Vom Reden und Streiten

Der Abstand verändert die Perspektive. Wie sooft.

Vor einiger Zeit habe ich den Raum verlassen, in dem ich es mir während der Karenzzeit bequem gemacht habe. Ich meine damit nicht Bascha-Mika-Mäßiges, sondern meine kleine feministische Welt. Oh, wie sehr wurden mir mit den Diskursen, die ich verfolgte und an denen ich mich manchmal zu beteiligen versuchte, die Augen geöffnet. Mein Denken hat sich unglaublich verändert, meine Einstellungen auch. Immer klarer schienen Zusammenhänge zu werden. Diskriminierung und Privilegien. Differenzfeminismus und Gleichheitsfeminismus. Reproduktionsarbeit und Lohnarbeit. Sexismus und (neuestes Thema zum Verlieren:) Adultismus. *ismen generell.

In diesem Raum habe ich erlebt, wie und was andere Menschen verletzt. Habe mich selber verletzt gefühlt. Möglicherweise selber verletzt. Ich habe eine Wut in mir entdeckt, die groß werden kann. Und Schwächen, die ich nicht kannte. Aber es war ein „wir gegen den Rest der Welt“. Ich fühlte mich gut gebettet. Entdeckte neue Heldinnen.

Und dann habe ich den Raum verlassen und bin zurückgekehrt in die Lohnarbeitswelt, in den Journalismus, in die Themenwelt des Alltags und des Boulevards, in die Schnelllebigkeit, in die Welt der Stereotypen. Nicht als Beobachterin, sondern als Teil davon. So viel fühlt sich falsch an und die eigene Winzigkeit ist nicht einmal mehr messbar. Unter ferner liefen. Täglich könnte ich zermürbende Gespräche über Sexismus, Rassismus und Diskriminierung führen. Mehrmals. Aber wo anfangen?

Die vielen Streitigkeiten „Gleichgesinnter“, die ich in letzter Zeit auf Twitter und sonst wo im Netz verfolgt habe, lassen mich nicht los. Ich weiß, wie wichtig tief und tiefer gehende Auseinandersetzungen, intellektuelle Streitkämpfe und Wortklaubereien sind. Ich weiß, wie viel diese beitragen, sich auch selber weiterentwickeln zu können. Aber einmal mehr habe ich das Gefühl, dass diese Konflikte die Kraft nehmen, Konflikte außerhalb dieser Blase zu führen. Konflikte, die auf einer anderen, sehr konkreten Ebene ansetzen müssen, um weitergetragen zu werden, wie ich finde.

Es ist ein Dilemma. Wenn nur die Diskussionen zwischen Menschen anders ablaufen könnten … Und wenn Feministinnen untereinander bemühter sein würden, anstatt grantig auf problematische Formulierungen hinzuhauen (Anm.: Dabei geht es mir gar nicht um die Diskussionen von Theorien und Ansätzen, die naturgemäß heftiger ausfallen können und sollen, sondern um das Niedermachen von Formulierungen und Ansichten auf sehr persönlicher Ebene) …

Wenn, dann. Auch keine Lösung. Aber zumindest eine Vision.

Reden wir miteinander.

Reden wir miteinander, um mit anderen streiten zu können.

(Bild via Frauenmediaturm)

4 thoughts on “Vom Reden und Streiten

  1. Geschlechtslos, Wütend & NSA « Reality Rags

  2. Du sprichst mir aus dem Herzen. Wie in der linken oder oocupy-Szene wird auch innerhalb der Femi-Szene zuviel mit sich selbst beschäftigt und Grabenkämpfe geführt, anstatt Gemeinsamkeiten zu suchen. Mit denen die einmal mit dem Prädikat ’nicht der richtige Feminismus‘ abgestempelt wurden, findet meiner Meinung nach kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung statt und der direkte Austausch wird nicht gesucht ( Femen, Alice Schwarzer ).

    • hm, ich finde es schon gut und auch sehr wichtig, sich mit sich selbst zu beschäftigen. ich habe auch mehr den umgangston gemeint, der manchmal so hämisch und harrsch daherkommt. was femen anbelangt hatte ich zB schon den eindruck, dass der direkte austausch vielfach gesucht wurde – aber eben ins leere ging und ohne antwort blieb. ich finde es auch gut, dass erst gar nicht der versuch besteht, einen einheitsfeminismus zu kreieren. was mich nur manchmal stört, ist die respektlosigkeit vor- und die gehässigkeit untereinander. die wiederum lässt nämlich viele verstummen und das finde ich schade. aber ich finde auch, dass ein manchmal arrogantes abstempeln und zurechtweisen (abseits der „großen“ figuren) stattfindet. was im grunde ok ist, um sich selber zu positionieren, aber auch problematisch sein kann, weil es dann kein vorwärts mehr gibt, sondern eher eine abwehrhaltung gegen andere. (es fällt mir schwer dieses gefühl auf dieser meta-ebene abzuhandeln, weil ich in keine konflikte integriert war, diese aber immer wieder mitverfolgt und bedauert habe)

  3. Finde ich mich auch sehr drin wieder!
    Manch eine(r) macht ja manchmal den Eindruck, mit der totalen Awereness auf die Welt gekommen zu sein. Nein! Das ist ein Prozess.
    Und bei mir liegt das auch noch nicht lange zurück. Bei mir war das nicht mal mit einem Cut verbunden (obwohl ich auch Elternzeit hatte). Und jetzt? Soll mensch jetzt die, die die Ansichten weiter vertreten, die mensch auch vor kurzem noch vertreten hat kritisieren? Die Antwort muss „Ja.“ lauten. Aber es fühlt sich sehr merkwürdig an.
    Und unterbleibt daher leider oft.😦

    @Elaria

    Jaja, die Grabenkämpfe bei den Linken, das stimmt leider. Neulich hatte ich eine spannende Diskussion über Kapitalismuskritik (endlich mal im Real Life!). Prompt gabs nen Literaturtipp, und was war dort zu lesen? Da es ein eher anarchistisch ausgerichteter Autor war, gabs erstmal ne Abrechnung mit dem Marxismus. Na, schönen Dank! So wirds nix mit der Revolution.😉

    Gemeinsamkeiten suchen! Das ist ein ganz wichtiger Imperativ.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s