Nein, ich höre nicht auf zu jammern

Ich ärgere mich. Über den Spiegel-Artikel Karriereknick nach der Babypause: Frauen, hört auf zu jammern von Miriam Collée und Katrin Wilkens. Sehr. Auch wenn am Ende etwas steht, das ich unterstreiche: „Soziologin Allmendiger geht sogar einen Schritt weiter. Für sie sind 32 Stunden ‚die neue Vollzeit‘, und zwar für alle: Mütter, Väter, Kinderlose. Statt individueller Überforderung, steigenden Burnout-Zahlen und sinkenden Geburtenraten bliebe so allen Zeit für Weiterbildung, Kindererziehung, Pflege der Eltern – oder für sich selbst.“ – Und warum, frage ich mich, vorher dann dieser ganze Schmafu? Ganz einfach: Das Ganze ist in Wirklichkeit nicht mehr als ein PR-Artikel für die Beratungsagentur der beiden Autorinnen.

Zum 100. Mal stelle ich mir die Frage: Wer hat das Unding „Kind und Karriere“ eingeführt und warum muss es nach wie vor in jedem Artikel, in dem es um Frauen und Kinder geht, bemüht werden? Wieso wird in der Feuilleton-Debatte um Gleichberechtigung immer die Mehrzahl der Lebensrealitäten ausgeklammert?

Vermutlich ist die Antwort eine simple: Es schreibt sich einfach leichter und bequemer gegen Frauen und ihre Verhaltensweisen an als gegen ein (patriarchales) System, das Handlungen und Entscheidungen für Frauen in Bezug auf Reproduktionsarbeit vorgibt oder zumindest einschränkt. Über den (angeblich?) bedrohlichen „Biedermeier-Trend“ hat übrigens Élisabeth Badinter schon in „Der Konflikt – die Frau und die Mutter“ geschrieben – allerdings, gelinde gesagt, um einiges differenzierter und darum richtiger. Die französische Feministin warnt vor einem reaktionären Mutterbild, das Frauen wieder zurück an den Herd drängt. Der Druck, ein nachhaltiges Leben zu führen, ist damit eng verwoben: Mehrweg-Windeln, Bio-Brei, selbst genähte Strampler – und, schwuppdiwupp, wer ist plötzlich wieder mehr mit häuslicher Arbeit beschäftigt? Das kann ein durch und durch selbst gewählter Weg sein. Von außen und oben diesen aber als den güldenen zu preisen erzeugt eben den Druck, der Erwartungshaltungen gegenüber Müttern formt.

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(Bild via cargocollective.com (c) Marlies Plank)

Aber ich schweife ab. Denn die Autorinnen „erlauben“ es den Müttern, sich ein paar Jahre eine Auszeit zu nehmen. Doch Vorsicht: „(…) das Zeitfenster, in denen die Kinder ein Händchen zum Laufen, Fahrdienste zum Hockey, Seepferdchen- oder Einradkurs brauchen, ist verhältnismäßig klein. Theoretisch könnten wir nach fünf, sechs Jahren Familienzeit den Fokus wieder verstärkt auf den Job legen und im besten Fall mit Anfang, Mitte 40 noch ein zweites Mal durchstarten. Auf die nächsten 20 Jahre! Der Haken ist nur: Die wenigsten wollen es. Weil das heißluftblasende Marketing, die trockene Jurawelt oder die moralisch schwer vertretbare Bankkundenberatung ihre Anziehungskraft verloren haben. Weil man feststellt: Eigentlich habe ich da noch nie richtig hingepasst.“

Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage: Von welchen Frauen reden die beiden Autorinnen eigentlich? Vor lauter Nähen, Dekorieren und Kochen scheinen unendlich viele Mütter zu vergessen, dass es da noch eine Karriere gibt, die weitergeführt werden will. Ähm … ja, genau. Zuerst einmal aussortieren: Alleinerziehende – von euch reden wir gleich gar nicht. Ist ja auch viel zu kompliziert mit euch immer! Und auch ihr Familien, die ihr zwei Gehälter zum Überleben braucht, euch können wir jetzt nicht berücksichtigen. Ihr seid einfach Spaßverderber_innen! War da noch etwas? Die Frauen also, die Ketchup selber machen und in Retro-Gläser füllen. Ich kenne sogar ein paar, die das praktizieren. Sie sind nicht einmal Mütter und tun es trotzdem. Ihnen ist ihr Leben nämlich zu schade für eine so genannte Karriere.

Es ist wirklich müßig und mühselig.

Diese beständigen Anrufungen an Mütter, doch ihr Leben endlich besser in den Griff zu bekommen. Und im gleichen Atemzug denen, die kämpfen und strudeln, vorwerfen, doch selber dafür verantwortlich zu sein (die „Teilzeitfalle“ lässt grüßen). Wenn es dann Frauen und Mütter sind, die das tun, verdrießt es (mich) gleich doppelt.

Niemals. Nicht. Ein. Wort. Von. Den. Vätern.

10 thoughts on “Nein, ich höre nicht auf zu jammern

  1. Danke!
    Ich empfand den Artikel auch als – ähem – wenig gelungen.
    1. ist Karriere tatsächlich nicht für jeden das Mass aller Dinge. Die mit den Kindern verbrachte Zeit erscheint mir oft sinnvoller genutzt als die, die auf der Arbeit bleibt…
    Und neben TZ-Job und Kindern noch ein oder zwei Interessen zu kultivieren, die sich nicht finanziell verwerten lassen, erscheint mir auch nicht völlig verantwortungslos…
    2. gäbe es auch bei einer 32h-Woche noch genug Leute, die „freiwillig“ mehr arbeiten würden, um ihre Karriere voranzubringen. Frei nach dem Motto: Karriere macht nicht der/die Bestgeeignete, sondern derjenige, der sich „stärker engagiert“, sprich Sachen macht, die andere nicht tun würden. 60h-Wochen hat auch so wohl niemand im Arbeitsvertrag stehen. Trotzdem kenne ich einen Vater, der da locker drauf kommt. Die Frau ist zu Hause und „hält den Rücken frei“. Im Prinzip arbeiten dort also zwei Menschen an einer Karriere. Klar kommt der im Unternehmen voran…
    Und ist dann wiederum das Mass aller Dinge für jeden, der dort Karriere machen möchte. Aber da kann doch selbst die Vollzeit arbeitende Mutter, die ihre Kinder um 17.30 Uhr aus der Kita abholen muss, nicht mithalten, das ist doch alles Augenwischerei.
    Beste Grüße, effi

  2. In Meinen Augen gehen Spiegel Artikel zu diesen Themen schon lange an der Lebenswirklichkeit vorbei und die Kommentare darunter regen mich auch nur auf. Da setze ich meine Zeit doch sinnvoller ein und lese z.B. Blogs🙂

  3. Und was immer vergessen wird: Wenn man Karriere als inneres Reifen begreift, wenn man nicht den von Männern definierten Erfolgs-Begriff für das Maß aller Dinge hält, ist man keine Randgruppe! Sondern man ist dann einfach weiter. Weiser. Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe meine Kinder. Und ich liebe es, den Garten zu gießen und aus dem, was da wächst, Chutney oder Kuchen zu machen. Das macht mich aber nicht zum Heimchen. Sondern das macht mich ausgeglichen, glücklich und gesund. Aber solange ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich keine „Karierre“ im klassischen Sinne machen will, wird sich nie etwas ändern…

  4. Vielen Dank für diese differenzierte Sichtweise auf diesen ärgerlichen und anmaßenden Artikel.
    Und toller Beitrag, Grit Hasselmann.

  5. Mädchenmannschaft » Blog Archive » Anschreiben gegen alle *ismen – Die Blogschau

  6. „Von welchen Frauen reden die beiden Autorinnen eigentlich?“

    ganz einfach: wenn du dich im text nicht repräsentiert fühlst, dann ist von anderen die rede.

  7. Die zweite Perspektive. Wie es auch ist. | aufZehenspitzen

  8. Einmal Eiskönigin und ganz viel wirres Mütter-Bashing – aufZehenspitzen

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