Ein Liebesfilm gegen das Gesetz

Anstelle der zugegeben stets vernachlässigten Serie Das Lied zum Freitag heute „Der Film zum Freitag“: Die 727 Tage ohne Kamaro.

Der Film ist gelb geworden. Gelb ist eine mutige Farbe, eine auffallende und eine fröhliche. 20 binationale Paare eingetaucht in gelbe Requisiten. Gelb zieht sich durch ihre Leben, deren sonstiger gemeinsamer Nenner eine Liebe ist, die Grenzen überschreiten will. Nur eine Frau und ihr Kind bleiben weiß. Sie sind auch die einzigen, die stumm bleiben. Die Frau hält Kind und Hund am Schoß. Die Lippen verformen sich. Schließen sich wieder lautlos. Dann steht sie alleine neben einem Weihnachtsbaum in einer U-Bahnstation hinter Glas. Leere. Innere und äußere. Die Kamera lässt die Frau zurück. Ihre Geschichte ist die unerzählte in Anja Salomonowitz’ Film “Die 727 Tage ohne Kamaro“. Und auch von den anderen Menschen und ihren Geschichten werden nur Ausschnitte wiedergegeben. Gemeinsam bilden sie als Kollektiv eine Erzählung. Unterschiedliche Stationen, unterschiedliche Menschen, ein dramaturgischer Bogen. Es ist eine Erzählung vom Fremdenrecht in Österreich und wie dieses Lieben und Ehen drangsaliert, trennt und zerstört. Es ist eine traurige Realität, aber der Film jammert nicht. Er ist gelb. Szenisch. Skurril. Still.

Salomonowitz führt die Paare nicht in ihrem Schmerz vor. Einmal weint ein Mädchen. Ein anderes Mal betet ein Mann. Wieder ein anderer Mann raucht in die Nacht. Die Kamera bleibt statisch, ruhig, beobachtend. Manchmal ist sie ganz nah. Aber fast immer in beobachtender, respektvoller Distanz. Eine Frau redet in ihre Näharbeiten hinein, geduckt und leise. Eine andere schmeißt ihre Wut gefasst und direkt in die Kamera. Eine Stimme aus dem Off (Angela Magenheimer, Ehe ohne Grenzen) füllt den filmischen Essay mit Fakten. Die Erzählungen berühren die Geschichten der Protagonist_innen, aber bleiben nicht an ihnen kleben oder schöpfen daraus emotionalisierendes Potenzial. Betroffen macht der Film trotzdem. Aber erst wenn er bereits weit fortgeschritten ist.

Die ersten Erzählungen sind teils grenzwertig inszeniert als groteske Momentaufnahmen von schrulligen Menschen. Ein Mann im gelben Overall startet einen Hubschrauber im gelben Blätterwald. Eine Frau verliert sich zwischen gelben Dokumentenordnern und Papieren. Ein Mann im abstrus-gemusterten Schlafanzug verheddert sich beim Skype-Telefonat mit seiner Frau bei jedem zweiten Wort. Bevor die Dokumentation abrutscht ins Banal-Voyeuristische, ins Sozialpornografische, dreht sie um. Standard-Situationen werden konstruiert. Ein Baumschnitt als Parodie. Ein Brief vom Vater als kalter Schlag ins Gesicht. Nicht die Menschen sind absurd, nicht ihre Wünsche, nicht ihre Begehren. Das Gesetz ist absurd, die Bürokratie ist Kafkas Schloss. Die Brutalität ist schwer fassbar. Aber die Menschen sind nicht absurd. Sie sind mutig. Doch mutig alleine reicht nicht. Davon erzählt der Film. Stark alleine reicht ebenso wenig. Davon erzählt der Film auch. Gelb ist die Farbe der Erkenntnis.

“Ich persönlich bin an diesem Fremdenrecht gescheitert“, sagt die Frau am Ende des Films. Es ist keine Anklage, sondern erlebte Realität. Salomonowitz’ Verzicht auf Emotionalisierung und Dramatisierung ist eine trotzige Antwort auf eine kalte Gesetzgebung und ihre Umsetzung. Eine Positionierung und ein Schutzwall zugleich. Ein wichtiges Plädoyer.

Ö-Filmstart: 6. September 2013

Die 727 Tage ohne Kamaro (Anja Salomonowitz): zum Trailer

Bild 3(Screenshot: 727days.com (c) Anja Salomonowitz)

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