Ich will mich nicht mit Frau Kelle beschäftigen – aber ich muss

Die gute alte Rollenverteilung. Gegen sie anzukämpfen kann schwer werden. Kräfteraubend und belastend. Sich ihr hinzugeben auch. Zumindest für viele Frauen. Es ist schwer aus einer Norm auszubrechen – selbst, wenn sich eine einst bewusst dafür entschieden hat. Je eingefahrener Rollen werden, desto schwerer können sie aufgelöst werden. Soll-Lebenskonzepte sind immer schlecht. Für die, die sich in ihnen eingeschlossen fühlen, und für die, die sie nicht leben wollen oder können.

Der Kampf für jene, die ausbrechen wollen, wird neuerdings – vermutlich auch als Antwort auf den „Kind und Karriere“-Imperativ – zunehmend umgedeutet als ein Kampf gegen jene, die sich in den traditionellen Rollen wohl fühlen.

Ich merke – an mir und anderen Feministinnen – wie schwer vermittelt werden kann, dass Feminismus nicht heißt, Frauen Kochen, Häuslichkeit und Kinderjahre abzusprechen (Who’s afraid of cupcake feminism?). Zugegeben, es gibt feministische Strömungen, die dies alles verteufeln. Ebenso wie es Feministinnen gibt, die Stöckelschuhe und Lippenstift blöd finden. Und wenn noch so viel auf Hintergründe verwiesen wird, nicht selten kommt es bei Frauen, die genau so leben, als abwertende Bevormundung an. Warum diese Verurteilungen ein Schuss nach hinten sind, zeigt das Beispiel Birgit Kelle.

Eigentlich möchte ich Birgit Kelles Buch einfach nur ignorieren. „Dann mach doch die Bluse zu. Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ heißt es. Damit ist in Wirklichkeit schon alles gesagt. Kelle plädiert für die Akzeptanz eines konservativen Familienbildes und das Recht der Frau, Hausfrau und Mutter zu sein. Ich möchte den Kopf schütteln und weitergehen – wie nennt eine das, wenn eine andere so tut, als sei die Norm nicht die (in den Köpfen vorherrschende) Norm?

In einem Interview erklärt Birgit Kelle, dass sie wütend ist und warum: „Frauen, die freiwillig und gerne für ihre Kinder ein paar Jahre aus dem Beruf aussteigen, haben in Deutschland keine Lobby.“ Dass sie dabei tatsächlich nur Frauen meint, weil Kinderhüten eine rein weibliche Angelegenheit sei, macht diese Aussage höchst problematisch. Diese Sichtweise wiederholt Kelle auch gebetsmühlenartig, etwa auf Twitter, wenn sie betont: „Das Problem ist nicht der Unterschied zwischen Mann und Frau, sondern die Unfähigkeit, diesen zu akzeptieren“, oder in den vielen Interviews, die sie anlässlich ihrer Bucherscheinung gibt: „Wir erleben ja gerade, dass im Sinne von Gender Mainstreaming, das naturgegebene Geschlecht der Menschen aus dem Weg geräumt werden soll, weil es angeblich gerade uns Frauen so sehr in unserer Rolle festnagelt.“ (in: misesde.org)

Dieser Satz [Lesetipp Biologismus auf: Dr. Mutti] erklärt, warum die Frau, das Buch und die mediale Verbreitung ihrer Proklamation ernst genommen werden muss. Von Feministinnen. Birgit Kelle ist, wenn man so will, die Antwort auf durch und durch feministische Forderungen, die Hand in Hand mit dem Neoliberalismus gehen – und so, nicht nur für Menschen mit dem Wunsch nach alternativen Lebenskonzepten, angreifbar bzw. nicht erstrebenswert sind: Es geht um Frauen und Karrieren. Oder, was das Fatale dabei ausmacht, es geht ausschließlich um Frauen und Karrieren. Dieser Ansatz (oder das, was in der Mainstream-Berichterstattung davon übrig bleibt) ist kommt manchmal ausschließend (Alice Schwarzer) , manchmal besserwisserisch (Élisabeth Badinter) und manchmal hochnäsig (Bascha Mika) daher.

Wer sich nur ein bisschen mit Feminismus beschäftigt, weiß auch Strömungen zu trennen – oder sie in ihrer (einstigen) Bedeutung einordnen zu können. Skeptikerinnen finden sich allerdings bei Birgit Kelle und Co (vermeintlich) gut aufgehoben. Zum Beispiel wenn Bestrebungen eines an die Erwerbsarbeit geknüpften Feminismus in einer kapitalistischen Gesellschaft hinterfragt werden. Kelle: „Wir sollen befreit werden, indem man uns neuerdings aufzwingt die gleichen Lebenswege zu führen, wie Männer. Wir sollen Vollzeit in den Arbeitsmarkt integriert werden, um von dort aus kollektiv befreit zu werden.“ (in: misesde.org)

Das macht mir wieder einmal klar, wie gefährlich der „Kind-und-Karriere“-Feminismus ist – natürlich nicht für sich allein stehend gesehen (für jene, die sich angesprochen fühlen, hat dieser ja durchaus etwas Empowerndes), sondern in seiner öffentlichen Wahrnehmung bzw. wenn ihm ein Universalitätsanspruch zugewiesen wird.

… und wie plötzlich alle vergessen, dass (radikaler) Feminismus immer schon eine Aufwertung von Pflege- und Erziehungsarbeit gefordert hat – aber eben neben der Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit auch eine Neuorganisation der Arbeit insgesamt.

Die tatsächliche (!) Möglichkeit zu haben, sich für eine intensive Zeit mit seinen Kindern zu entscheiden, und diese zu nutzen, ist nicht un- oder antifeministisch!

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(Bild via strawberrymohawk.com (c) John Acker)

Erziehungsarbeit aufwerten – das ist eine feministische Forderung, aber Birgit Kelle spinnt ihr eigenes katholisch-konservativ-privilegiertes Konstrukt das da wäre Vater (Mann, Ernährer), Mutter (Frau, Hausfrau), Kind. Eigenartig mutet da an, wie ernst die Publizistin dabei genommen wird. Eine Forderung so abseits der Realitäten – und da muss eine noch nicht einmal „queer“ denken, sondern sich nur die Alleinerziehenden-Zahlen (und Geschlechter) anschauen. Auch Kelle verpackt ihre Forderungen unter dem Stichwort „Wahlfreiheit“. Ein Begriff, der verbraucht wie er bereits ist, nur mehr eine leere Hülle ist und den Blick auf die Realität verstellt, wie ich finde.

[Ein empfehlenswerter Text zur Illusion der so genannten Wahlfreiheit ist Mothers are not ‚opting out‘ – they are out of options von Sarah Kendzior: „Careers in this economy are not about choices. They are about structural constraints masquerading as choice. Being a mother is a structural constraint regardless of your economic position. Mothers pay a higher price in a collapsed economy, but that does not mean they should not demand change – both in institutions and perceptions.“]

Kelles Sätze schüren nicht nur Stereotypen, sondern auch journalistische Fragestellungen, die (mein) feministisches Blut gefrieren lassen – Abwertung von Pflege- und Erziehungsarbeit inklusive. Die Welt fragt etwa in einem Interview „Ist es nicht schade, dass Frauen, die so gut ausgebildet sind wie Sie, nach dem Studium einfach zu Hause bleiben? Eine studierte und vielleicht sogar promovierte Hausfrau und Mutter – ist das nicht Ressourcenverschwendung?“

Schlimm an derartigen Hausfrau-und-Mutter-Kontroversen ist, wie viele Lebenssituationen weiterhin in tote Winkel zementiert bleiben und wie weit weg ein breiter Diskurs über die Verknüpfung von Elternschaft und Vaterpflicht.

Birgit Kelle fordert also eine Lobby für sich und Frauen wie sie. Selbst hat sie ihre eigene Unsolidarität im Zuge der #aufschrei-Debatte eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Sie fühlt sich von Feministinnen bevormundet und merkt nicht, wie sie selbst durch die Reproduktion alter Mütterideale Frauen bevormundet – und schlimmer noch, damit den Druck auf Mütter erhöht.

Mutterschaft und Feminismus, das lässt sich nicht nur schwer zusammendenken – es passiert auch viel zu selten (oder verhallt zu ungehört).

Während in den siebziger Jahren Feministinnen Kinderläden gründeten, ist Mutterschaft in feministischen und queeren Debatten heute kein großes Thema mehr.

(Sonja Eismann, Fuckermothers in the house)

12 thoughts on “Ich will mich nicht mit Frau Kelle beschäftigen – aber ich muss

  1. Oh, Frau Kelle will also Erziehungsarbeit _wieder_ aufwerten. Da muss man sich nur fragen, wurde die denn jemals wertgeschätzt? So wie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als erwartet wurde, dass die Hausfrau und Mutter nach einem relaxten Tag mit Haushalt und Kinderschar ihrem müde aus der Arbeit (merke: was die Frau da den ganzen Tag macht, ist keine Arbeit) kommenden Mann die Schuhe auszieht (weil sie hat ja noch unendlich Energie), bevor sie ihm die sauber gewaschenen Kinder präsentiert und das Abendessen serviert?

    Man könnte Frau Kelle vielleicht mal das beste Rezept für Wertschätzung zuflüstern: Väter, die gleichberechtigt und vollverantwortlich ihren Anteil an Erziehungsarbeit leisten. Die wissen nämlich, wie anstrengend diese Arbeit ist. Ganz im Gegensatz zum klassischen Ernährervater, in dessen Vorstellungswelt Er arbeitet und Frau sich den ganzen Tag mit den Kindern amüsiert.

  2. Ich will mich nicht mit Frau Kelle beschäftigen – aber ich muss | frauenfiguren

  3. Danke, dass Du Dich mit Birgit Kelle auseinandersetzt! Als Entwurf hatte ich schon ewig ein Blopost zu ihr, sie kommt ja aus einer sehr christlich-fundamentalen Ecke und ist explizit homophob. Ich bin immer wieder überrascht, dass sie auch ‚Zugang‘ zu „seriöseren Medien“ wie z.B. dem Fokus bekommt.

    • Ich sage auch danke. Frau Kelle hat sich nach dem Erscheinen meines Buches bemüßigt gefühlt, mir eine Email gespickt mit katholischen Zuhausebleibtipps zu geben und bis heute fehlten mir die richtigen Worte. Aber hier sind sie ja jetzt! Danke. Nochmal!!!

  4. Frau Kelle hätte ein echtes Problem! | Mutterseelenalleinerziehend

  5. Links zur Antifeministin Birgit Kelle | fuckermothers

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