Gedankenspirale

Momatka (Lasst uns über Konsum reden) hat eine schöne Replik geschrieben auf die Dove-Unilever-Kampagne „Mehr Mut zum Ich“, die Unterstützung anbieten will, „[d]amit Mütter ein starkes Vorbild sein können und Mädchen ein starkes Selbstbewusstsein bekommen“. Es ist eine von vielen Initiativen, die weiblich gelesene Menschen zu etwas auffordert. Dass das Narrativ von Frauen und Mädchen, die ermutigt werden müssen, um zufrieden und glücklich ihren Weg gehen zu können, auch in der Werbung Eingang gefunden hat, ist eine weitere perfide Facette einer patriarchalen kapitalistischen Gesellschaft.

Ich kann die Anrufungen nicht mehr hören: Lean in! Mädchen in die Technik! Girl Power! Verteidige dich! Immer und immer wieder. Nicht, dass ich nicht für Ermutigung wäre. Im Gegenteil! Aber Ermutigungen, die sich nicht an eine einzelne Person, sondern an eine Personengruppe richten, erlauben den Rückschluss, dass die der Gruppe gemeinsame Markierung in Zusammenhang mit den Ursachen für die Ermutigungsnotwendigkeit steht – also, etwas weniger kompliziert ausgedrückt: Mädchen ist ihr Mädchen-Sein in ihrer Entwicklung hinderlich, Frauen ihr Frau-Sein.

Der Ausweg aus dem Dilemma kann nur ein feministischer sein. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Radikal. Die Korrekturen, die derzeit gemacht werden, sind kleine kosmetische Änderungen, die Missstände ein bisschen zurechtrücken und übermalen. Sehr punktuell, mit kaum weitreichender Wirkung. Warum ist das so? Lange konnte und wollte ich nicht wahrhaben, warum all die vielen Initiativen, die Proteste und die gesetzlichen Unterstützungsformen gegen Frauendiskriminierung nicht greifen wollen. Die Erklärung ist simpel: Feminismus hat keine breitflächige Unterstützung – nicht in den Medien, nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft. Es ist einfach niemand da, außer uns.

Diese Erkenntnis lässt mich resigniert zurück.

Denn nicht einmal die (radikale) Linke anerkennt feministische Forderungen als essentiell. Nicht über Lippenbekenntnisse hinaus (nachzulesen z. B. bei Vom feministischen Tweet zur Hasskampagne).

Sehr empfehlenswert zu der Problematik ist der Beitrag von Penny Red (mit Richard Seymour) A discourse on brocialism in Bezug auf jenen gefeierten Essay (Russel Brand on Revolution) des britischen Komikers und Schauspielers Russel Brand, in dem er sich gegen die Politik im eigenen Land wendet. Penny Red schreibt: „Brand is hardly the only leftist man to boast a track record of objectification and of playing cheap misogyny for laughs. He gets away with it, according to most sources, because he’s a charming scoundrel, but when he speaks in that disarming, self-depracating way about his history of slutshaming his former conquests on live radio, we are invited to love and forgive him for it because that’s just what a rockstar does.“ Und sie fragt: „[H]ow do we reconcile the fact that people need stirring up with the fact that the people doing the stirring so often fall down when it comes to treating women and girls like human beings?“ Und auch ihre Antwort lässt resigniert zurück: „It’s not a small question. Its goes way beyond Brand. Speaking personally, it has dogged years of my political work and thought. As a radical who is also female and feminist I don’t get to ignore this stuff until I’m confronted with it. It happens constantly. It’s everywhere. It’s Julian Assange and George Galloway. It’s years and years of rape apologism on the left, of somehow ending up in the kitchen organising the cleaning rota while the men write those all-important communiques.“

Schon vor Penny Red kritisierte Natasha Lennard (I don’t stand with Russel Brand an neither should you) Brands Bejubelung: „In our excitement for even a hint of revolutionary fervor ostensibly permeating mainstream debate, we’ve enabled misogyny and Great Man narratives to go unchecked.“ Lennard ruft dazu auf, sich bewusst zu werden, wer in einem gemeinsamen Kampf das „Wir“ ist*: „But the point of rethinking new political and social spaces together — as was felt profoundly by many of us engaged in Occupy’s headiest, fiercest days — was that we don’t need to align with, elevate, celebrate (nor indeed wholly reject or detest) any one person. Yes, we will continue to struggle against vanguardism and sexism and so many co-constitutive problems within ourselves and each other. We will fail and fail better and fail. We will struggle to know and reconstitute what ‚we‘ even really means. And I take Russell Brand at his word that he wants to fight too. This is no referendum on the comedian or his intentions. But this is no time to forgo feminism in the celebration of that which we truly don’t need — another god, or another master.“

M.I.A. | Come walk with me

* In diesem Zusammenhang möchte ich auf diesen Beitrag von AlsMenschverkleidet hinweisen, in dem sie sich über Elternschaft in linken Kreisen auseinandersetzt bzw. mit dem Auslassen der linken „neuen Väter“ als Unterstützer der Mütter.

6 thoughts on “Gedankenspirale

  1. Die Schweizerinnen* und die Geschichte von Unten | Welcome to Shoebox Castle!

  2. Ich kann so gut nachvollziehen und unterstützen was du schreibst.
    Starker Text mal wieder!
    Aber wie leben mit diesem Dilemma? Ich kann nicht raus aus Patriarchat und Kapitalismus. Ich muss tagtäglich damit umgehen, irgendwie darin leben, Kompromisse eingehen, leider. Das Dilemma ist für mich am unerträglichsten, wenn es um Erwerbsarbeit, gesellschaftliche und politische Teilhabe geht und auch wenn es darum geht, ein Kind in dieser Welt zu begleiten. Wer hat mir selbst wie beigebracht die patriarchalen, kapitalistischen Spielregeln zu akzeptieren, zumindest eine gute Weile meines Lebens lang? Auch jetzt noch viel zu viel und viel zu oft. Und welche Teile davon gebe ich meinem Kind weiter?
    Kann Frauen*/Mädchen*förderung irgendeine Berechtigung haben, oder setzt sie immer nur an den angeblichen Defiziten der als weiblich konstruierten Menschen an? Will sie immer nur zum „richtigen“ = „männlichen“ Lebenszugang (oft verbunden mit Leistungsorientiertheit, Konkurrenzorientiertheit) hinführen? Ich weiß es nicht.
    Aber ich weiß, dass ich irgendetwas tun muss, dass ich handeln muss um diese Welt zu einer feministischen zu machen. Dazu kann meiner Meinung nach durchaus gehören Frauen*/Mädchen* dabei zu unterstützen z.B. Technik (auf individuelle Art und Weise) zu entdecken oder zu lernen oder Frauen* dabei zu unterstützen einen Zugang zu diesem (ja, ich bin auch dafür, dass dieses Konzept überwunden wird) Arbeitsmarkt zu finden, weil Erwerbsarbeit (so schlecht ich das finde) stark mit gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist und ich das leider nicht so radikal ändern kann wie ich es gerne würde.
    Feminismus hat keine breitflächige Unterstützung. So weit so traurig. Welche Wege kann es aber geben, um auf die radikale Änderung der patriarchalen Welt einzuwirken ohne resigniert zurückzubleiben? Sind es die kleinen Schritte? Ist es z.B. das, den eigenen Kindern eine andere Welt zeigen? Ich weiß es nicht und an manchen Tagen bin ich davon überzeugt, dass ohne Revolution nichts passieren wird.
    Dass (radikal) linke Kreise (also v.a. die darin agierenden Männer) feministische Forderungen, wenn es ums „Eingemachte“, um das Aufgeben eigener Privilegien geht, nicht unterstützen tut besonders weh, weil es so schockierend ist, wenn die „guten“, scheinbar „gleich tickenden“ Männer* sich enttarnen. Im Kontext von Muttersein und Kinderbetreuung ist das fürchte ich besonders brisant. Aber auf den Text von alsmenschverkleidet hast du eh auch hingewiesen.

  3. Gewonnen, aufgelesen & verlinkt | cloudette

  4. Kinderlose deutsche Frauen, feministische Unterstützung & Bechdeltest in schwedischen Kinos « Reality Rags

  5. Sei solidarisch und halt die Klappe | Welcome to Shoebox Castle!

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