Und mit wem bist du verbandelt?

Barbara Vorsamer erklärt in der Süddeutschen Zeitung gut nachvollziehbar, warum Gender-Essen und das generische Maskulinum Feministinnen zurecht aufregen und keine Energie-Verschwendung sind: „Die alltäglichen Kleinigkeiten haben viel damit zu tun, wie wir Frauen und Männer wahrnehmen – und damit auch mit der Verteilung von Macht und Geld.“ Sie wirft ihren Blick auf die vielen kleinen Mosaikteilchen, die Sexismus in Deutschland (und dasselbe gilt auch für Österreich) ausmachen: „Solange in unserem Unterbewussten noch Männer die Chefs sind, ist es wichtig, auf sprachliche Feinheiten ebenso sensibel zu achten wie auf Stereotypen in Texten und Klischees in der Werbung. Und hier genauso auf Gleichberechtigung zu pochen wie bei Bezahlung, Aufstiegschancen und Kinderbetreuung. Denn die Wahrnehmung beeinflusst die Realität. Und umgekehrt.“

Jajaja, ich nicke zustimmend. Und doch. Da ist ein Alarmknopf, der in mir schrillt. Immer dann, wenn sich Feminismus und Kapitalismus vermischen – oder, besser, vermeintlich vermischen. Geht es letzten Endes nur um Geld und Macht? Mir eigentlich nicht. Oder vermutlich hängt Vieles an der Definition von „Macht“. Differenzierungskategorien machen nicht nur etwas mit Menschen, sondern auch in ihnen. Es geht auch darum, dass es ebenso wenig OK sein kann, wenn definierte Schönheitsideale Auswirkungen auf die persönliche Freiheit von Frauen haben. Oder wenn Interessen, die nicht der Norm entsprechen, mehr oder weniger gesteuert untergraben werden. Und natürlich geht es ums „als-anders-definiert-Sein“. Es geht um Unterdrückung und Diskriminierung auf vielen Ebenen. Ihre Auswirkungen auf Geld und Macht sind enorm, aber ihre Einschränkungen des Lebens einzelner ebenso. Ich finde eine einseitig ausgerichtete Argumentation auch deshalb problematisch, weil diese irgendwann darin endet, Gleichberechtigung in Richtung männlichen Ist-Zustand definieren zu wollen. Was wiederum zur Folge hat, dass andere Lebenskonzepte abgewertet bleiben.

Vadim-Zakharovs-Danae02

(Bild via ignant.de (c) Foto Daniel Zakharov: Dokumentation der Installation „Danaë“ von Vadim Zakharov/Biennale di Venezia 2013)

Wenn wir schon von so genannten „Karrieren“ reden: Sicher, die traditionelle Benachteiligung der Frau am Arbeitsmarkt etwa hängt auch mit der klassischen Rollenverteilung in Ehen zusammen, was wiederum mit der Unterordnung aufgrund der Geld-Macht-Situation in Zusammenhang steht. Solche Schieflagen gehören geebnet – stellt sich die Frage in welche Richtung. Soll eine bestehende Norm aufrechterhalten oder aber strukturell bedingte Einschränkungen radikal aufgebrochen werden?

Der Neoliberalismus tendiert dazu Ideen zu instrumentalisieren – auch feministische [weiterführende Lektüre: Antje Schrupp über Nancy Fraser (Feminists should think big)]. „Aber was heißt hier Emanzipation?“ fragt die Geschlechterforscherin Jette Hausotter. „Denn das erfolgreich von Heim-und-Herd emanzipierte Subjekt Frau, das derzeit einen Hype erfährt, ist zugleich das ‚Subjekt par Excellance des Neoliberalismus‘ (…). Das individualisierte Erfolgskonzept (mein Job, meine Partnerschaft, meine Kinder, meine Vereinbarkeit), das hier propagiert wird, stimmt in auffällig vielen Punkten mit der neoliberalen Hegemonie der Individualisierung überein.“  (Lesetipp: Zwischen Emanzipation und Einpassung: postfeministische Verwicklungen in Politik und Popkultur).

Und so wenig neu diese Gedanke und Überlegungen sind, so wenig wurden sie in den Mainstream(-Feminismus) übernommen. Fest steht: Der Neoliberalismus strebt nicht nach Solidarität oder Gerechtigkeit, und auch nicht nach Antiklassismus oder Antirassismus. Sich also mit so einem (argumentativ) verbandeln oder doch lieber eigene Wege gehen? Ich plädiere für letzteres.

3 thoughts on “Und mit wem bist du verbandelt?

  1. Lesetipp dazu von Birgit Sauer über den Zusammenhang von Neoliberalismus, Staat als Gewaltmonopol usw. „Staatlichkeit und Geschlechtergewalt“ 2009 und
    „Geschlechtsspezifische Gewaltmäßigkeit rechtsstaatlicher Arrangements und wohlfahrtsstaatlicher Institutionalisierungen“ 2002

  2. Applebaum bei Illner, Wen wählen??! & DIY-Action « Reality Rags

  3. Lesenswertes der letzten Zeit – Stillen, Arbeiten und Basteln | feministmum

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