Ich vermisse die Frauen

Courtney Love und Hole waren als Jugendliche meine Türöffner in die Welt der Musikerinnen. Es kamen L7, Melissa auf der Maur, Babes in Toyland. Mein Musikgeschmack hat sich verändert, meine Vorliebe für weibliche Bands und Musikerinnen nicht. In der Literatur war es ähnlich. Studiumsbedingt habe ich viele viele (viel zu viele) männliche Autoren gelesen. Irgendwann war dann das Seminar zu Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihrem Schattendasein, das sie bis auf einzelne Ausnahmen führten. Seither greife ich vornehmlich zu weiblichen Autorinnen. Das alles geschah wenig bewusst, es passierte mir einfach. Heute merke ich das Ungleichgewicht in den großen Buchhandlungen oder wenn ich das Radio einschalte. Männer, Männer, Männer – wohin das Ohr hört und das Auge schaut.

Moody vom Babykram-Blog gab sich im letzten Eintrag wieder einmal ihren schön nachdenklich stimmenden Gedankenspiralen hin und wälzte schwere Sinn-Fragen. Sie schreibt: „Ich denke an Camus. Das Leben ansich hat keinen Sinn, man muss es mit Sinn füllen… Ich denke an Adorno: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Ich denke an Brad Warner. Das einzige, was ist, ist das, was wir tun.“ Und ich denke: Vielleicht würden uns Frauen, uns Mütter, weibliche Philosophinnen, Autorinnen, Musikerinnen und Regisseurinnen besser weiterhelfen können beim Denken, beim Lebenverstehen und bei der Sinnsuche?

Aber wo sind diese Frauen? Hört es jemals auf, dass wir sie immer in Eigenleistung suchen und sichtbar machen müssen?

Erst kürzlich belegte eine neue Studie das, was ohnehin auf der Hand lag: Die Wissenschaft ist in diesem Ungleichgewicht natürlich keine Ausnahme. Frauen werden weniger zitiert als Männer. Da brauche ich nur meine eigene Literaturliste durchsehen – und das obwohl ich bereits gezielt versuche, Frauen zu rezipieren. Aber gerade in der Wissenschaft ist es schwieriger als in der Musik oder Literatur. Denn hier bin ich bis zu einem gewissen Grad natürlich auf die Auswahl in den Bibliotheken angewiesen – und natürlich auf das Vorhandensein von Übersetzungen.

Ebenso wenig Möglichkeiten als „Konsumentin“ habe ich in der bildenden Kunst, mehr Frauenwerke zu „erfahren“ – die Museen der Stadt bieten an, was sie anbieten. Ich kann hingehen oder nicht, aber mir keine Ausstellungen wünschen. So habe ich mich gestern über die Michel-Comte-Ausstellung im Kunsthaus geärgert, weil die Bilder zwar schön, doch die Rollen, die Frauen darin zugewiesen bekommen, bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Geraldine Chaplin und Charlotte Rampling) recht einseitig auf Verführung-Aussehen-Sex-Appeal reduziert sind, während die Männer nachdenklich, stark, melancholisch, verrückt und klug sein dürfen. Ob das eine Eigenheit von Comtes Werk oder eine kuratorische ist, weiß ich nicht. Es ist das Ergebnis, das zu sehen ist und weil das Kind mit war und ich die Bilder auch durch seine Augen sah, dachte ich darüber nach, wie es für eine Zweieinhalbjährige wohl ist, wenn fast alle Frauen auf den Bildern (halb)nackt sind und die Männer so viel mehr. (Überhaupt frage ich mich, welchen Zugang das Kind in dem Alter zu den Geschlechtern hat. Bis auf eine Ausnahme sagt es von sich, ein Mädchen zu sein – und bekommt es auch rundherum ständig gesagt ..)

Und dann das ewige Dilemma, dass Frauen sich in ihren feministischen Kämpfen viel zu oft auf die Wirtschaft beschränken und darob in der Mainstream-Wahrnehmung die vielen anderen Bereich unter den Tisch fallen. Wir wollen alle gleich ausgebeutet sein? Wirklich? Ich will nicht polemisch werden, aber darauf läuft diese Fokussierung auf einen Bereich hinaus, wie ich schon öfter geschrieben habe. Einen schönen Text in Verbindung mit Mutterschaft habe ich von Antonia Baum in der FAZ gefunden: Man muss wahnsinnig sein, heute ein Kind zu kriegen:

„Die Frau muss auch arbeiten, aufsteigen und funktionieren, ein bisschen weniger als der Mann vielleicht, aber dafür ist sie auch mehr für den Haushalt und die Kinder zuständig. Männer wie Frauen sind mit ihren Aufgaben überfordert und unzufrieden. Insofern haben beide ein Geschlechteranliegen, welches aber am Ende auf die Verfasstheit unserer Ordnung weist. Natürlich, Frauen müssen die feministische Arbeit auf sich nehmen, dafür zu kämpfen, dass es Männer genauso stört, wenn es dreckig ist, und sie etwas dagegen tun. Dagegen würde es Männern wahrscheinlich besser gehen, wenn sie sich weigerten, potente Funktionsmaschinen zu sein, die niemals scheitern, was ein Gedanke ist, von dem man glücklicherweise immer häufiger lesen kann. Aber lange nicht so oft wie über den Wirtschaftsfeminismus, der, in der Regel von Frauen aufgeschrieben, dafür eintritt, dass Frauen dringend kapitalistisch verwertet werden müssen. Die Folge davon ist der Imperativ der berufstätigen Mutter. Es ist aber sehr dumm, den Feminismus in den Dienst des Kapitalismus (tut mir jetzt leid, dieses große, schwer fassbare Wort) zu stellen, in welchem die Männer, seit es ihn gibt, stehen und davon Herzinfarkte bekommen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Melissa auf der Maur | Out of Our Mind

7 thoughts on “Ich vermisse die Frauen

  1. ja: man tut was man kann und man versucht, zu ertragen. es ist von der einen Seite her besehen beschissen – und doch: Es bleiben die Momente in denen man Fortschritte macht, weiter kommt und sieht, dass sich Dinge eben doch ändern. In den Köpfen und irgendwann auch in den Handlungen. Es verhallt nicht einfach nur. Zwei Schritte vor, einer zurück. Ein Kinderlachen, das Gefühl auch loslassen zu können (finanziell nicht gehetzt sein) und stille Verbündete, die nicht von der Seite weichen.
    Es ist manchmal schwer erträglich und doch liegt so viel Kraft darin, einen langen Atem zu haben.

  2. „Ich kann hingehen oder nicht, aber mir keine Ausstellungen wünschen.“

    Da liegt der Fehler, du kannst dir eine Ausstellung wünschen. Erstaunlicherweise hilft es ganz oft wenn man sich konkrete Sachen wünscht/nachfragt. Man muss den Wunsch nur an der richtigen Stelle aussprechen.
    Hier im Blog wo die Entscheidungsträger nicht mitlesen nützt es nicht viel.

    Ich habe 2013 einfach die Stadtverwaltung angeschrieben das es schön wäre wenn der Spielplatz neben dem Jugendclub mal gereinigt wird und mit Müllkörben versehen wird. Und daraufhin wurde die Probleme behoben (hat zwar 3 Monate gedauert aber ich bekam regelmäßig Feedback)

    In einer Ausstellung haben wir eine Archivführung bekommen als eine Freundin von mir ein spezielles Bild nachgefragt hat und diese im Archiv war.

    Als sehr viele Dinge bei uns auf Mittwoch Nachmittag fielen habe ich einfach angefragt ob wir unsere Teambesprechung nicht auf einen anderen Termin verlegen können. Ging problemlos.

    Ich hatte zu einer Familienfeier mal erwähnt das ich von meinem Opa nur ein Foto kenne. Daraufhin habe ich von vielen Verwandten wunderschöne Fotos meiner Grosseltern und Geschichten dazu bekommen.

    Was ich damit sagen will. Natürlich klappt es nicht immer das man einfach nur Wünschen oder Fragen muss aber ganz oft reicht es eben doch, sei es das der Linienbus an einer stillgelegten Haltestelle anhält damit man mit der Kindergruppe aussteigen kann oder das das Kaufhaus vor der Tür irgendein Produkt aus dem Sortiment genommen hat was man regelmäßig genutzt hat.
    Sehr sehr viel Personen oder Einrichtungen sind froh über konstruktives und freundliches Feedback und setzen es auch häufig um. (Manchmal dauert es ein Weilchen – manchmal wird es anfangs auch abgelehnt – aber meine Erfahrung der letzten Jahre ist das vieles dann doch umgesetzt wird)

  3. Ich suche auch oft die Frauen. Die Frauen verstehe ich besser, wenn sie etwas (be-)schreiben.
    Heute in der Stadtbücherei zwei Bücher zu einer Software ausgeliehen. Das von der Frau ist dann das, was ich lese.

  4. Ich habe mich kürzlich auch wieder sehr darüber geärgert, dass Bewerbungen von Frauen in der Berufungskommission kurzerhand auf die Seite gelegt werden. Aber keine Sorge, im Bereich Genderforschung sind dann wieder nur Frauen eingeladen. Grrr. Das ist genau der Grund, warum ich mich gegen eine Karriere an der Uni entschieden haben. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir da noch einen Bewusstseinswandel erleben werden. Vielleicht unsere Kinder (zumindest doch UNSERE Kinder, die in dem Bewusstsein aufwachsen).
    Was die Kunst angeht: Vielleicht macht es Sinn, nach Ausstellungen zu suchen. Das Modersohn-Museum zeigt eine schöne Schau zu Künstlerinnen und Akt (http://www.museen-boettcherstrasse.de/ausstellungen/sie.-selbst.-nackt.-/ ) vielleicht lässt sich soetwas auch in deiner Nähe finden.🙂
    Jedenfalls, danke für dein Nachdenken. Ich freue mich immer bei dir zu lesen.

  5. Kurze Anekdote: Habe letzte Woche ein Referat in einem Seminar gehalten über Reproduktion der Ware Arbeitskraft im Kapitalismus, ich bin die einzige Frau im Seminar und meine Mitstudenten wissen, dass ich mich mit Gender-Themen und Feminismus beschäftige und das erste, was dem einen auffiel bei meinen Literaturangaben war, dass ich (in meiner Auswahl) nur Autorinnen* aufgelistet habe und was ich ein wenig gepant hatte, da ich kurz zuvor deinen Text gelesen habe. Aber fand ich witzig, dass es meinem Kommilitonen direkt auffiel.😀
    Und das mit der Musik kenne ich auch nur zu gut.😉
    Danke für den Text!

  6. Anders lesen | the only thing constant in the world is change

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