Natur, du bist nicht meine Mutter! Urlaubsgedanken übers Gebären

Ich bin am Ende der Straße aufgewachsen. Im Wortsinn. Dann war da noch eine steile und hohe Leite zum Fluss. Gebettet in eine Siedlung, umgeben von granitgeformter Natur. Sehr viel Natur.

Ich bin ein Stadtmensch geworden. Trotzdem. Deswegen. Meine Urlaube verbringe ich gerne in der Natur. Kompromissbedingt intensiver als es mein Bedürfnis ist. Es gefällt mir. Meistens. Oft. – Anders als Freund_innen von mir habe ich aber nicht den Drang, mich mit der Natur zu vereinigen, jeden See zu durchschwimmen, nackt auf Felsen herumzuliegen oder meine Füße im Schlamm zu vergraben. Ich gehe gerne barfuß durch den Wald und bade gelegentlich auch im Fluß. Manchmal besteige ich kleine Berge.

Ein besonderes Ich-Erlebnis löst die Natur in mir aber nicht aus. Zumindest nicht mehr oder anders als dies ein Yoga-Sonnengruß im Schlafzimmer, ein bewegendes Lied in den Ohren während der U-Bahn-Fahrt, eine ungebremste Bergab-Radfahrt durch Häuserschluchten oder der Blick über die Stadt am Rauchfang des Hochhauses lehnend tun.

Die Natur ist mir trotz meiner lebensanfänglichen Nähe zu ihr suspekt geblieben.

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(Bild via alexandrabellissimo.com (c) Alexandra Bellissimo)

Das Natürliche meines Körpers ist mir mitunter ebenso suspekt. Die intensiven Körpererfahrungen von Schwangerschaft, Geburt und Stillen haben mich zuweilen eingeschüchtert. Die Heimat meines Ichs und die Kontrolle darüber waren mir teils entglitten – ähnlich wie sich der Wald von mir nicht kontrollieren lässt, während ich in ihm schlafe, konnte ich plötzlich meinen Körper nicht mehr kontrollieren.

Die Schwangerschaft war der (anhaltende) Moment in meinem Leben, an dem ich plötzlich zu meinem Körper wurde. Ich sollte plötzlich Teil „der“ Natur sein – oder zumindest jetzt Teil von ihr werden. Die Geburt, keine Angst, so versicherten mir viele, sei das Natürlichste der Welt und Frauen seien dazu gemacht, diese zu „schaffen“. Sehr positiv bestärkend. Sehr flauschig. Sehr entlastend.

Bis es umschlägt. Untergraben Denkweisen wie diese doch elegant konkrete Ängste und drosseln Fragen nach schmerzlindernden Mitteln und zur Disposition stehenden Möglichkeiten. Die Geburt zu schaffen steht für „sie so natürlich wie möglich“ zu schaffen. Natürlich, das heißt ohne Hilfsmittel, das heißt vaginal. Natürlich das heißt ohne traumatische Erfahrung und in Vertrauen auf die Natur. Der Imperativ vom Sich-Fallen-Lassen und Sich-Hingeben impliziert den „Selber-Schuld-Vorwurf“, wenn’s nicht nach Plan läuft.

Ich vertraue der Natur nicht. Natur ist für mich nicht das Reine und das Schöne. Ich definiere mein Frausein nicht über Naturparameter – und nicht mein Muttersein. Ich will mich keiner Natur hingeben oder gar in ihr aufgehen. Ich wehre mich dagegen auch, gerade weil ich eine Frau bin. Weil die Philosophie von der Frau als Natur, von der natürlichen Weiblichkeit, vom naturgegebenen Mutterinstinkt und von der natürlichen Bestimmung als Gebärende eine Widerrede zu feministischen Forderungen darstellt. Nicht weil es keine Frauen gibt, die sich so definieren oder empfinden, sondern weil es Frauen gibt, die es nicht tun. Weil Frauen und ihre Leben mit diesen Bestimmungen fremd-definiert wurden und immer noch werden. Und weil diese Zuschreibungen das Fundament von Frauen-Diskriminierungen sind.

Das Dilemma ist, dass eine Argumentation wie diese eine aktuelle Entwicklung unterstützt, die Frauen ihre Autonomie auf andere Art entledigt und in exzessiver Pränataldiagnostik und Kaiserschnitt-Empfehlungen mündet (dazu auch: Empfange. Gebäre. Sei glücklich.). Scheinbar. Eine Geburt, die weder Schulmedizin (resp. Ver/Absicherungs- und Risikodenken) noch das Diktum vom Naturwesen Frau bestimmt, sondern die Betroffene selbst.

Wählen können. Eine der wichtigsten Forderungen für feministisches Gebären. Wer immer wieder vorgebetet bekommt, dass es die eine natürliche Variante einer Schwangerschaft und Geburt gibt und wie diese auszusehen habe, hat keine Wahl.

Die einen wollen den Bergsee erleben und tauchen in das kalte Wasser ein. Andere klettern auf den kleinen Hügel und beobachten die klare Oberfläche von oben. Und wieder andere streifen am Ufer entlang, um ab und zu die Füße abzukühlen. Und wer genießt den See am richtigsten?

Eben.

6 thoughts on “Natur, du bist nicht meine Mutter! Urlaubsgedanken übers Gebären

  1. Durch und durch ein Großstadtmensch sehne ich mich oft nach der Natur.
    Urlaub in der Pampa. Am Wochenende, als Kind noch klein war, immer raus in den Wald etc.
    Frische Luft. Weiter Blick….
    Aber die Natur bietet nicht nur Entspannung.
    Sie kann gefãhrlich sein, einen in Grenzsituationen bringen.
    Ich hab das nie verstanden, warum gerade die Frauen näher an der Natur sein sollen, als Männer. Die Sache mit dem Gebären….
    Meine Schwangerschaft war ganz nett, aber nichts, was ich wiederholen müßte. Nett daran war vor allem, dass ich mal Zeit für mich bekam, mir keiner übel nahm, wenn ich mich um mich kümmerte.
    Mein Kind kam zu früh und saß hartnäckig mit dem Kopf nach oben.
    Trotz indischer Brücken und sonstigem Kind-umdreh-Gedöns. Seine Natur war: ok, ich dreh mich dir zuliebe mal um, aber später wieder zurück. Dickkopf, verdammter.
    Also Kaiserschnitt.
    Von den natürlich Gebärenden in der Klinik wurde ich milde von oben herab behandelt, wenigstens konnte ich nichts dafür.
    Ich hätte meinem Kind eine natürliche Geburt gewünscht, ICH war nur begrenzt böse darüber, drum herum gekommen zu sein.
    Natur- für Frühchen oft der Tod.
    Ich war froh, nur wenig High-Tech-Medizin zu brauchen. Aber es gab sie.

    Später dann, war es verpönt, das Kind natürlich aufwachsen zu lassen.
    Waaaas, du stillst noch?
    Meine Wahl: einem Kind, das zu früh in unserer Reizwelt geschmissen wird und erstmal in einem Glaskasten leben muss, lasse ich die Zeit , die es braucht.
    Waaaas, es schläft im Elternbett?
    Meine Wahl : ist das nicht natürlich bei Säugetieren?
    Waaas, du gehst nach 4 Monaten schon arbeiten?
    Meine Wahl: ich brauch mehr als Kinderkram, der Vater und eine liebevolle Kita waren für das Kind da.

    Aber dann: ein entwicklungsverzögertes Kind darf nicht erst mit 8 eingeschult werden, auch wenn es noch nicht reif für die Schule ist.

    Wenn Kind und Mutter beide nicht mehr können, Pause brauchen …..jedes Tier würde sich zusammenrollen und schlafen wenn es müde ist, sch….. was auf dieses natürliche Verlangen.

    Ist es die Natur der Frau, zu leiden und zu erdulden?
    Männerfantasien.

    Eins sein mit der Natur.
    Das ist mehr als durch den See zu schwimmen.
    Wir machen die Natur kaputt. Aber ein Auto weniger kommt nicht in Frage.
    Wie sollte man den sonst zu dem tollen See kommen?

    Du hast einen feinen Text geschrieben!

  2. Danke für diesen Post! Ich wurde mir schon am Anfang der ersten Schwangerschaft bewusst, dass das gar kein so natürlicher Zustand ist. Monatelanges Erbrechen bei allen Gelegenheiten fand ich spontan irgendwie nicht normal. Damals wie heute ist es eher, dass ein Alien Besitz von mir ergriffen hat und ich finde recht häufig, dass 9 Monate eine unglaublich lange Zeit sind. Klar ist es dennoch aufregend und schön, aber ich finde es eher ernüchternd in die Rippen getreten zu werden und weniger erfüllend.
    Ich würde es sogar als ganz unglaublich bezeichnen. Es ist erst monatelanges Training und dann kommt der Ironman. Ironischerweise spricht dieser Wettkampf eher heldenhaft durchtrainierte Kerle an. Und Millionen Frauenkörper leisten genau das, mal so nebenher. 1. Disziplin: Endspurt. 2. Disziplin: Geburt. 3. Disziplin: die ersten Wochen und Monate mit Säugling. Oft dazu weitere Kinder und/oder Haushalt, Arbeit etc.
    Je länger ich in diesem Zustand lebe, desto erstaunter bin ich tatsächlich, was so ein Körper alles schafft ohne gleich zusammen zu brechen.
    Und ich finde Geburten eher unschön. Sie sind nicht das Highlight, sondern anstrengend und schmerzhaft. Das Babyhaben find ich allerdings wunderbar. Und je älter sie werden, umso besser wird es…

    Auch dass Stillen als so unglaublich natürlich angepriesen wird ist mir etwas suspekt. Nicht Stillen ist ein elterlicher Instinkt, sondern dass man seinem Kind Essen gibt bis es satt ist.
    Es ist ein bisschen, als müsste man Frauen und Männern heute das Kinderkriegen hübsch verpackt schmackhaft machen, weil es eigentlich was schlechtes ist… Auch das ist eine seltsame Ansichtsweise.
    Vielleicht weil es nicht mehr normal zu sein scheint, Kinder zu haben. Weil eine reale Option auf Sex-aber-keine-Kinder-haben besteht. Die meisten Menschen auf dieser Welt jedoch bekommen Kinder, weil sie Sex haben und eben schwanger werden. Da muss man gar nix als ’natürlich‘ etikettieren. Das sind schlicht die Hormone…

  3. Was vom Tage übrig blieb… | gut, ich werd dann mal … feministin

  4. Danke für diesen Blogeintrag. Ich lese ihn zwar spät, aber doch freue ich mich sehr endlich viele meiner Gedanken zum Thema Geburt und Muttersein hier wiederzufinden. Bevor ich schwanger wurde, habe ich mich intensiv damit auseinander gesetzt und war erschüttert, als ich feststellen musste, dass die meisten VertreterInnen meiner politischen Auffassungen meiner Meinung nach sehr antiemanzipatorische Auffassungen zum Muttersein zu vertreten scheinen und mit einer Vehemenz, der man sich kaum entziehen kann. Seit dem fühle ich mich etwas heimatlos, weil die Lifestyle-Linken um mich, mit denen ich sonst bei vielem d’accord gehe und in denen ich oft meine peer group sehe, ihre Babys stets an sich tragen, die totale Selbstaufopferung der Mutter zum Ideal und die Mutter zum Zentrum des kindlichen Universums machen und sich in evolutionistischem Gerede über natürliches Gebären und Erziehen (oder vielmehr Nicht-Erziehen) ergehen. Dank deiner Worte weiß ich nun, dass ich das nicht als einzige suspekt finde.

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