väter würden ja ach so gerne Quality-Time mit den Kleinen verbringen, aber das böse Smartphone piept ständig und E-Mails müssen auch beim Spielen gelesen werden. Als ob das der springende Punkt bei der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie wäre. Die Lösung dafür liegt nun wirklich in den Händen jedes Einzelnen: Keiner ist je gefeuert worden, weil er seine E-Mails mal ein paar Stunden nicht gelesen hat. Wer sich gegen die Ansprüche der mobilen Arbeitswelt nicht abgrenzen kann, geht darin unter – egal, ob Elternteil oder nicht. Mit Vater sein hat das aber gar nichts zu tun. Das klang für mich eher nach Hohn den realen Problemen von Vätern gegenüber, die länger als zwei Monate Elternzeit nehmen oder beruflich für die Familie kürzertreten möchten.
    Im Alltag ist nicht angekommen, dass Erziehungsleistung auch gerecht geteilt werden kann. In meiner Spielgruppe gibt es das Angebot eines Samstag-Treffens zum Austausch und Entspannung. Auf meine Nachfrage ergab sich, dass es keine Kinderbetreuung gibt, sondern es samstags für die Mütter stattfindet, „damit die Väter die Kinder betreuen können“. An der Lebenswirklichkeit von drei Paaren (von acht) ging das komplett vorbei, weil sie sich Arbeit und Erziehung teilen. Dürfen Väter auch entspannen?

  4. Es bleibt doch aber dabei: Arbeit nimmt Zeit und Geist in Anspruch, das Leben mit Kindern auch. Und: zu einer Zeit kann ein Körper nur an einem Ort sein. Jetzt bemerken auch Männer, dass das entspanntes, zufriedenes Familienleben und eine erfolgreiche Karriere gleichzeitig nicht stattfinden können. Dass es nun also ein paar mehr Leute bemerken, ist gut. Aber was soll daraus folgen? Welche Konsequenzen wünscht ihr euch aus der Erkenntnis?

  5. *Ironie an* Wo schon „Kind und Beruf“ oftmals nur schwer vereinbar sind, finde ich es schon eine ganz enorme Leistung, wenn es jemandem gelingt derart fundiert nachzuweisen, dass „Karriere und Kind“ (ebenfalls) in den meisten Fällen nicht funktioniert… Wer hätt’s gedacht? *Ironie off*

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s