Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird.

Weil aufZehenspitzen als „Blog der Woche“ bei Nido vorgestellt wird, habe ich mir ein paar Gedanken über Mütter im Netz gemacht.

Mütter im Internet geben viel Diskussionsstoff – meistens, weil abfällig oder negativ über ihr Tun kommentiert wird. Zusammenfassend lauten Feuilleton-und Mainstream-Tenor und Alphablogger_innen-Sicht: Muttiblogs sind der Wäh-Pfui-Pink-Bereich im Netz. Triviale Problemchen werden dort zerredet und das eintönige Heimchen-am-Herd-Privatleben instagram-isiert. Außerdem: Mommy Wars hoch drei. Manche schaffen den Sprung zur mehr oder weniger anerkannten Fashion-Lifestyle-Bloggerin. Und alle so: Yeah! Immerhin.

Ich selber spähe mit gemischten Gefühlen aus der feministischen (Mütter)-Bloggerinnen-Ecke auf Mamabloggerinnen. Ich rate jeder ab, Rat auf Elternfragen in einem parents.at-Forum zu suchen und bin in meiner Spätschwangerschaft an den Blogs verzweifelt, in denen Mütter ihre Mühen und Nöte humorvoll verpackt – immer einen nachsichtigen Seitenhieb auf den in Babysachen überforderten und in Haushaltsangelegenheiten zaudernden Kindsvater parat – als Anekdoten preisgeben. Diese „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“-Mentalität machte mir Gänsehaut. Das tut sie nach wie vor. Denn sie sagt auch, „So ist das Leben“ und „Finde dich damit ab“.

Bildschirmfoto 2013-09-16 um 17.44.07

In einem Beitrag über mein Unbehagen mit Mamablogs als entsprechend etikettierte Masse (Die Mutter das private Wesen) habe ich vor längerem geschrieben: „(…) das Thema Mutterschaft ist doch nicht nur ein privates! Durch Mütterzeitschriften wie MOM (und daran angedockte, Homogenität schaffende Aktivitäten) wird regelrecht eine Blase um einen (!) Bereich der Mutterschaft gebildet. Einmal produziert, wird diese als Idee selbst produktiv. Denn sie hat insofern reale Folgen, als das es Wissen über eine gewisse Art Mutterschaft zu sehen generiert, organisiert und weiterverbreitet – sprich: am Leben hält. Aber solange die Blase dicht hält, müssen sich die, die draußen stehen, auch nicht damit herumschlagen …“

Muttiblogs als Genre und auch die Narration von Mompreneurs halte ich für problematisch, weil es Mutterschaft extrem reduziert – inhaltlich und personell. Die Frage, die sich gleich daran anschließend ebenso stellt, ist: Wer wird sichtbar und wer nicht?

Sociological Images konstatierte anlässlich einer veröffentlichten Liste der 100 Top Mom Blogs des einflussreichen Online-Elternmagazins Babble.com: „Moreover, while some of the selected blogs do offer narratives that deviate from traditional ideas about mothering and motherhood (for example, several blogs discuss mental health issues, the struggles of parenting, and forming blended families), they nonetheless reproduce a narrow image of who mothers are, what they look like, and what they do.“

Doch die Thematik stellt sich bei genauerem Hinsehen weitaus komplexer dar. Ich habe jüngst zum Beispiel eine Diskussion in Großbritannien über die größte Eltern-Website des Landes Mumsnet verfolgt. Auslöser war deren Feminismus-Umfrage. Diese zeigte u.a., dass viele Mitglieder seit der Nutzung der Site sich eher als Feministinnen beschreiben würden und auch mehr Selbstvertrauen darin haben, feministische Perspektiven zu äußern und etwa Sexismus aufzuzeigen.

The Guardian veröffentlichte dazu einen Kommentar mit dem Titel Why Mumsnet and social media are important new forums for feminism (), woraufhin die hämische Debatte auf breiterer Ebene losgetreten wurde. Die Kritik kam postwendend – und zwar auch von feministischer Seite: Mumsnet-Mitglieder seien privilegierte Mittelklasse-Frauen, die zu viel Zeit haben, unpolitisch sind, sich gegenseitig fertig machen und sich nur mit banalen Themen beschäftigen.

Gegen genau diese Hochnäsigkeit gegenüber einem „Mumsnet“-Feminismus und „Mittelklasse-Mütter“ schrieb Hannah Mudge auf New Statesman überzeugend an: „How much do you really know about the boards where women discuss their experiences of assault and rape, support members who are survivors, offer advice on workplace discrimination, and help each other thrash out some of their first, conflicted thoughts about body politics and equality in relationships? Do you really know much at all about all the consciousness-raising discussions? The ’shouting back‘ about everyday sexism? The support for women who’ve gone through miscarriages and stillbirths or are coping with having a terminally ill child? If you don’t, but your first reactions to discussion of a community of (mostly) mothers online are sneers and ‚God help feminisms‘, then it’s probably time, in the tradition of the internet, for me to direct you to Google, with the instruction that you’re perfectly capable of educating yourself about all this stuff. Mothers are a vital part of your movement and are providing important comment on so many important issues. If you don’t know this because they’re ’not on your radar‘, ask yourself why.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch glosswatch.com: „Moreover, as long as the challenges faced by mothers are portrayed in this way, all mothers will suffer. Mothers’ issues are dismissed as trivial, frivolous, self-centred witterings. Stay-at-home mothers in particular are seen to be cut off from “real life” concerns. The actual conditions of many mothers’ lives — poverty, depression, loneliness, discrimination, violence, stress, overwork — are overlooked. (…) In a society focused on paid work, motherhood creates isolation, and the media portrayal of the mother as privileged and inward-looking reinforces this. Mummy things –  mummy blogger, mummy porn, mummy tummy – are considered cutesy, trivial and more than a little annoying. People still don’t want to listen to mummies.“

Ich finde diese Perspektiven sehr wichtig und notwendig. Das Belächeln und Schlechtreden von Muttiblogs und Mütterforen im Internet entspricht dem Pink-und Prinzessinnen-Bashing. Letztlich trifft es Frauen und ihnen zugeordneten Themen – das hat bekanntlich System. Es verstellt den Blick auf jene Aspekte, die nicht banal, sondern höchst politisch sind.

Sicher, nicht jedes Cupcake-Rezept geht über ein Cupcake-Rezept hinaus und nicht jede Trotzerlebnis-Nacherzählung ist mehr als eine Trotzerlebnis-Nacherzählung. Aber das Gejammere um nicht vom Mann/Lebensgefährten/Freund miterledigte Hausarbeit, die Klagen um nicht erhaltene Kinderbetreuungsplätze, das Schimpfen auf ausbleibende Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner und der Austausch von schlechten Geburtserfahrungen – das alles ist ganz und gar nicht trivial.

Die Frage nach denen, die es nicht einmal in die Schublade „Muttiblog“ schaffen, gehört nichtsdestotrotz weiterhin gestellt. Und auch die nach denen, die nur in kleinen (marginalisierten) Communitys gehört werden. Ebenso wie die Frage nach denen, die durch heteronormative Kategorisierung extra unsichtbar gemacht werden.

17 thoughts on “Mütter im Internet. Oder: wenn Unsichtbares sichtbar wird.

  1. wie „der feminismus“ (mal so generell gesagt) sich so sehr von müttern abgrenzen will, ist mir total unklar, und auch warum. schließlich sind wir mütter doch diejenigen, die unsere nächste generation – töchter UND söhne – im geiste des neu-auflebenden feminismus und der sexism-awareness großziehen!
    abgesehen davon gibt es ja auch immer noch bloggerinnen, die die mutterschaft nicht zum einzigen thema machen, aber mutterschaft wird immer auf die eine oder andere weise ins bloggen einfließen. sei es in quantitativer form (weniger zeit) oder in sichtweisen, die sich durch mutterschaft ändern oder verstärken. völlig richtig also, die betrachtung, dass mütter nicht in einer separaten welt leben, sondern teil der gesamten sind, blogosphere und alles.

  2. Toller Post, vielen Dank! Hab ich grad mal via twitter empfohlen. Interessant (und für mich völlig neu) waren die Zitate aus dem englischen(?) Raum. Bisher bekomme ich eher die typisch deutsche Schelte über die strickenden, bei Dawanda einkaufenden Latte-Macchiato-trinkenden Mütter mit, und könnte mich jedes Mal über diese Art „Abtun“, diese offene Verachtung durch, leider, oft Frauen aufregen. Woher kommt bloß die Gewissheit und Rechtschaffenheit so vieler, genau zu wissen, welchen Weg eine Frau/ eine Mutter gehen muss, um sowohl sich selbst, als auch ihren Kindern, als auch gesellschaftspolitisch relevanten Themen gerecht zu werden? Ich habe drei Kinder, mittlerweile ist die Älteste acht, und ich kann leider nicht einmal für mich selbst behaupten, ich hätte einen gangbaren Weg gefunden. Wie können das dann andere?
    Wir können alle von einander lernen. Wir leben nicht mehr auf den Höfen mit drei Generationen unter einem Dach, wir sind ziemlich isoliert. Wieso sollte nicht jede das Internet bemühen, um sich zu vernetzen, sich auszutauschen, sich eine Hilfe zu sein? Und sei es bei der Weitergabe eines richtig guten Cupcake-Rezeptes;-)

    Darin sehe ich persönlich etwas sehr feministisches, denn letztlich bedeutet „Feministin“ zu sein doch, das „Frau-Sein“ selbst zu bestimmen. Zwar glaube ich, zu wissen, welche Blogs Du vielleicht meinen könntest, wenn Du von dem Unbehagen in der Spätschwangerschaft sprichst. Es wäre interessant, zu hören, ob das rein zufällig Blogs waren, die in der gleichen sicheren „Du musst das-und-das-machen“ Doktrin geschrieben sind, wie sie von der anderen Seite eben auch kommt. Ich würde fast denken, ja. Dennoch plädiere ich, wie Du es hier so wunderschön getan hast, ebenfalls für eine offene Denkweise, oder auch: Ein Solidarisieren statt eines Separierens. Vielleicht mache ich mir auch einen Button. „Ich lese gerne Muttiblogs!“ oder so. Aber die Bezeichnug gefällt mir nicht. Letztlich lese ich momentan viele tolle Artikel vieler kreativer, selbstbestimmter Frauen. Die zufällig Mutter sind.;-)

  3. Vielen Dank für diesen pointierten Beitrag. Ich denke, er umreißt sehr gut die Problematik von Müttern, insb. bloggenden Müttern, im Netz. Von außen werden die Blogs ausgegrenzt als zu trivial, um ernst genommen zu werden, von innen findet aber zugleich eine Eingrenzung auf sehr private Themen statt. Das Politische wird im Gros der Mamablogs ausgegrenzt, das stimmt. Die Blase aus Nähanleitungen, Kochrezepten, Stoffwindelversuchen, niedlichen Kinderbildern ist tatsächlich eine sehr enge.
    Ich selbst nehme mich davon nicht aus (Ich bin auch Autorin eines Muttiblogs, bin auch bei den Brigitte Mom-Blogs gelistet). Der Großteil meiner Themen ist wirklich sehr privat (aber ist das nicht auch der genuine Zweck eines Blogs??). Dennoch versuche ich auch immer wieder mehr oder weniger politische Themen zu behandeln:

    „Neue Väter“ http://mamacouchcoach.blogspot.de/2013/03/neue-vater.html
    (ich finde das pseudo-ironische Vater-Bashing wie du es oben beschreibst auch mehr als nervig !)

    „Der Post-Schwangerschafts-Körper als Top-Secret-Zone?“ http://mamacouchcoach.blogspot.de/2013/07/der-post-schwangerschaftskorper-als-top.html

    Damit will ich nur zeigen, dass Muttiblog nicht gleich Muttiblog ist, es hier wie überall im Leben Nuancen gibt.

    Viele Grüße
    deine neue Leserin
    Julia

  4. liebe julia! danke für deinen kommentar und den verweis auf deine texte! ich wollte übrigens keineswegs kritisieren, dass sich viele mamablogs um private themen drehen. ganz im gegenteil – ich finde ja, dass diese oft nur vermeintlich privat sind, denn dieses private ist ein eigenes politikfeld (das eben vielfach oder lange zeit unsichtbar gemacht wurde). daneben stehen die nette-bilder-rezepte-nähanleitungen-usw, die möglicherweise tatsächlich wenig politischen input geben, aber sie als trivial abzutun und zu belächeln ist auch ein falscher weg ist – besonders dann, wenn jemand „von außen“ kommt und diese blogs und mutterschaft in einen topf wirft, dann den deckel drauf gibt und fertig.

  5. Vielen Dank für den sehr interessanten Beitrag. Ich verfolge diese Debatte in den deutschen Medien schon eine Weile. Das Lächerlichmachen von Müttern per se und den ihnen gesellschaftlich zugeschriebenen Interessensfeldern hat sich in meiner Heimatstadt Berlin inzwischen derart etabliert, dass fast keine Woche vergeht, in denen ich mit kleinen Kindern unterwegs nicht irgendwelche spöttischen, herablassenden Bemerkungen vernehme. Ausgelöst würde diese nicht zuletzt auch durch das Buch der taz-Journalistin Anja Meier mit dem Titel „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“. Der Text triefte vor Klischees, wurde hitzig diskutiert, aber von vielen zum Anlass genommen, sich über die „Latte-Macchiato-Mütter“ dermassen auszulassen, dass ein besonders eifriger Mom-Basher irgendwann begann, Kinderwagen in Hausfluren anzuzünden, zum Glück ohne großen Schaden anzurichten.
    Mich interessieren weder Nähtips noch altbackene Erziehungstips, aber sie stören mich auch nicht. Ich lese halt das, was mich interessiert. Und da fällt mir auch bei den deutschen „Mom-Bloggerinnen“ ein zunehmendes Interesse an stark feministisch orientierten Thesen auf, an Themen wie Work-Life-Balance, Gleichberechtigung, Wiedereinstieg in das Berufsleben, Machismen im Alltags- und Berufsleben. Es findet zunehmend ein Austausch und eine Meinungsbildung darüber statt, die meines Erachtens den Rollenwandel sehr unterstützt. Ich habe mich für ein Projekt mehrere Jahre mit Eltern-Blogs auf der ganzen Welt beschäftigt und festgestellt, dass das Topthema, egal in welchem Land, stets die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. Die Frauen erzählen von ihrer Wut über Rollenmuster, denen sie schlecht entkommen, aber auch von den teils extrem schwierigen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel in Japan. Blogs, und natürlich auch Mom-Blogs, sind zu einem sehr wichtigen Kommunikationsmittel geworden. Das private ist eben oft auch politisch.

    • Danke für den Verweis auf das Meier-Buch. Ich erinnere mich jetzt, wie ich mich schon vor Jahren darüber aufgeregt habe, dass jemand so einen Mist schreibt. Dass das keineswegs alles harmlos ist, zeigen die beschriebenen Reaktionen. Hammer! Ich habe diesen schönen Blogpost bei mir verlinkt, siehe Pingback unten. Da geht es um genau diese Wertungen und um einen Versuch meinerseits, zu erklären, wo sie herrühren. Das ist auch in Bezug auf den Text von Anja Meier meine einzige Erklärung. Ich glaube, dass sie den Text aus Enttäuschung über sich selbst geschrieben hat – und aus einem daraus resultierenden Neid auf Menschen, die es, frei von Wertung, anders gemacht haben. Aber wie sehr das Gift ist, muss uns klar sein. Wertungen haben in unserem Miteinander nichts verloren.
      Wie gut, dass ich die Kommentare abonniert habe! Nochmal danke an alle!

  6. Mother of three | juna im netz

  7. die sache mit dem unsichtbar sein | unsichtbares

  8. Monatsabrechnung: Links zwischen Sommer und Herbst | Journelle

  9. Danke für diesen tollen Artikel! Und wieder einen Blog abonniert. (-:

    Ich habe gerade einen Blog gestartet und war auch lange unsicher, ob ich, die ich seit vielen Jahren „nur“ Hausfrau und Mutter bin, überhaupt irgendetwas zu erzählen habe, was irgendeine andere Frau interessiert. Ich habe dann angefangen, über meine Depressionen zu schreiben, die eben auch mit meinen Lebensumständen zusammen hängen und die Texte in ein Internetforum gestellt. Es hat mich sehr überrascht, wie viele Menschen sich von diesem Thema berührt und angesprochen fühlten und das hat mir Mut gemacht, damit an eine noch grössere Öffentlichkeit zu gehen.

    To whom it may concern – hier geht es los: http://ehrlichgesagt.net/2013/08/eiszeit-i/

    Ich denke, dass der alte Sponti-Spruch „Das Private ist politisch“ immer noch Gültigkeit hat…

  10. Kurz gefasst im Oktober 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit…

  11. Kurz gefasst im Oktober 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit

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