Liebes Wirtschaftsförderungsinstitut*,

es freut mich total, dass du dir über meinen Wiedereinstieg Gedanken machst. Darum habe ich deine Broschüre, die ich kürzlich im Briefkasten gefunden habe, aufmerksam gelesen.

Auch wenn ich dein Engagement super finde, so habe ich doch ein paar Anmerkungen: Ich wundere mich, woher du meine Adresse hast und auch woher du weißt, dass ich Mutter geworden bin. Was du nicht weißt: Ich bin gut zwei Jahre nach der Geburt meiner Tochter schon lange nicht mehr in Karenz. Auch mein Freund übrigens nicht mehr. Er war zudem ziemlich enttäuscht darüber, dass dir sein Wiedereinstieg offenbar egal ist und du ihm keine so tolle Broschüre zugeschickt hast.

Das führt mich gleich zu meiner nächsten Anmerkung. Du schreibst: „Tatsache ist, dass viele Frauen nach dieser Zeit beruflich kürzer treten, aus Vollzeit wird Teilzeit und nebenbei werden Kind und Haushalt wie selbstverständlich gemeistert. Eine Dreifachbelastung, die nicht unbedingt immer befriedigend ist. Doch mit frühzeitiger Plannung kann die Karriere auch mit Kind zufriedenstellend fortgesetzt werden.“ Jetzt muss ich lachen. Denn ich hatte vor dem Kind überhaupt keine dieser so genannten „Karrieren“, von denen immer die Rede ist. Ich kenne übrigens wenige Frauen mit „Karriere“, die kleine Kinder haben. Vielleicht verwendest du beim nächsten Brief einfach Worte, die die Realitäten von vielen treffen? Die Formulierung bei der Dreifachbelastung fällt übrigens auch in diese Kategorie.

Und warum ist Kinderbetreuung eigentlich „Zeit für Mama“? Aber danke für den Tipp, dass die Arbeitswelt schnelllebiger geworden ist und dass ich mich schon rechtzeitig vor Ende der Karenz darauf einstellen soll. Mit diesen Hinweisen ist die Zukunft meines Kindes bestimmt gesichert und, wie du selber schreibst: Wenn ich „in weiterer Folge erfolgreich einen Beruf ausübe[n], wird auch [mein] Kind in einigen Jahren stolz auf [mich] sein können.“ Juhu!

Und noch eines, liebes Wirtschaftsförderungsinstitut,

ich habe ein Kind bekommen, aber ich kann nach wie vor zusammenhängend denken. Vielleicht kannst du das berücksichtigen, wenn du dich das nächste Mal vertrauensvoll an mich wendest. Wenn du mir gegenüber eine professionelle Sprache verwenden würdest, den selbstgerechten, altväterlichen Ton vergisst, mich nicht mehr mit „Mama“ anredest und aufhörst mir irgendetwas von „schlechtem Gewissen“ (wie nett, dass du mich darüber informierst, dass es anderen auch so geht. Das erleichtert mich ungemein) und der „schönsten Zeit meines Lebens“ zu erzählen und es unterlässt, mich freundlich daran zu erinnern, dass die Karenz-Situation „ganz besonders“ und mit „nichts vergleichbar“ ist, dann höre ich dir vielleicht beim nächsten Brief zu, wenn du mir von staatlichen Förderungen und Bildungsgutscheinen erzählst.

Foto(Bild: aufZehenspitzen)

* das Wirtschaftsförderungsinstitut, kurz Wifi, ist das Weiterbildungsinstitut der Wirtschaftskammer Österreich

2 thoughts on “Liebes Wirtschaftsförderungsinstitut*,

  1. Super Beitrag! BIn schon gespannt, wann und ob diese Broschüre auch den Weg zu mir findet (meine Tochter wird erst 1 Jahr alt, also bin ich wahrscheinlich noch nicht die angedachte Zielgruppe ;-)).

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